Ausstellungsbesprechungen

Reiner Ruthenbeck. Wilhelm Lehmbruck-Preisträger 2006

Eine glückliche Fügung hat aus zwei Ausstellungsplänen zum Werk Reiner Ruthenbecks ein gemeinsames Projekt zu einer sensationellen Retrospektive gemacht.

In Duisburg wollte man den Träger des Wilhelm-Lehmbruck-Preises von 2006 ehren, während man in Düsseldorf schon länger eine Ruthenbeck-Schau ins Visier genommen hat – da war es nur gut, beide Ausstellungen zusammenzuführen. So entstand nicht nur die gewichtigste Würdigung des Künstlers, sondern auch ein positives Beispiel für Gemeinschaftsproduktionen, die auch bei unterschiedlichen Interessen als Einheit verstanden werden. Ruthenbeck selbst hat den Reiz der Doppelausstellung voll ausgenutzt: »Die Ausstellungsteile passen genau in die Tradition des Lehmbruck Museums und in die der Kunsthalle. Es ist eine sehr natürliche und plausible Aufteilung entstanden.«

Diesem Reiz der musealen Verortung kann man sich kaum entziehen, denn Reiner Ruthenbecks Plastiken haben eine enorme Präsenz, und sei es erst auf den zweiten Blick. Alles ist bei ihm auf die Form, auf die Farbe und überhaupt auf die Materialität des Materials konzentriert, das heißt, der Betrachter wird nicht abgelenkt durch einen Gegenstand oder vordergründige Inhalte. Zwar schafft er wie nebenbei einen räumlichen Kontext, der den einen oder anderen verleiten könnte, etwas außerhalb der Plastik oder Installation herauszulesen. Doch das Kunstwerk bleibt fast unerbittlich das, was es ist, etwa ein »Großes weißes Tuch mit Spannrahmen«, ein »Rotes Banddreieck mit gerundetem Metallstab« usw., man kann nur staunen über die pure Fülle an Einfällen, die anfangs noch im Surrealismus wurzeln und konsequent in einen lustvollen Konzeptualismus münden, der nahezu unerschöpflich zu sein scheint im Werk des ehemaligen Beuys-Schülers. Wie bei Imi Knoebel und anderen mehr erweist sich dabei der Filz- und Fettprophet als begnadeter Lehrer (unabhängig davon, wie stark sein eigenes Werk auf Legenden basiert) – der die Eigenständigkeit seiner Schüler in keiner Weise einschränkte, ja mehr noch: Sie trotzen überzeugend jeglichen figurativen Gegentrends der letzten Jahre.
 
Duisburg geht das Werk vom frühen Schaffen aus an, integriert Fotografien; Düsseldorf kann die großen Installationen des reiferen Oeuvres auch groß-zügig in Szene setzen. Was wie vergängliches (Da-)Sein auf Zeit oder auch wie zerlegtes Mobiliar daher kommt – Aschehaufen hier, umgeworfene Stühle da, quasi-mathematische Anschauungsmodelle dort – zielt ausdrücklich auf die Spannung zwischen »Polarität und Einheit«, Ordnung und Unordnung, und er sieht sich der Schöpfung selbst verpflichtet, schließlich baue sie eben auch da auf. Ruthenbeck ist allerdings weit davon entfernt, als Weltverbesserer aufzutreten – es schwingt allenfalls ein wenig vedische Philosophie mit –, am liebsten würde er ganz ohne greifbares Kunstwerk auskommen, »das Konzept genügt«. Sonst ist alles Spiel.
 
Bemerkenswert ist das rundum junge Oeuvre des immerhin über 70-jährigen Reiner Ruthenbeck – geboren wurde er 1937 im rheinländischen Velbert. Jung vor allem durch das unbekümmert freche Auftreten und der leichten Ironie, denkt man etwa an die temporären Kissen-Installationen, die insbesondere symbolträchtige Architekturumgebungen aufs Korn nehmen, oder an die Serie der Tischakrobatik-Nummern: »Tisch auf gelber Kugel«, »Tisch auf Stahlstäben«. Für die Gattung der handfesten Plastik sind die hier waltenden Verhältnisse durchaus labil.
 
Begleitend zur Retrospektivausstellung ist ein Katalog erschienen, der zum Werkverzeichnis erweitert wurde, in dem mit über 400 Titeln Ruthenbecks fotografische Arbeiten, frühe und konzeptuelle Skulpturen, sogenannte Materialkontraste, Metallplatten und Konzeptarbeiten thematisch mit einer knappen Einführung präsentiert werden.
 

Weitere Informationen

 

 

Öffnungszeiten

Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum
Dienstag bis Samstag 11 – 17 Uhr
Sonntag 10 bis 18 Uhr
geschlossen 24., 25., 31.12 und 1.1.

 

Kunsthalle Düsseldorf
Dienstag bis Samstag 11 – 17 Uhr
Sonntag 10 bis 18 Uhr
geschlossen 24., 25., 31.12 und 1.1.