Ausstellungsbesprechungen

Reife Früchte — junges Gemüse. Stillleben im Dialog, Kurpfälzisches Museum Heidelberg, bis 31. Januar 2016

Reife Äpfel und Orangen, üppige Blüten und prächtige Tafeln erwarten derzeit die Besucher des Kurpfälzischen Museums in Heidelberg. Hier widmet man sich dem Stillleben – aber bietet mehr als barocke Pracht! Auch die Gegenwart hat nämlich einige Positionen rund um die gedeckte Tafel und die vergängliche Pracht zu bieten. Anna Quintus hat sie entdeckt.

Mag man im flüchtigen Lesen zunächst noch an einen Appell an die menschliche Gesundheit denken, sich bewusst für die bevorstehenden Wintermonate mit vitaminreichem Essen zu wappnen, so erfasst man im Titel zur aktuellen Ausstellung des Kurpfälzischen Museums doch recht schnell die Grundintention. Es handelt sich um eine Gegenüberstellung oder vielmehr um ein Rede-Gegenrede-Moment innerhalb des ältesten Genre der Kunstgeschichte: dem Stillleben. Dabei treten etwas Älteres, Reiferes und etwas Neueres, Jüngeres in einen Dialog miteinander. Gleichwohl schon ein Mythos aus der griechischen Antike erzählt, dass zwischen zwei angesehenen Malern — Zeuxis und Parrhasios — ein Wettstreit entbrannt um die größere erreichte Realitätsnähe im jeweiligen Gemälde sei, bildet das Stillleben erst um 1600 eine wahrhaftige Eigenständigkeit aus. Dabei hatte dieses Genre lange den niedrigsten Stellenwert innerhalb der akademischen Wertigkeit inne und das, obwohl es sich beim Publikum einer großen Beliebtheit erfreute. Der Grund hierfür ist im Sujet selbst zu finden, denn schließlich stellt es etwas Unbelebtes, Unbeseeltes dar, bloße Dinge im Stillstand, deren Irdischem kein Wert beigemessen wurde.

Nun stammt jedoch die sinntragendste Frucht aus der biblischen Geschichte und somit konnte es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich das fruchthaltige malerische Angebot vervielfältigte. Der Apfel als Ausgangspunkt der »reifen Früchte« bildet den Beginn eines vollen Obstkorbes, dessen künstlerische Entwicklung sich erweitert hin zu einer reich gedeckten Tafel. Dabei haben die Bildgegenstände aus der Natur alle eine aus der Bibel abgeleitete Bedeutungstradition. Im Besonderen sticht der ihnen stets immanente Vergänglichkeitsgedanke heraus. Durch die Malerei erhält das Sujet eine Dauerhaftigkeit womit sich die Malerei letztendlich über die Natur stellt. Bei den zeitgenössischen Künstlern wird die inhaltliche Intention schließlich auf die Bereiche Politik, Erotik und Werbung erweitert.

So werden im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg die »reifen Früchte« — der Beginn der Stilllebenmalerei — dem »jungen Gemüse« — den modernen und zeitgenössischen Stilllebenpositionen — gegenübergestellt. Und heraus kommt eine sehr einladende Entwicklungsgeschichte, mit hohem Informationsgehalt und großer mannigfaltiger optischer Reizung. Aus der Sammlung des Kurpfälzischen Museums und der privaten Sammlung des Heidelberger Industriellen Dr. Rainer Wild führen über 100 Werke unterschiedlichster Stilmittel durch vier Jahrhunderte Stilllebenmalerei, wobei die Begrifflichkeit »Malerei« sich gerade zur zeitgenössischen Kunst hin aufzulockern scheint, denn es tritt auch die Skulptur und vor allem die (Video-)Installation hinzu. Dabei entwickelt sich das Stillleben von einer reinen maßstabsgetreuen Nachahmung der Natur und ihren moralischen Verweisungen hin zu einer eigenständigen künstlerischen Thematik. Diese Wende wird in Frankreich im 20. Jahrhundert eingeleitet und erfährt dort den Anreiz eine selbstbewusste eigenständige Gattung zu werden. Daher ist es nur logisch, dass nicht länger der Prozess des bloßen Abmalens eines Gegenstandes Bedeutung hatte, sondern vielmehr das Bild als Resultat eines innerbildlichen Prozesses steht.

