Kataloge, Rezensionen

Reinhard Spieler/Barbara Auer (Hg.): Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris - Prag, Belser Verlag 2009

André Breton bezeichnete Prag einst als "magische Metropole Europas". Dennoch ist der tschechische Surrealismus in Deutschland weitgehend unbekannt. Um den lebendigen Austausch zwischen den beiden Surrealismus-Zentren Paris und Prag darzustellen, würdigte 2009 das Wilhelm Hack Museum diese in einer einzigartigen Schau. Rowena Fuß hat den Katalog zur Ausstellung mit wachsender Begeisterung gelesen.

Eine Zierde an Bild- und Textlayout, hat der Katalog auch inhaltlich einiges zu bieten: Gegliedert in die Bereiche Malerei-Grafik-Skulptur-Objekt und Fotografie, zeigt er die historische und geografische Entwicklung des Surrealismus vom Beginn der 1920er bis in die späten 1960er Jahre in Paris und Prag. Passend dazu findet sich gleich zu Beginn des Kataloges die surrealistische Weltkarte. Dort werden bestehende Ordnungen auf den Kopf gestellt und geografische sowie politische Gegebenheiten bunt vermischt und neu sortiert: Europa ist verschwindend klein, die USA werden nicht aufgeführt, aber die kommunistischen Hochburgen China und Russland werden überdimensional groß dargestellt. Politische Differenzen waren denn auch eines der größten Probleme der surrealistischen Bewegung. Zu Zerwürfnissen in der Pariser wie der Prager Gruppe führte die Frage, ob man sich der kommunistischen Partei anschließen und mit Moskau zusammenarbeiten sollte.

Der historisch-politische Kontext des Surrealismus bildet folglich auch einen wichtigen Aspekt in der weiteren Darstellung. Tschechien stellte hierbei eine Vermittlerrolle zwischen Sowjetrussland und Europa dar, wie man dem Aufsatz von Didier Ottinger entnehmen kann. 1935 hielt Breton drei Vorträge in Prag, die die Kulturpolitik der russischen Kommunistischen Partei (KP) in Frage stellten. Trotzdem würdigte die KP die surrealistische Haltung, da »man sich nicht auf das Niveau harmloser Reimverse begeben hatte«.

In weiteren Essays werden Themen wie Ausstellungsgestaltung als surreales Konzept und als Gesamtkunstwerk, Dalís Ballettinszenierung zu Wagners »Bacchanal« sowie die Augenmetaphorik im Surrealismus besprochen. Im Anschluss findet sich eine »Chronologie Paris-Prag 1919-1969«, welche überblickshaft die Entwicklungen in beiden Städten darstellt. In einem nachfolgenden Bilderreigen stehen sich Arbeiten von Max Ernst, Yves Tanguy, René Magritte, André Breton, Giorgio de Chirico, Paul Delvaux, Salvador Dalí jenen von Toyen, Josef Šíma, Viktor Brauner, Jindřich Štyrský, Ladislav Zívr, Karel Teige, Václav Zykmund, Alsoi Wachsmann, Kurt Seligmann u.a. gegenüber.

Mit »Ein Traum wird Farbe« rückt gleich darauf der Hauptraum der legendären Surrealismus-Ausstellung von 1938 in der Galerie Wildenstein ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Marcel Duchamp, der „Kurator“ der Schau, vereinte von der Decke herabhängende Kohlesäcke, einen künstlichen Seerosentümpel, den Duft frisch gemahlenen Kaffees und das Lärmen militärischer Marschbefehle mit Werken anderer berühmter Surrealisten zu einem unvergleichlichen sinnlichen Gesamtkunstwerk. Als Krönung der Inszenierung bekam jeder Ausstellungsbesucher eine Taschenlampe zur eigenen Beleuchtung der Objekte in die Hand, die ihn gleichsam zum Mit-Akteur eines großen Ganzen machte. Vielleicht ist die »Erleuchtung durch die Taschenlampe« auch eine Idee für zeitgenössische Ausstellungsmacher?

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Unter den vielen Neuentdeckungen ist Toyen, die mit bürgerlichem Namen Marie Cermínová (1902-1980) hieß, die aufregendste. Zusammen mit Štyrsky und Karel Teige gründete sie 1934 die Prager Surrealistengruppe und war auch während der Nazi-Besatzungszeit heimlich künstlerisch tätig. Ihre Werke sind starke Anti-Kriegsblätter und zuweilen von deftiger Erotik gekennzeichnet. Zudem entwarf Toyen in ihren Bildern eindrucksvolle und eigenwillig-melancholische Frauengestalten.

Einblick in die Diskrepanz zwischen Frau als Motiv und Frau als Schöpferin gewährt der Essay »In den phosphoreszierenden Winkeln der Schatten« von Karoline Hille. So entdeckten Künstlerinnen wie Dora Maar, Claude Cahun und Emila Medková das Medium Fotografie für sich und nutzten es, um sich in der männlich geprägten Kunstszene zu etablieren.

Der Fotografie-Abteil selbst gibt zur surrealen Fotografie und Fotomontage, über die Inspiration tschechischer Künstler in den Dunkelkammern Man Rays und Eugène Atgets sowie die Nachfolge der surrealen Fotografie in Deutschland reichlich Auskunft. So bot sich das noch junge Medium der Fotografie an, den begehrlichen Blick hinter die Kulissen zu werfen und neue Realitäten zu entdecken. Mit Fotomontage, Solarisation, Rayografie, Brûlage und Mehrfachbelichtungen war es den Surrealisten möglich, aus vertrauten Motiven die typischen fremdartigen, rätselhaften Welten zu entwickeln.

Fazit: Die Taschenlampenmetaphorik bildet das Stichwort schlechthin: Der Katalog legt in einer informativen und gut lesbaren Weise alles dar, was man zum Surrealismus in Paris und Prag wissen muss. Die vielen Bilder und eine Chronologie der Ereignisse tragen dabei zum Verständnis der im Text geschilderten Ereignisse bei. Schließlich runden Künstlerbiografien das Gesamtbild ab, so dass es absolut nichts zu mäkeln gibt!