Ausstellungsbesprechungen

Ringelnatz: Kunst und Komik, Günter Grass-Haus Lübeck, bis 1. April 2018

Joachim Ringelnatz war nicht nur ein Dichter, sondern auch ein Maler. In der Weimarer Republik wusste man um seine andere Seite, heute dagegen scheint sie so ziemlich vergessen. Im Lübecker Grass-Haus wird jetzt mit einer Kabinettsausstellung daran erinnert. Stefan Diebitz hat sich alles angesehen.

Joachim Ringelnatz, 1883 im sächsischen Wurzen geboren, hat während seines kurzen Lebens nicht nur sehr viele Berufe ausgeübt, sondern war überhaupt ein äußerst vielseitig begabter Mensch. Seine Zeitgenossen hätten ihn wohl zunächst als einen Kabarettisten angesprochen und in zweiter Linie als Autor, aber immerhin hätten sie wahrscheinlich von seinem malerischen Talent gewusst, das er während seiner Jugendjahre entdeckt hatte, aber erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt kultivierte, bevor er 1934 viel zu früh an einer zu spät entdeckten Tuberkulose starb.

Auch als Autor war er vielseitig und jedenfalls viel mehr als nur der Schöpfer des »Kuttel Daddeldu«, mit dem nicht wenige Schauspieler bis heute aufzutreten lieben, und es scheint etwas fragwürdig, diese Ausstellung mit »Kunst und Komik« zu überschreiben – er mag zwar einige wirklich komische Sachen geschrieben haben, aber doch keineswegs nur. Eigentlich sein ganzes Werk ist, wenn man genauer hinschaut, sehr ernst und manchmal sogar dunkel. Gewiss, er schrieb seine durchweg gereimte und meist sehr unterhaltsame Unsinnspoesie und dazu auch eine Menge kürzerer Erzählungen für satirische Zeitschriften, aber für die Lübecker Ausstellung sind einerseits seine autobiografische, mitnichten komische Prosa, andererseits der experimentelle und ebenso wenig komische Kurzroman »liner Roma« wichtig, weil sie alle sieben Illustrationen für dieses Buch zeigt.

Die Fiktion will, dass der Erzähler die »Druckbogen einer Kolportageschrift« findet, an der ein »abgerissenes Stück vom Titelblatt« hängt, und darauf kann man noch lesen »liner Roma«. Das habe er, schreibt der Erzähler, für sich selber zu »Berliner Romane« ergänzt.
Die Kuratorin der Ausstellung, Tatjana Dübbel, findet in dem kleinen Werk Vorwegnahmen auf Döblins »Berlin Alexanderplatz«, und es ist wirklich so, dass Ringelnatz‘ Büchlein, das kaum zur Kenntnis genommen wurde oder wird, in vielem an den späteren, so erfolgreichen Roman erinnert. Zum Beispiel in der Montagetechnik – jedem Kapitel ist ein kurzer Zeitungsausschnitt vorangestellt, eine Meldung von Mord und Totschlag, vielleicht auch eine Annonce –, zusätzlich noch in der Thematik, denn es geht um nichts als um die Großstadt. Es ist leicht zu sehen, warum Döblins Roman so viel erfolgreicher wurde: er erzählt eine richtige Geschichte mit einem Helden, dessen Geschichte sich dem Leser einprägt, wogegen Ringelnatz‘ Werk nur Prosa darstellt, eigentlich nur Material auf dem Weg zu einem richtigen Roman.

Ähnlich assoziativ und dazu wenig einheitlich wie die Erzählweise des Büchleins sind die Bilder; eines ist eine realistische Zeichnung (»Die Leichenwäscher«), ein anderes zeigt eine Großstadtlandschaft mit Mietskasernen, manche sind satirisch angehaucht und erinnern an George Grosz, mit dem er befreundet war, und wieder andere scheinen Träume wiederzugeben und lassen (wenn man ihn denn kennt) an Fritz von Herzmanovsky-Orlando und seine Zeichnungen denken.

