Ausstellungsbesprechungen

Rembrandt: Zwei Ausstellungen in Kassel

Es gibt vielleicht nur einen Künstler, bei dem es sogar ein höchstes Vergnügen bereitet, dessen Werk als Ausdruck des Schwunds oder Mangels zu präsentieren. Eine solche pejorative These bedarf jedoch einer kurzen Erklärung: Als der Landgraf Wilhelm VIII. das erstes Inventar seiner Sammlung vorstellte, brachte er es auf 34 eigenhändige Rembrandts - der größte Bestand an Gemälden des Malers außerhalb der Niederlande.

Durch die Zeitläufe gingen acht Werke verloren – 1806 von Napoleons Truppen entwendet und in alle Winde zerstreut, bis hin nach St. Petersburg. Und wie es vielen Rembrandt-Besitzern in den vergangenen Jahren ergangen ist, wanderte so manche Urheberschaft in die Hände seiner Schüler Bol, Drost & Co. ab. Für Kassel blieb immer noch ein stolzes Dutzend echter Rembrandts übrig, die Anlass genug sind, die ursprüngliche Sammlung noch einmal zu imaginieren und die wechselvolle Geschichte von Kennerschaft und fragiler Sichtweise darzustellen. Und was den (quantitativen) Mangel angeht, sei eine kleine Anekdote eingefügt: Der hochgebildete Lektor eines bekannten süddeutschen Verlags bemerkte einmal auf Rembrandt bezogen, dieser habe doch gar keine Landschaften gemalt. Nicht ganz korrekt, aber fürwahr, der holländische Meister widmete sich gerade einmal 15 Jahre, etwa von 1637 bis zur Mitte der 1650er-Jahre diesem Genre, das die niederländische Malerei bekannt machte wie kaum ein anderes. Acht Gemälde – sechs davon werden in Kassel gezeigt –, etliche Zeichnungen und 32 Radierungen sind der schmale Ertrag dieser Beschäftigung. Doch allein diese Gemälde gehören zum schönsten, was die Niederländische Kunst zu bieten hat, und unbescheiden sei hinzugefügt: Eine solche Zusammenführung, die auch noch in Leiden (Stedelijk Museum De Lakenhal, 6. Oktober 2006 – 7. Januar 2007) zu sehen ist, wird es wahrscheinlich nie mehr geben, denn die Leihgeber sind über die halbe Welt verteilt, von Washington über Paris bis nach Oslo.

In Kassel, wo man über einen der größten Rembrandt-Bestände in Deutschland verfügt, war bereits Anfang des Jahres das Rembrandt-Jahr zu dessen 400. Geburtstag eingeläutet worden mit der Schau »Rembrandt im Kontrast – Die ›Blendung Simsons‹ und ›Der Segen Jakobs‹«. Die mittlere der drei Ausstellungen konzentriert sich zwar auf Rembrandt und seine Schule, sie besinnt sich allerdings auch auf die Sammlungsgeschichte des Kasseler Museums: Die Sammlung des Landgrafen Wilhelm VIII. bildet bis heute den Kern der Gemäldegalerie Alte Meister, weshalb der eng gefassten Ausstellung ein Katalog beigegeben ist, der die Sammlungsgeschichte weiter verfolgt und damit über die 34 ursprünglich als Rembrandt-Bilder angesehenen Werke hinausgeht.

Als Wilhelm VIII. (1682–1760) begann, Kunst zu sammeln, galten die Niederlande als geschlossener Kunstmarkt: Das Goldene Zeitalter des 17. Jahrhunderts war vorüber, während das Interesse an dieser Kunst ungebrochen war – einen Gerard Dou zu besitzen, wäre heute mit dem Prestige eines Autos aus dem Hause Daimler-Chrysler zu vergleichen, auch Frans van Mieris, Gabriel Metsu und andere mehr genossen höchstes Ansehen. Der Landgraf folgte mit seiner Schwäche für die Niederländer dem allgemeinen Zeitgeschmack, wobei immerhin auffällt, dass Rembrandt im Allgemeinen (und genreabhängig) nicht so hoch angesiedelt war, wie man heute vermuten würde (ein Dou brachte ein vielfaches mehr ein). Hier hatte er offensichtlich den richtigen Riecher, als einige europäische Kollektionen zum Verkauf standen und Wilhelm beherzt zugriff.

