Buchrezensionen

Renate von Kries: Maria Sibylla Merian. Künstlerin und Forscherin, Imhof Verlag 2017

Sie war Naturkundlerin und Künstlerin gleichermaßen und so fällt es nach wie vor schwer ihr Werk einzuschätzen: Maria Sibylla Merian setzte mit ihren Naturdarstellungen Maßstäbe. Renate von Kries hat ihr Hauptwerk »Metamorphosis insectorum Surinamensium« untersucht. Stefanie Handke hat das Buch gelesen.

 Wenn man von der Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Begabung spricht, dann kommt man um den Namen der Maria Sibylla Merian nicht herum. Dank ihres Stiefvaters, der ihre künstlerische Begabung erkannte, schon früh ausgebildet, sind bereits ihre Blumenstillleben und Blumenbilder beeindruckend. Einen Namen machte sich die an der Natur interessierte Frau aber mir ihren Darstellungen von Insekten, die sie auch intensiv erforschte. Ihr Hauptwerk ist die »Metamorphosis insectorum Surnamensium«, in dem sie den Lebenszyklus der Insekten der niederländischen Kolonie Suriname beschrieb. Das Besondere daran: Merian verweigerte sich einer taxonomischen Darstellung der Lebewesen und legte Wert darauf sie in ihrem Lebensumfeld darzustellen. Die Reaktionen der Zeitgenossen gaben ihr Recht: Bewunderung schlug ihr entgegen.

In ihrem Buch widmet sich Renate von Kries, ausgehend von den verschiedenen Ausgaben der Metamorphosis diesen Reaktionen, insbesondere denen von Naturforschern, zeigt aber auch das Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft auf, in dem sich die Merian bewegte. Als Frau war ihr eine wissenschaftliche Forschung eigentlich untersagt, und so verbrämte sie ihre Forschungen mit entsprechend blumiger Sprache – und sorgt bis heute unter Kunsthistorikern für Diskussionen, ob wir es hier mit einer Forschung oder einer Künstlerin zu tun haben.

Im ersten Teil ihrer Arbeit widmet sich die Autorin den Abbildungen in der »Metamorphosis insectorum Surinamensium«. Insgesamt fünf hat sie dabei ausgewählt und beschreibt und interpretiert diese eingehend, und wird damit ganz der künstlerischen Dimension des Merian‘schen Werks gerecht. Zugleich stellt sie den Abbildungen jeweils den entsprechenden Begleittext zur Seite, um diesen zu kommentieren. Auf biologische Ungereimtheiten, etwa die von Insekten volle Abbildung XVIII der Metamorphosis mit je zwei Vogelspinnen und Netzspinnen und zahlreichen aggressiv agierenden Ameisen, weist sie dabei hin, ebenso wie auf Fehler in den von Merian verfassten Texten und etwa bei Abbildung LX auch auf fehlende Kenntnisse . Mit ihrer Auswahl – Abbildung IV und V zeigen jeweils Teile der Maniok-Pflanze darauf lebende oder agierende Insekten sowie eine Echse, Abbildung XVIII und XIX kontrastierende Aspekte der reichhaltigen Flora und vor allem Fauna Surinams und zuletzt Abbildung LX ganz die Schönheit der Schmetterlinge Südamerikas – bietet von Kries Blicke auf die unterschiedlichen Elemente in Merians Werk. Zum Einen stellt sie regelrechte Idyllen dar, was allerdings in der Tat ihrem Bestreben die Insekten in ihrem Lebensraum darzustellen, geschuldet sein mag. Zum Anderen entdeckt die Autorin in der Spinnendarstellung nicht nur prototypische Natur, sondern auch eine moralisierende Darstellung um Fressen und Gefressenwerden. Anhand dieser Beispiele arbeitet von Kries im folgenden Kapitel die Charakteristika der Merian‘schen Darstellungsweise heraus. So geht die Forscherin stets von der abgebildeten Pflanze und ihrer Verwendungsmöglichkeiten für den Menschen aus, um im zweiten Absatz die abgebildeten Insekten zu beschreiben, ebenso aber auch die anderen Tiere, die sie darstellt.

Auch versäumt sie es nicht die Hintergründe der Entstehung des Surinambuches zu beleuchten, was insbesondere für Laien interessant sein mag, da Maria Sibylla Merian zur Zeit ihrer Reise bereits auf ein bewegtes Leben zurückblicken konnte. Die Reise in die niederländische Kolonie bedeutete einen weiteren Bruch in ihrem Leben, nachdem sie bereits 1685 im Alter von 38 Jahren ihren Mann verlassen hatte, um sich der Sekte der Labadisten anzuschließen und diese dann sechs Jahre später wieder verlassen hatte. In Amsterdam verbrachte sie die Jahre bis sie 1699 gemeinsam mit ihrer Tochter Dorothea auf ihre große Reise ging, aus der schließlich ihr Hauptwerk hervorging. Von Kreis betont dabei, dass Merian sich gut auf ihren Aufenthalt in Surinam vorbereitet und dennoch ob der zahlreichen Möglichkeiten mehr Objekte in ihre Forschung einbezog als sie ursprünglich geplant hatte: Nicht nur Insekten bevölkern also das Buch, sondern eben auch die genannten Spinnen, Eidechsen sowie andere Reptilien, wenngleich die Schmetterlinge Surinams das hauptsächliche Forschungsthema blieben.

