Buchrezensionen

Regina Deckers: Die Testa velata in der Barockplastik. Zur Bedeutung von Schleier und Verhüllung zwischen Trauer, Allegorie und Sinnlichkeit, Hirmer-Verlag 2010

Was könnte schwieriger sein als die Darstellung eines hauchdünnen Schleiers in Stein? Wenn man nicht wüsste, dass es so etwas tatsächlich gibt, würde man sagen: das ist nicht schwierig, sondern unmöglich, besonders dann, wenn dieser Schleier auch noch durchsichtig sein soll. Regina Deckers hat sich diesem außergewöhnlichen Motiv der Bildhauerei in ihrer Dissertation gewidmet. Stefan Diebitz hat es mit Interesse gelesen.

Vielleicht gibt es keinen besseren Ausweis für die Kunstfertigkeit eines Bildhauers als die Beherrschung dieses Motivs, aber als bloßer Ausdruck von Virtuosität besäße es noch kein großes Interesse für uns. Tatsächlich aber gehört die Verschleierung des Gesichts oder auch nur des Haares zu den menschlichen Gesten, die kaum einen Betrachter ungerührt lassen und so schließt sich an sie eine ganze Fülle von künstlerischen, kulturgeschichtlichen und anthropologischen Fragen an. Entsprechend anregend muss die Beschäftigung mit diesem Thema sein. In ihrem Buch zeigt sich Regina Deckers diesem Thema dank einer erstaunlichen Gelehrsamkeit gewachsen.

Es sind eigentlich zwei Aspekte, die bei der Behandlung dieser Thematik im Mittelpunkt stehen, nämlich einerseits die kulturgeschichtliche Frage nach der Bedeutung von Verhüllung und Entschleierung und andererseits die Darstellung der Geschichte des in Stein geschlagenen Schleiers. Die kulturgeschichtliche Seite behandelt Deckers gleich in mehreren Kapiteln, die so souverän und sachlich gestaltet sind, dass sie fast als Nachschlagewerk durchgehen können; dabei ist insbesondere die Nacherzählung der antiken Mythen durchaus kurzweilig. Meist tritt die Verschleierung als Ausdruck von Scham oder Trauer auf, aber auch Leichen werden immer wieder verhüllt gezeigt.

Der griechische Maler Timanthes war wahrscheinlich der erste Künstler, der in der Verschleierung eines Menschen (nämlich des Agamemnon in seiner Darstellung der »Opferung der Iphigenie«) zweierlei zum Ausdruck brachte. »Erstens die Aufforderung an den Betrachter, sich selbst die Äußerungen der Empfindungen vorzustellen, und zweitens der Appell an den Künstler, die Bandbreite der menschlichen Ausdrucksfähigkeit bis an die Grenze des darstellerisch Möglichen auszuschöpfen. Erst das Verborgene offenbart dem Blick die Schwelle von künstlerischer Fertigkeit zum bildnerisch nicht Darstellbaren.«

Fortsetzung von Seite 1

Es liegt nahe, in einem Schleier ein Pendant zum Unsagbarkeitstopos der Dichtung zu sehen, aber tatsächlich ist bereits der gemalte Schleier viel mehr als die stereotype Formel, man könne etwas nicht in Worten ausdrücken. Es ist ja nicht der Künstler, der sich für unfähig erklärt, ein Gesicht abzubilden, sondern der oder die Dargestellte verweigert den Blick auf das Gesicht. Innerhalb eines emotionalen Geschehens stellt die Verschleierung eine bedeutungsvolle Geste dar. Bei einer Plastik sind darüberhinaus die gewaltigen technischen Schwierigkeiten eines Schleiers zu bedenken, die viel größer sind, als es die Ausarbeitung des Gesichts wäre, zumal dieses sich sehr oft trotzdem dargestellt findet.

Offensichtlich ist es bis heute nicht so recht klar, wie es Bildhauern gelingen konnte, Stein durchsichtig oder durchscheinend zu gestalten oder so zu tun, als sei er durchsichtig. Es ist buchstäblich unfassbar, was einige wenige Künstler leisteten (bereits der Buchumschlag macht dies deutlich, der Giuseppe Sanmartinos »Verhüllten Christus« von 1753 zeigt) und wenn ich diesem schönen Buch irgendetwas vorzuwerfen habe, dann allein dies, dass es sich nicht intensiver um Darstellung und Lösung dieses Problems kümmert.

