Buchrezensionen

Reinold Schmücker: Was ist Kunst? Eine Grundlegung, Vittorio Klostermann 2014

Kaum ein Problem bietet größere Schwierigkeiten als die naive Frage nach dem Wesen der Kunst. Dass etwas Kunst sein soll und warum, ist eine Frage, die sich nicht allein der Kunstverächter stellt, sondern zumindest gelegentlich auch der notorische Museumsgänger, und eine schlüssige Antwort zu geben fällt fast jedem schwer. Der Philosoph Reinold Schmücker hat es vor Jahren in seiner Dissertation versucht, die jetzt erneut aufgelegt wurde. Stefan Diebitz hat die Untersuchung gelesen.

Der weitaus größte Teil des Buches ist der Auseinandersetzung mit der philosophischen Literatur gewidmet und diskutiert Fragen des ontologischen Status von Kunstwerken oder das Verhältnis von Kunstphilosophie und Ästhetik. Auch die Klassiker werden angesprochen, aber die weitaus meisten Titel gehören doch zu der im weiteren Sinne neueren Literatur. Ihr Verzeichnis umfasst 23 Seiten und enthält auch englische und französische Arbeiten – das alles deutet an, mit welchem enormen Fleiß sich der Autor mit den verschiedensten Positionen auseinandergesetzt hat. Dabei gelingt es ihm eigentlich immer, die Positionen sachlich und objektiv darzustellen, auch wenn er notorisch widersprechen muss: es gibt keine einzige Position, die dem Kritiker genügt, an der Schmücker also nicht wenigstens einen, meist aber mehrere Schwachpunkte zu entdecken weiß. Erst ganz am Ende seiner Arbeit bietet er seine eigene Antwort an.

Wenn in diesem Buch von Kunst die Rede ist, dann sind damit sämtliche Künste angesprochen, also bildende Kunst, die darstellenden Künste, Musik und Literatur. Seine Beispiele entnimmt Schmücker auch gleichmäßig diesen verschiedenen Bereichen, ohne aber selbst von der Analyse eines einzigen Kunstwerkes auszugehen. In seinem Vorwort spricht Schmücker seine Methode an, die sich im philosophischen Stil unserer Zeit ganz auf die Auseinandersetzung mit der Literatur beziehungsweise mit der Analyse der Sprache kapriziert und sowohl die Begegnung mit dem konkreten einzelnen Kunstwerk als auch die Analyse seiner Rezeption konsequent vermeidet.

»Kunstbegeisterte Leser wird es vielleicht überraschen, daß ich nur Theorien über Kunst, nicht aber Werke der Kunst interpretiere.« Vielleicht nicht nur kunstbegeisterte Leser! Und es muss ja gar nicht unbedingt die Interpretation eines Kunstwerkes sein, denn unter Umständen reicht ja schon die Beschreibung und Ausdeutung dessen, was wir an einem Kunstwerk auf den ersten Blick als das erfahren, was es von anderen Gegenständen unterscheidet. Einer Betrachtung wert gewesen wäre zusätzlich das Verhalten eines Menschen, der einem Kunstwerk begegnet. Schmücker begründet seine Enthaltsamkeit damit, dass nicht von einem einzelnen Werk ausgegangen werden darf, dass sich der Philosoph also von seiner Liebe zu einem ausgewählten Kunstwerk emanzipieren muss.

Das mag wohl so sein. Die Analyse eines einzigen Kunstwerkes wäre wirklich fragwürdig, aber verschiedene Kunstwerke hätten es ja trotzdem sein dürfen, ja sein sollen. In seiner Antwort sucht Schmücker den Kunstcharakter eines Kunstwerkes darin, dass ein Kunstwerk uns etwas bedeutet. Dass »es etwas bedeutet, führen wir als Kunstrezipienten deshalb auf eine Absicht des Urhebers zurück, die so geartet ist, daß sie nur durch die Analyse der Eigenheit seines Werks erschlossen werden kann.«

Ausgangspunkt seiner Bestimmung des Kunstcharakters eines Kunstwerks ist also dessen Rezeption, und so ist es nach Schmückers Bestimmung der Betrachter, der über den Kunstcharakter entscheidet. Aber warum tut er es, und warum kann er es tun? Eben die Begegnung mit dem Kunstwerk hätte der Autor ganz unbedingt analysieren müssen. Woraus schließen wir denn, dass sich in einem Gemälde eine Absicht seines Urhebers verbirgt? Müssen wir das Bild wirklich und wahrhaftig ausdeuten, um überhaupt eine Bedeutung zu unterstellen? Wir alle standen doch schon vielen Kunstwerken gegenüber, musterten es flüchtig und wandten uns sogleich wieder ab. Vielleicht hielten wir es für schlechte Kunst, vielleicht gaben wir gar kein Urteil ab, aber da war trotz allem etwas, das uns glauben machte, es sei Kunst.

