Rezensionen

Reiner Zeeb: Kunstrevolution und Form, Aufsätze. Verlag Ludwig, Kiel 2017

Der vorliegende Essayband des deutschen Kunsthistorikers, Kulturforschers, Philosophen und Germanisten Reiner Zeeb ist zwar schon zwei Jahre alt, zeigt sich aber dennoch aktuell. Denn: Er spannt den Zeitrahmen vom ausgehenden Mittelalter bis zur frühen Moderne wobei der Fokus auf den kulturhistorischen Umbrüchen und deren Folgen für die bildende Kunst liegt. Rembrandts Radierungen werden darin ebenso besprochen wie glasüberdachte Siedlungen in der Antarktis. Eine anspruchsvolle Lektüre, gelesen von Autorin Ulrike Schuster.

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 Architektur, Malerei, Druckgrafik, Theater und Naturwissenschaft – Rainer Zeeb behandelt sie alle. Schon im Klappentext wird die Frage aufgeworfen, in wie weit nach dem »Sturz alter Säulen des christlich–europäischen Weltbilds« eine Spiegelung dieser Prozesse in der Kunst »wesentlich in der Revolution der Form« stattgefunden hat.
Neun Fallbeispiele wurden dazu herausgegriffen, anhand derer solche epochalen Brüche in der Kunst sichtbar werden.

So der vielversprechende Ansatz, dem allerdings die Texte im Einzelnen, trotz einer außerordentlich akribischen Vorgehensweise des Autors, nicht ganz gerecht werden.
Denn: es handelt sich dabei um thematisch eng gefasste, detaillierte Studien zu fachspezifischen Diskursen (die Essays sind in dieser Form als anspruchsvolle Diskussionsbeiträge zu verstehen) und diese setzen ein Publikum voraus, das in die komplexen Fragestellungen bereits eingearbeitet ist.

Über weite Strecken hinweg handelt es sich bei den Aufsätzen um profunde, ausführliche Auseinandersetzungen mit der einschlägigen Fachliteratur bzw. um die Exegese von »historischer Sekundärliteratur«, die mittlerweile selbst zum Gegenstand der kunsthistorischen Forschung geworden ist.

Gleich der erste Textbeitrag widmet sich einem äußerst komplexen wie brisanten Thema: der Hinterfragung der Gotik–Rezeption in der deutschen Kunstgeschichtsschreibung im frühen 20. Jahrhundert. Der unseligen Festschreibung einer »Deutschen Sondergotik« setzt Zeeb dazu die Schriften von Richard Hamann entgegen, der in den frühen 1930er Jahren mutig gegen den ideologischen Zeitgeist schwimmend, seine eigenen Vorstellungen über das Wesen der gotischen Architektur entwickelte. Im Zentrum stand dabei das Bild einer ritterlich–mittelalterlichen Gesellschaftsordnung, anstelle der nationalistischen Abgrenzungen.

Zwei weitere Aufsätze befassen sich mit bekannten Radierungen Rembrands, dem Marientod und dem Triumph des Mardochai. In der Analyse geht der Autor u.a. der vieldiskutierten Frage nach, in wie weit sich aus leisen Hinweisen – z.B. Requisiten oder Staffagefiguren – im Bild theologische Ausdeutungen ablesen lassen, insbesondere was die zu Rembrands Zeiten hoch brisanten Interessenskonflikte zwischen den Konfessionen betraf.
Daran schließt die kurze Skizze über den deutschen Rembrand–Schüler Johann Ulrich Mayr (1630–1704) an, der, obwohl zu Lebzeiten ein gefragter Porträtist, später zu Unrecht in Vergessenheit geriet. Zeeb lässt ihm eine verdiente Würdigung zukommen und verweist auf dessen Fähigkeit, realistische wie gleichwohl charakterdeutende, psychologisch interessante Bildnisse zu gestalten.

Mit einer Abhandlung über die Naturstudien des Alexander von Humboldt erschließt der Autor ein thematisch außerordentlich fruchtbares Gebiet, geht es doch um den Einfluss der wissenschaftlichen Illustration auf die Landschaftsmalerei im frühen 19. Jahrhundert. Ein quasi interdisziplinäres, länderübergreifendes Cross–Over zweier Größen ihres Faches manifestiert sich in den Lithographien von Eugène Delacroix zu Goethes Faust (Erster Teil). Nicht nur entwickelte sich zwischen den beiden ein Ferndialog voll gegenseitiger Wertschätzung, die Illustrationen aus der Hand von Delacroix prägen, aufgrund ihrer großen Bekanntheit, bis heute unsere bildlichen Vorstellungen über das Stück. Der Prototyp des spitzbärtigen Mephistos mit dem Barett ist ihm zu verdanken.
Konsequente Schritte in Richtung der Moderne beschreitet Zeeb mit zwei Studien über die bürgerlichen Interieurs bei Fritz von Uhde, sowie über Franz Marc und dessen Verhältnis zur europäischen Avantgarde.

Das Finale der Publikation, das zugleich den Bogen zum Einleitungskapitel schließt, ist eine kritische Würdigung des Architekten und avantgardistischen Pioniers Frei Otto (1925–2015). Dessen kühne freihängende Dach– und Stützenkonstruktionen sind nicht nur beherzte Weiterentwicklungen aus den faszinierenden Raumkonzepten der Gotik, sondern auch verblüffend aktuell und zukunftsweisend, wurden sie doch von ihrem Schöpfer schon vor einem guten halben Jahrhundert entwickelt.
Otto propagierte das Studium der natürlichen Evolutionsprozesse als Vorbild für technisch–architektonisches Design zu einer Zeit, als der Begriff Bionic noch gänzlich unbekannt war. Zudem kritisierte er vehement urbane Fehlentwicklungen und warnte bereits damals vor der Zerstörung von Umland und Verkehrsstaus infolge wachsender Zersiedelung. Seine Lösung: Alternative Wohnmodelle sowie äußerst ambitionierte futuristische Stadtexperimente bis hin zu glasüberdachten Modellsiedlungen in der Antarktis.

Alles in allem offerieren die Aufsätze von Zeeb eine Vielzahl von Anregungen und interessanten Hinweisen. Der Ansatz zu tiefer führenden Analysen wird jedoch durch eine Detailfülle überlagert, die sich haarscharf an der Grenze zur »Aufzählungslitanei« bewegt. Die Dichte an Fakten verstellt den im Titel versprochenen Blick auf die geschichtlich bedingten »Strukturen hinter den Revolten«.
Vielleicht weniger ein Buch für Laien als für Kunstwissenschafter*innen. Sicher werden die Aufsätze aber als anspruchsvolle Einzelstudien ihren Beitrag zur Kunstgeschichte–Literatur leisten.