Ausstellungsbesprechungen

Robert Häusser, Ins Wort gesetzt

Sein Leben erinnert hier an eine Märchengeschichte, da an ein Schicksalsdrama – und doch: so oder so begegnen wir einer Vita, die das Leben selbst geschrieben hat. Als Bub bekam Robert Häusser (geb. 1924) eine Lochkamera geschenkt, die den Weg des späteren Fotopioniers bahnte. Das hat etwas von einem Idyll. Nur waren die Zeitläufte alles andere als sorgenfrei:

Im NS-Staat konnte Häusser als Pressefotograf volontieren, und anders als sein Vater, der seiner Grundhaltung wegen ins KZ Dachau kam, jobbte er in einem Fotobetrieb, 1942 wurde Häusser als Soldat eingezogen, am Kriegsende fand er sich in amerikanischer Gefangenschaft wieder. So etwas wie Normalität kehrte erst nach 1946 ein, als er heiratete und ein solides Studium an der Schule für angewandte Kunst absolvierte. Der gebürtige Stuttgarter fasste auf Umwegen in Mannheim Fuß, wo er – wenn er nicht auf Ibiza weilt – sein Archiv von rund 64000 Fotonegativen hütet, das mittlerweile in den Besitz der Reiss-Engelhorn-Museen überging.

 

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Das Forum Internationale Photographie kann also auf wahre Schätze zurückgreifen, aus dem die gegenwärtige Ausstellung hervorging. Lyrikerinnen und Lyriker wurden eingeladen, eigens für diese Schau Gedichte zu einer Fotografie Robert Häussers zu schreiben. So offen das Konzept zwangsläufig war, so unbeschreiblich ist das Ergebnis geworden, das Häusser als Philosophen, die Dichter als Interpreten ersten Ranges zeigt. Auf der einen Seite vermitteln die ausschließlich schwarz-weißen Aufnahmen das einheitliche Gedankengebäude eines der besten Fotografen Deutschlands in der zweiten Jahrhunderthälfte – mit Landschaften, Genrebildern, Porträt und Architekturfotografien –, auf der anderen Seite bezeugen die vielen unterschiedlichen Stimmen der Poesie die Vielfalt dieses grandiosen Werks, dass gezeichnet ist von den Entbehrungen der Jugend und zugleich Parallelen aufweist zur Malerei eines Caspar David Friedrich und anderer.

 

Die Liste der Dichter ist beeindruckend und spricht für sich: Wolf Biermann, Michael Buselmeier, Heinz Czechowski, Adolf Endler, Elke Erb, Eugen Gomringer, Ulla Hahn, Ludwig Harig, Peter Härtling, Harald Hartung, Günter Herburger, Uwe Kolbe, Ursula Krechel, Jean Krier, Jürgen Kross, Michael Krüger, Günter Kunert, Gregor Laschen, Michael Lentz, Philipp Luidl, Franz Mon, Peter Horst Neumann, Jacques Outin, Marion Poschmann, Regina Ray, Jan Volker Röhnert, Peter Rühmkorf, Hans Dieter Schäfer, Silke Scheuermann, Albert von Schirnding, Lutz Seiler, Armin Senser, Tina Stroheker, Jürgen Theobaldy, Jan Wagner, Uljana Wolf, Paul Wühr.

 

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Es berührt, wenn man erfährt, auf welch persönliche Weise das Projekt entstand und wie allgemeingültig sich die ins Bild und ins Wort gesetzten Statements verselbständigten. Von Ulla Hahn und Michael Krüger bekam Häusser vor Jahr und Tag Gedichte zu seinen Arbeiten, die zunächst ins Archiv wanderten. Da der Kontakt zu Krüger nicht abriss und der Verleger zudem über gute Verbindungen zur lyrischen Kollegenschaft hatte, wurde aus Zufallsbegegnungen ein schlüssiges Konzept. Dabei achtete Robert Häusser darauf, dass keines seiner Fotos doppelt ausgewählt wurde, um die Vielfalt zu sichern. Was er selber gar nicht erwartete hatte, war seine Bekanntheit in der Öffentlichkeit – kaum ein Lyriker musste zweimal gebeten werden. In der Symbiose von Bild und Text gibt es erfreulicherweise weder »Sieger« noch »Verlierer«: gleichwertig stehen nun beide nebeneinander und eröffnen dem Betrachter ungeahnte Ansichten, neue Erkenntnisse im Hinblick sowohl auf die Fotografien wie auch auf die Gedichte.

 

Der Katalog, der sich zu einer Anthologie zeitgenössischer Lyrik entfalten konnte, versammelt somit fotografische Highlights eines erfüllten Fotografenlebens, das man auch in Zukunft zur Kenntnis nehmen muss, wenn man sich mit dem Genre der Fotografie auseinandersetzt. Zum Glück ist die nächste Ausstellung des Museum mit Fotografien Robert Häussers bereits angekündigt.

 

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