Der bedeutende Kunsthistoriker Richard Hamann sah den Grund dafür in dem Rahmen, in dem uns die Kunst begegnet, und einen solchen (zumindest metaphorischen) Rahmen kennen auch die anderen Künste – Musik etwa genießt man im Konzert, und viele Musikliebhaber werfen sich zur Feier des Augenblicks sogar in einen Smoking. Und auch die Eröffnung einer Ausstellung wird oft genug festlich begangen.

Wir begegnen also, sagt Hamann, der Kunst außerhalb unseres alltäglichen Lebenszusammenhanges. Das Kunstwerk tritt »vermittelst des Rahmens aus unserem Lebenszusammenhang heraus, mischt sich nicht in unser Tun, es isoliert sich und konzentriert die Aufmerksamkeit ganz auf sich allein.« Es versteht sich von selbst, dass wir heute Kunst anders gegenübertreten als Richard Hamann im Jahr 1911, und auch der Rahmen (der metaphorische und der wirkliche) wird eine andere Rolle spielen, aber der von Hamann in seiner vielgelesenen »Ästhetik« angesprochene Aspekt hätte vielleicht auch heute noch Aufmerksamkeit verdient. Vielleicht ließe sich hier allgemeiner von der Situation sprechen, die ein gleichgültiges Objekt von einem bloßen Gegenstand zu einem Kunstwerk werden lässt.

Fortsetzung von Seite 1

Der Hinweis auf die Bedeutsamkeit des Kunstwerks ist nur der erste Teil der Schmückerschen Antwort. Den zweiten Teil formuliert er im Anschluss an seine Kritik an Habermas, dessen Kunstbegriff er als banal empfindet. Man kann Schmücker nur zustimmen, wenn er das Kunstwerk keinesfalls im Zusammenhang eines Kommunkationsprozesses sehen will, »der dem alltagssprachlichen Mitteilen verwandt erscheint.« Deshalb will Schmücker Kommunikation weiter fassen als Habermas und versteht »jeden Verweisungszusammenhang eines Zu-verstehen-Gebens und eines Zu-verstehen-Suchens« als Kommunikation. Kunstwerke sind für ihn »Medien eines diskontinuierlichen Kommunikationsgeschehens«. Der Begriff »diskontinuierlich« wird nicht erläutert, aber vielleicht zielt Schmücker damit auf etwas, das dem Rahmen Hamanns ähnlich ist – schließlich schafft ja auch der Rahmen eine Diskontinuität, indem er das Kunstwerk aus dem Alltag heraus- und in einen anderen Zusammenhang stellt. Eine solche Definition ließe viele Konzepte, die auf ein Einschmelzen der Kunst in den Alltag abzielen, fragwürdig erscheinen.

Ganz verstanden habe ich nicht, warum Schmücker trotz allem von Kommunikation spricht, denn das ist doch nur eine blasse Allerweltsvokabel, mit der sich unmöglich die Aura oder der Zauber eines wirklichen Kunstwerkes einfangen lässt. Aber es ist wahr, dass das von Schmücker genannte Kriterium wirklich ein literarisches Buch von einem wissenschaftlichen oder politischen Werk unterscheiden kann oder ein Werbeplakat von einem Gemälde. Auch ließe sich mit seiner Hilfe erklären, warum wir gewisse Kunstwerke – zum Beispiel sakrale Bilder – mal als Kunst, mal als Gegenstände der Anbetung verstehen können (womit wir wieder bei der Situation wären). Bei der Musik allerdings fällt mir so schnell kein gutes Beispiel ein.

Wie sehr dieses Buch geschätzt wird, zeigt sich bereits daran, dass es in die renommierte Rote Reihe des Klostermann-Verlages aufgenommen wurde. Die Stärken von Schmückers Untersuchung liegen in der Auseinandersetzung mit der umfangreichen philosophischen Fachliteratur. Seine eigentliche These ist ganz in den Schlussteil seiner Arbeit verbannt und hätte sich anders besser darstellen und entfalten lassen – die mehr als zweihundert Seiten Text davor tragen eigentlich wenig zu ihrer Begründung bei und sind zwar qualitativ hochwertig, aber deshalb trotzdem nicht unbedingt spannend zu lesen.