Ausstellungsbesprechungen

Ricochet #4: Ahmet Öğüt - Wherever I go I see your shadow behind me, Museum Villa Stuck, München, bis 23. Januar 2011

In der Reihe »Ricochet« präsentiert das Museum Villa Stuck aktuelle künstlerische Positionen zu politisch und gesellschaftlich relevanten Themen. Die vierte und vorläufig letzte Ausstellung bestreitet Ahmet Öğüt. Er wurde 1981 im kurdischen Diyarbakir geboren und lebt heute in Amsterdam. Selbst bezeichnet er sich als Konzeptkünstler, und mit Ausstellungen in anerkannten Institutionen wie die Kunsthalle Basel (2008) oder dem New Museum, New York (2009) hat er früh seinen Weg in den Kunstbetrieb gefunden. Barbara U. Schmidt hat sich einmal mit ihm beschäftigt.

Im Mittelpunkt der Münchner Werkschau steht die Installation »Exploded City«. Sie wirkt zunächst wie eine Spielzeugstadt. Tatsächlich handelt es sich aber um Miniaturen realer Gebäude und Fahrzeuge, die weltweit innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte zum Ziel von Terroranschlägen wurden. In einem Verzeichnis an der Wand sind alle Objekte sorgfältig aufgelistet und mit dem Datum des Anschlags versehen. Die mit diesem Wissen einsetzende Beklemmung des Publikums wird noch durch die Erfahrung körperlicher Enge verstärkt, denn die Decke des Raums ist bis auf ca. 160 cm abgehängt. Verzichtet hat Öğüt bei diesem Ensemble auf die Türme des World Trade Centers, einem hoch codierten Gebäude, an das sich viele Bilder und Narrative knüpfen. Gerade damit steht es der Strategie des Künstlers entgegen, der vorschnelle Einordnungen in einen spezifischen Kontext vermeidet, um die Dimensionen und gleichzeitig die Irrationalität weltweiter Bedrohung durch Terrorattentate zu erfassen. Mit dieser Betonung globaler Zusammenhänge überschreitet er auch die längst obsolete nationalstaatliche Zuordnung von Kunst der Venedig Biennale, in deren Rahmen die Arbeit 2009 erstmals im türkischen Pavillon gezeigt wurde.

Ursprünglich ausgebildet als Maler nutzt Öğüt heute alle Medien, mit denen er seine Anliegen transportieren kann, darunter auch den Videofilm. In »Things We Count« (2008) sieht man eine einfache Kamerafahrt entlang der ausgedienten Militärflugzeuge auf einem Flugzeugfriedhof in Arizona. Vor einer flirrenden Wüstenlandschaft erscheinen die monumentalen und gleichzeitig lädierten ‚Schlachtrosse’ während eine Stimme aus dem Off sie in drei verschiedenen Sprachen – Kurdisch, Türkisch und Englisch – zählt. Auch hier wird über den historischen Einzelfall von Verletzung, Tod und Zerstörung hinaus die Logik von Krieg und Bedrohung vor- und gleichzeitig ad absurdum geführt.

Ein weiterer Videofilm »Guppy 13 vs Ocean Wave« (2010) erinnert an den holländischen Konzeptkünstler Bas Jan Ader, der seit einer Atlantiküberquerung, zu der er 1975 im Rahmen einer Performance aufbrach, verschollen ist. Ein Boot vom selben Typus wie Aders und mit dem selben Namen, Guppy 13, ist in der Hafeneinfahrt von Amsterdam zu sehen. Orientiert man sich an der Richtung, in die der Bug weist, verlässt das Boot den Hafen, aber der Film und auch die Musik laufen rückwärts, so dass es scheinbar in rasanter Fahrt – Heck voran – auf den Hafen zusteuert. Die Kamera ist auf die Seitenwand gerichtet und bewegt sich mit der gleichen Geschwindigkeit wie das Boot. Dadurch entfernt sich das Fahrzeug nicht von dem eingenommenen Blickpunkt und es entsteht der Eindruck von Stillstand, trotz des aufspritzenden Kielwassers. Das Scheitern Aders überlagert Öğüt mit seinem eigenen Unvermögen, der Geschichte einen neuen Verlauf, eine tatsächliche Rückkehr des Verschollenen geben zu können.

Weitere Arbeiten kreisen um die Themen der individuellen Erinnerung und Identität. Öğüt fragt wie weit diese geprägt werden durch überkommene Mythen, öffentliche Bildproduktion und allgegenwärtige Gouvernementalität. Dazu trägt er alltägliche Beobachtungen und Fundstücke zusammen, nicht mit großer künstlerischer Geste, sondern eher wie ein distanzierter Zuschauer oder Archivar. Es verwundert angesichts dieser Strategien nicht, dass er in einem Künstlergespräch anlässlich der Ausstellungseröffnung nach Vorbildern oder verwandten Positionen gefragt, Kurt Schwitters nennt. Außerdem verweist er auf Francis Alÿs, mit dessen Performances sein eigenes Verweigern von Sinnstiftung und seine Inszenierung von Ohnmacht sichtliche Gemeinsamkeiten aufweist. Einem exzentrischen Künstlerselbstverständnis, wie es der ehemalige Hausherr der Villa, Franz von Stuck, pflegte und wie es sich auch in den historischen Räumen des Museums noch spiegelt, erteilt Ahment Öğüt damit als nicht mehr angemessen eine Absage.

Mit »Ricochet«, was aus dem französischen übersetzt Auf- bzw. Abprall bedeutet, betreibt das Museum Villa Stuck damit eine sehr konsequente Öffnung für neue künstlerische Positionen. Dem entsprechen auch die Formen der Vermittlung. Das Begleitprogramm aus Musik, Film und Diskussionsveranstaltungen wurde gemeinsam mit der Zündfunk-Redaktion des Bayerischen Rundfunks konzipiert und durchgeführt. Außerdem wird die Ausstellung über das Museum hinaus durch einen Blog vorgestellt und diskutiert.

Weitere Informationen

Zum Blog gelangen Sie über www.villastuck-blog.de.

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