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Aus der Not eine Tugend zu machen, tut im Falle Rembrandt Not. Sein gesamtes Werk wurde in den vergangenen Jahren systematisch durchforstet und derart ausgedünnt, dass manche Museen tief zerknirscht ihre Starbilder (prominentestes Beispiel »Der Mann mit dem Goldhelm«) vom Sockel nahmen oder krampfhaft versuchten, eine Zuschreibung aufrecht zu erhalten. Dank der Forschungen Werner Sumowskis und anderer hat sich das Blatt allerdings gewendet: Die Rembrandt-Schule avancierte zum Adelsprädikat. Schließlich wurden die Bilder ja nicht schlechter, sondern die Qualität der Schüler konnte aufgewertet werden. Steht man etwa vor Ferdinand Bols »Bildnis einer jungen Frau mit Nelke«, ist man tief beeindruckt von der rembrandtesken Pinselführung. Wie bei Govaert Flinck und anderen zeigt sich aber auch bei Bol im Laufe seiner Karriere ein eigener Stil, der deutlich macht, dass die meisten Schüler nicht bloße Kopisten ihres Meisters waren, sondern eigenständige Persönlichkeiten. Spannend ist die Kasseler Schau auch wegen der Genese der Sichtweise. So erwarb Wilhelm VIII. ein Bild Rembrandts, den Mathematiker Archimedes darstellend; in der Folge kam nicht nur die Zuschreibung zu Fall – es ist ein Werk des Nikolaes Maes –, sondern auch die Interpretation des Dargestellten kamen ins Wanken: zwischenzeitlich als Architekt ausgewiesen, gilt es heute als Darstellung des Apostels Thomas. Im Vergleich zu Rembrandt fällt Maes jedoch durch – weiß man um die neu zugewiesene Hand, fällt eine kritische Haltung allerdings auch leichter, als hätte man einen schwächeren Rembrandt vor sich... Andere Werke wiederum, wie das grandiose »Bildnis des Nicolaes Bruyningh«, ehemals »Ein lachender Philosoph«, würde man auch als großartige Arbeit eines Flinck durchgehen lassen. Aber schließlich ist es ja auch beruhigend, dass uns etliche Gipfelstücke der Kunstgeschichte – man denke an das Werk »Jakob segnet Ephraim und Manasse« – auch als echte Arbeiten des Ausnahmekünstlers erhalten geblieben sind.

Rembrandts Lanschaften

Wenige, aber echte, obendrein echt starke Bilder Rembrandts bietet die Ausstellung zu seinen Landschaften. Der größte aller niederländischen Maler, einer der größten Maler überhaupt war ein Interpret der menschlichen Natur, ja man kann sagen: Der Mensch war sein Thema. Landschaften passen da eigentlich nicht ins Bild. Nähert man sich aber gerade mit dieser Überzeugung diesen Naturimpressionen, erkennt man schnell die einzigartige Handschrift Rembrandts, der hier keine realen Abbilder pinselt, aber auch keine kulissenhaften Szenarien zusammenkünstelt. Nein, was Rembrandt hier leistet, sind Porträts von Landschaften. So wie er das Naturell im wirklichen Porträt, sei es das von Zeitgenossen oder eines der vielen Selbstporträts, einzufangen sucht, entwirft er eine charakterstarke Studie der Außenwelt, die ihresgleichen sucht. Vergleichen lassen sich diese Werke allenfalls mit den dramaturgisch komponierten Landschaftsgemälden des flämischen Großmeisters Peter Paul Rubens oder mit den beeindruckenden Landschaften eines Herkules Seghers, den Rembrandt bewunderte. Kassel nimmt übrigens mit seinen zwei Rembrandt-Landschaften die Spitzenposition unter den Museen weltweit ein.

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Eine Sternstunde der Geschichte der Malerei ist die »Landschaft mit Steinbrücke« (1636/38), ein Bild, das einerseits aus der präzisen Beobachtung heraus ein nahezu naturalistisches Naturstück zu präsentieren scheint – man spürt das aufblitzende Licht zwischen schweren Gewitterwolken hindurch –, und doch verzaubert Rembrandt die Szenerie durch genau dieses Licht, das seinen Fokus ins Zentrum des Bildes setzt und dem rein formal kleinen Werk eine großartig mystische Stimmung vermittelt, die weit vom Naturvorbild entfernt ist. Dagegen ist das Kasseler Gemälde »Winterlandschaft« eine Arbeit zwischen Skizze und Ausführung, wie es sie in der Kunstgeschichte kaum ein zweites Mal gibt. Es lässt sich sogar vermuten, dass Rembrandt dieses Gemälde im Freien gemalt hat, wenn man sich den kühnen, flüchtigen Pinselschwung vor Augen führt. Das war keineswegs üblich im 17. Jahrhundert. Erwähnt sei noch Rembrandts mutmaßlich letztes Landschaftsbild »Nachtlandschaft mit der Ruhe auf der Flucht«. Nun haben sich Rembrandts wilden Jahre aus den 30ern in gemäßigtere Bahnen begeben. Relativ spät hat der Meister das Motiv von Adam Elsheimer in sein Jahrhundert übersetzt, das Ergebnis gehört sicher zu den besten Elsheimer-Bearbeitungen (und es gibt viele davon, wie eine Ausstellung jüngst in München gezeigt hat). Es handelt sich um Rembrandts einziges Nachtbild, mit dem er sogleich den Gipfel des Genres erreicht.

Wer immer zur Zeit die große Rembrandt-Schau in Berlin besucht, sollte unbedingt erwägen, dem genialen Maler unvergesslicher Landschaften und hinreißender Porträts auch in Kassel seine Aufwartung zu machen. Von Rembrandt kann man kaum genug bekommen …

 

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Di–So 10–17 Uhr