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Verschleierung einer Figur gibt Stefano Maderno bereits 1599/1600 in seiner »Heiligen Cäcilia«, in der die Heilige, auf ihrer rechten Schulter liegend, ihr Gesicht der Erde zuwendet. Zusätzlich ist der Kopf von einem Schleier bedeckt. Der Umstand aber, dass der normale Betrachter diesen Kopf nicht zu sehen bekommt, hat den Künstler nicht davon abhalten können, ihr Antlitz vollständig auszuarbeiten. Ähnlich verhält es sich mit einer Allegorie des Nils in Gian Lorenzo Berninis »Vierströmebrunnen«. Die Verkörperung des ägyptischen Flusses, ein muskulöser Mann, scheint sich den Schleier vom Kopf zu ziehen, darunter ist das Gesicht ausgearbeitet. Bernini (1598 – 1680) war der bedeutendste Bildhauer, der die Verschleierung des Gesichts mit in seine Kunst aufnahm, aber seine Schleier fallen nicht über das Gesicht, wie es bei Corradini geschehen wird.

Fortsetzung von Seite 2

Im Mittelpunkt von Deckers’ Untersuchung steht mit Antonio Corradini (1688 – 1752) ein im Vergleich zu Bernini ungleich weniger bedeutender Künstler. Corradini, ein Spezialist für den Schleier, schuf eine ganze Reihe von verschleierten Figuren und wurde damit ein Vorbild für zahlreiche Bildhauer; auch seine lange und umfangreiche Rezeptionsgeschichte ist Thema dieser Arbeit. Immerhin hat er nicht allein für deutsche Höfe, sondern sogar für Sankt Petersburg gearbeitet. Schon nach kurzer Zeit war er so sehr für den Schleier bekannt, dass er auf die Signatur seiner Arbeiten verzichten konnte. Dem Werk dieses Bildhauers standen und stehen Kritik und Forschung allerdings immer auch skeptisch gegenüber, weil seine Figuren allzu gekünstelt scheinen und dazu in der Körperhaltung statisch wirken. Aber es ist dieser Künstler, dem der Ruhm zugeschrieben werden muss, einen Schleier aus Stein so über das Gesicht fallen zu lassen, dass der Betrachter denkt, er sehe durch den Stein hindurch.

Die technischen Schwierigkeiten diskutiert die Autorin besonders ausführlich anhand des »Bozzetto des Verhüllten Christus« von Corradinis Nachfolger Giuseppe Sanmartino (1720 – 1793), einem Corradini in technischer Hinsicht ebenbürtigen Künstler, und stellt dabei die von ihr vehement abgelehnte Theorie vor, nach der Fasern oder Stoffe in eine kalk- oder mineralgesättigte Flüssigkeit gelegt, auf der Statue drapiert und ihrer Gestalt angeglichen wurden, und zwar so, dass sie dem Marmor glichen. Deckers dagegen ist der entschiedenen Auffassung, dass es sich bei dem durchsichtigen Schleier immer noch um Stein handelt. Aber wie die Bildhauer ihn in dieser Weise bearbeiten konnten, das kann mir ihr Buch, das sonst wirklich keine Fragen offen lässt, leider nicht plausibel machen.

Bereits die bloße Aufnahme dieses Bandes in die renommierten »Römischen Studien der Bibliotheca Hertziana« ist ein Qualitätsausweis. Die Abhandlung, die 2006 der Universität Düsseldorf als Dissertation vorgelegen hat, ist dank der ungewöhnlichen Belesenheit der Autorin, ihrer klaren und durchdachten Argumentation und natürlich des interessanten Themas höchst empfehlenswert. Es enthält zahlreiche Schwarzweißbilder, und jeder, der als Hobbyfotograf einmal versucht hat, eine Plastik abzubilden und ihrer Schönheit gerecht zu werden, wird deren Qualität zu schätzen wissen.

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