Für ihre Arbeit fertigte Merian ein umfangreiches Studienbuch an, das sie bereits während ihrer Zeit bei den Labadisten begonnen hatte und in dem sie Vorlagen sammelte, deren Verwendung für die »Metamorphosis insectorum Surinamensium«. Auch diesem widmet sich Renate von Kries eingehend und beleuchtet in diesem Zuge ebenfalls die Entstehung der finalen Aquarelle, die schließlich das Surinambuch bebildern sollten. Dabei arbeitete die »Wissenschaftlerkünstlerin« mit einem Montageverfahren und veränderte die Pflanzen aus ihren Vorlagen nicht. Die Autorin illustriert das anhand der Abbildung XLVIII »Zweig des Tabroubabaum mit Herkuleskäfer, Riesenbock und Palmbohrer«. Diesen vergleicht sie mit dem fertigen Aquarell, verweist auf Änderungen in der Komposition, aber auch in der Malweise. Darüber hinaus beleuchtet sie das Phänomen der mehrfach existierenden Aquarelle und verweist auch hier auf Unterschiede in Komposition und Malweise sowie die entsprechenden Zuschreibungen an Maria Sibylla Merian und ihre Töchter.

Im nächsten Kapitel untersucht von Kries weitere Auflagen der »Metamorphosis insectorum Surinamensium«, insbesondere die hier eingefügten zusätzlichen Abbildungen und deren Entstehungshintergrund. So war ihre Tochter Dorothea, die die Mutter nach Suriname begleitet hatte, wohl die Urheberin zahlreicher zusätzlicher Abbildungen, aber auch von Begleittexten, jedoch nicht aller, die nach dem Tode Maria Sibylla Merians, entstanden.

Im letzten Viertel des Textes untersucht die Autorin die Rezeption de Surinambuches, aber auch Merians Ringen um wissenschaftliche Anerkennung sowie ihren Beitrag zur Kunst. Bereits zu Lebzeiten erfuhr das Werk Begeisterung ebenso wie Kritik, so etwa an ihrer Systematik, aber ebenso an ihrem Bestreben die Insekten möglichst lebendig darzustellen. Insbesondere die Freunde des Merian‘schen Werkes übernahmen Teile ihrer Kupferstiche in eigene Werke, etwa durch den englischen Apotheker James Petiver, mit dem Merian einen Briefwechsel hatte, und der ihr eine systematischer Ordnung ihrer Tiere angeboten hatte. Aber auch Albertus Seba übernahm Stiche, ebenso das »Bilderbuch für Kinder« Friedrich Justin Bertuchs und weitere. In unterschiedlichen Kontexten – als naturwissenschaftliche Darstellung, Illustration zur Wissensvermittlung, aber auch moralische Illustration dienten die Darstellungen Merians in der Folge. Insbesondere um 1800 aber erfuhr die Künstlerin und Wissenschaftlerin verstärkt Kritik, die sich etwa darauf bezog, dass diese immer wieder Insekten und Tiere ihren Abbildungen zugefügt hatte, die eigentlich nicht in den jeweiligen Darstellungskontext passten, aber auch an der Lebhaftigkeit ihrer Abbildungen, die dem Zeitgeist einer strengen Wissenschaftlichkeit freilich widersprachen. Dass die Darstellungen Merians hier wenig Anklang fanden, verwundert kaum.

Merian selbst hingegen war sich ihrer anfechtbaren Stellung als wissenschaftlich arbeitende Frau bewusst und scheute sich auch nicht, etwa ihre Scheidung zu verschweigen, da dies ihr Ansehen deutlich geschmälert hätte. Lieber trat sie als Witwe auf. Aber auch inhaltlich arbeitete sie mit Botanikern, Apothekern und anderen Forschern zusammen, stand in Briefkontakt mit einigen, nutze deren Sammlungen und zog diese Kollegen etwa bei ihren Pflanzendarstellungen zu Rate. Darüber hinaus leistete sie zweifellos ihren eigenen wissenschaftlichen Beitrag. So wurden einige der von ihr beschriebenen Arten erst hundert Jahre später bestimmt, auch machte sie zahlreiche Pflanzen Surinams erst in Europa bekannt und dokumentierte sie überhaupt zum ersten Mal. In ihrer Zuammenschau von Insekt und Umgebung kann man sie fast schon als Vordenkerin moderner Feldforschung sehen. Die künstlerische Qualität ihrer Bilder hingegen ist wohl unbestritten. Ihre Bilder verbinden Traditionen aus der Renaissance und des Barock mit den Idealen der Aufklärung. Renate von Kries ordnet sie in eine Traditionslinie ein, die mit da Vinci oder Dürer begann, über die Pflanzen- und Kräuterbücher des 15. bis 17. Jahrhunderts bis hin zu ihr reichte. Insbesondere zieht die Autorin Parallelen zu Gherado Cibo. Auch ihren Lehrer Georg Flegel konnte Merian nicht verleugnen, ebenso wenig den Einfluss niederländischer Stilllebenkünstler wie Abraham Mignons.

So gibt Renate von Kreis in ihrem Buch einen Überblick über die Arbeitsweise Maria Sibylla Merians und der Tradition, in der sie stand, stellt aber auch ihre singuläre Rolle als Naturforscherin und Künstlerin heraus. Mit der Untersuchung insbesondere der Rezeption durch Zeitgenossen gelingt ihr das durchaus. Die teilweise ganzseitigen und farbigen Abbildungen ermöglichen dabei wunderbar ihre Argumentation nachzuvollziehen. Ein kleines Manko bleibt: Auch von Kries traut sich nicht künstlerische und wissenschaftliche Arbeit Merians gemeinsam zu betrachten. Nichtsdestotrotz bleibt ihr Buch eine angenehme Betrachtung des Hauptwerks von Maria Sibylla Merian und macht noch einmal deutlich, dass die sowohl Künstlerin als auch Naturforscherin war.