Die Aquarelle sind so rätselhaft und subjektiv wie die Prosa von »liner Roma«. In einer »Atelierszene« betitelten Anekdote lässt Ringelnatz einen Maler auf die erstaunte Frage eines Bewunderers, ob er selbst das Bild gemalt habe – es scheint dem Besucher so ganz anders als die anderen Arbeiten – mit einer Bemerkung antworten, die auf das automatische Malen anspielt, das seinerzeit mehrere Künstler wie zum Beispiel Fritz von Herzmanovsky-Orlando gepflegt haben: »Es hat sich selbst aus mir gemalt.« Genauso wirken die Illustrationen zu »liner Roma«.

Diese Bemerkung passt auf die Aquarelle, könnte aber auch auf das einzige Ölbild in der Ausstellung gemünzt sein, das sich in Stil und Thematik an diese anschließt, auf das alptraumhafte »Das Untier«. Überhaupt werden alle Bilder denjenigen, der etwas Lustiges und Spaßiges erwartet, enttäuschen: nicht ein einziges dieser Bilder ist auch nur in einem weiteren Wortsinn humorvoll.

Ringelnatz‘ Humor, wesentlicher Bestandteil seines buntgescheckten Charakters, hat ihm sicherlich geholfen, ja es scheint, dass er buchstäblich auf ihn angewiesen war, um mit seinem Leben zurechtzukommen. Besonders in seinen autobiografischen Werken tritt seine dunkle Seite deutlich hervor, wie dieses Zitat aus »Die fremden Kinder« zeigt: »Ich weiß, daß ich häßlich bin. Meine Beine sind krumm. Ich habe ein schiefes, vorstehendes Kinn. […] Manchmal kränkt es unsäglich, wenn die Leute so offen und roh über mein Kinn und die Säbelbeine sprechen, aber ebenso, wenn sie mit merkbarer Rücksicht dies Thema umgehen.« Man sollte solche Zitate im Kopf haben, wenn man auf seine Selbstporträts stößt, wie etwa auf »Frühlicht«. Vieles mag lustig sein, aber es ist eben niemals Witzelei.

Die Ölbilder Ringelnatz‘ sind größtenteils wesentlich konventioneller als die Aquarelle und wohl auch weniger eigen – manche wirken fast ein wenig eklektizistisch und erinnern an große Vorbilder, insbesondere an Caspar David Friedrich. So lässt sich »Auf dem Watt« mit seinem gewaltigen rötlichen Himmel als eine Art Übersetzung der Strandbilder Friedrichs in unsere Zeit lesen, und »Frühlicht« gelingt es, gleichzeitig an den »Mönch am Meer« und an den »Wanderer über dem Nebelmeer« zu erinnern. Andere seiner Bilder lassen an seine Freunde denken, besonders an George Grosz. Aber einige weniger seiner Arbeiten gehören ganz und gar Ringelnatz. Das eine, vielleicht das künstlerisch durchdachteste der Ausstellung, ist »Hafenkneipe« von 1933, das wohl auch deshalb für ihn wichtig war, weil es an seine Zeit als Seemann anschließt, das andere ist »Untier« von 1926, das sehr stark an die Aquarelle anschließt, nämlich ähnlich subjektiv-assoziativ und alptraumhaft wirkt.

Von 1923 an malte der Autodidakt Ringelnatz intensiv, ermutigt von seinen Freunden, denen er manches abschaute. Viele seiner Arbeiten deuten auf eine wirkliche Begabung hin, und man glaubt gern, dass seine Verkaufsausstellungen von Anfang an ziemlich erfolgreich waren: es sind Bilder, die man sich in die Wohnung hängen kann. Aber so recht zu einem eigenen Stil hatte er in den zehn Jahren, in denen er regelmäßig malte, leider noch nicht finden können. Ringelnatz war eine ebenso eigenwillige wie vielseitig begabte Natur und ging zu Recht in die Literaturgeschichte ein; in der Kunstgeschichte ist sein Werk wohl nur eine Randnotiz.