Dies erfährt der Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung zum einen durch Informationstafeln, die ihn auch weiterhin ausgiebig durch die Flut der Bilder führen, zum anderen mittels der Gegenüberstellung eines traditionsreichen Bildes von Wilhelm Trübner, »Meise mit Rose« (1872/73), und Ann Cravens »Texas Fade« (2005). Es rückt sofort ins Bewusstsein, dass das Ausstellungskonzept auf einen selbstbewussten und eigenständigen Rezipienten ausgerichtet ist, der sich mittels Erschließen von Zusammenhängen von Gemälde zu Objekt und durch die Epochen manövriert. Mit einer permanenten Gegenüberstellung unterschiedlichster Genres wird der Besucher in dieser Ausstellung konfrontiert. So trifft man auf Künstler und Werke der eher düster wirkenden niederländischen Barockmalerei u.a. von Jan van Huysum, »Waldbodenstillleben«, der formal und farblich offensiveren Malweise des deutschen Expressionismus von Karl Schmidt-Rottluff, »Stillleben mit Birne«, und die kubistisch-abstrakten Bilder Pablo Picassos, z.B. »Fruits et verre« sowie leuchtend helle Abbildungen und Collagen der Popart von Tom Wesselmann und Andy Warhol.

Auch zeitgenössische Positionen, wie die Videoinstallation von Gabriella Gerosa »Das Buffet (Buffet Crash)« sind vertreten. Diese achtminütige Videoarbeit zeigt eine prächtig gedeckte Tafel mit Prunkelementen wie Champagnerflaschen, Hummer, Trauben und noch mehr. Das gesamte Arrangement suggeriert den Blick auf einen Filmstill. Untermalt von barocker Saalmusik eines Streichorchesters wird die Stimmung von Ruhe und Ordnung potenziert. Alles wirkt in seiner Anordnung zueinander harmonisch und ausgeglichen und versetzt somit auch den Beobachter in diese ruhige Stimmung. Einzig die Sprudelblasen des frisch eingeschenkten Sektes beweisen, dass es sich nicht um ein traditionelles Stilllebenbild handelt. Und plötzlich aus dem Nichts, fallen zwei Kronleuchter auf den Tisch und zerstören in einem abrupten Akt jede Vorstellung von Harmonie. Das kunstvolle Arrangement wurde binnen Sekunden zerstört und kann ohne größeren Aufwand auch nicht wiederhergestellt werden.

Mit dieser schockierenden Erkenntnis betritt man als Besucher den nächsten Raum, in dem der höchst sinntragende Apfel in der Raummitte als Skulptur von Bruno Peinado positioniert ist. Der mit seiner polierten Oberfläche koonistisch wirkende, rot leuchtende Apfel vereint in sich zwei Gegensätze. Zum einen steht er selbst für den Beginn, die Fruchtbarkeit, zum anderen offenbart sich in ihm die Endlichkeit, den Vanitasgedanken, denn über der Form des Apfels scheint ein Totenkopf zu fließen. Der diese Skulptur umgebende Raum ist folgerichtig gefüllt mit Bildern und Skulpturen, die diese beiden Aspekte darstellen. Man findet reifes, appetitliches Obst und auch Gemüse, dass zum reinbeißen verführt. Dieser Üppigkeit werden dann Obst in den unterschiedlichsten Verwesungsprozessen sowie weitere Vanitas-Symbole zur Seite gestellt — eine permanente Mahnung vor der Endlichkeit der eigenen Existenz wie sie dem Besucher bereits bei der Videoinstallation von Gerosa mit ihrem zerstörerischen Endbild aufgezeigt wurde.

Bis dahin ist die Ausstellung sehr durchdacht, gut und schlüssig kuratiert. Sie zieht selbst dem skeptischen Besucher, der das Stillleben an sich eher als ein langweiliges und ödes Thema der Kunstgeschichte empfindet, schnell in ihren Bann. Ich selbst bin äußerst skeptisch an diese Ausstellung herangetreten und wurde sogleich eines Besseren belehrt. Die Schau schafft es klug zu informieren, Aufmerksamkeit stets neu zu wecken und interessant zu bleiben. Einzig der Raum über die »verbotenen Früchte« wirkt zu sehr en passant. Hier wird anhand nur weniger Bildbeispiele auf engagierte Künstler verwiesen, die mittels Stillleben politisch- und gesellschaftskritische Themen bearbeiten. Dadurch wird das Thema zwar angerissen, aber es kann sich aufgrund der räumlichen Enge nicht entfalten, wie es auch den anderen Aspekten der Ausstellung sonst erlaubt ist. Und das finde ich schlicht schade, denn allein diese Thematik wäre eine eigene Schau wert.