Buchrezensionen, Rezensionen

Robert Hodonyi: Herwarth Waldens »Sturm« und die Architektur. Eine Analyse zur Konvergenz der Künste in der Berliner Moderne, Aisthesis Verlag 2010

In seiner Dresdener Dissertation untersucht der Kulturwissenschaftler Robert Hodonyi intermediale Bezüge zwischen der Architektur und anderen Künsten zur Zeit des Expressionismus. Franz Siepe hat das Buch mit Interesse gelesen.

Wenn Robert Hodonyi in der Einleitung zu diesem Buch von dem sich in den Kulturwissenschaften zunehmend ausbreitenden »architectonic turn« spricht, so ist an dieser Feststellung bestimmt etwas dran. Denkt man etwa an den großen Darmstädter Ausstellungskatalog zum »Gesamtkunstwerk Expressionismus« von 2010 – dort wurde bereits auf Hodonyis Buch Bezug genommen –, dann wird augenfällig, als wie essentiell die Architektur im »intermedialen« Konzert der Modernisierungsphänomene inzwischen wahrgenommen wird.

1910 wurde in Berlin von Herwarth Walden, einem extrem rührigen und einflussreichen Agenten der künstlerischen Moderne, die Zeitschrift »Der Sturm« ins Leben gerufen. Das Blatt bestand bis 1932 und erwies sich »als eines der bedeutsamsten Organe der avancierten europäischen Kunstbewegungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, als entscheidender Wegbereiter und Schrittmacher der ›historischen Avantgarde‹, mit kunst-, medien- und diskursübergreifendem Charakter«. Kunstströmungen, die sich mit dem Namen »Der Sturm« verbinden, sind Expressionismus, Kubismus, Futurismus und Konstruktivismus. Prominente Autoren waren z.B. Alfred Döblin, Else Lasker-Schüler, August Stramm und Kurt Schwitters.

Hodonyi formuliert die Ausrichtung seiner Forschungsarbeit folgendermaßen: »Beobachtet wird einerseits die produktive Aneignung architektonischer Ideen und Metaphern durch Künstler und Schriftsteller und ihre Verschränkung mit anderen Kunst- und Denkbereichen innerhalb der kunstphilosophischen, theatertheoretischen und poetologischen Programmatiken des Sturm bzw. der ›veritable[n] Sturm-Ästhetik‹. Andererseits wird auch nach allen Formen der Präsenz von Architektur im Sturm gefragt und deren visuelle, materielle oder imaginäre Ausformung im Gesamtzusammenhang der Geschichte der Zeitschrift und verschiedener zeitgenössischer ästhetischer, politischer und kultureller Diskursstränge analysiert.«

Dabei handelt es sich um ein Vorhaben von beachtlichen Dimensionen; und man muss konstatieren, dass der Autor seine Ankündigung auf respektable Weise erfüllt, obschon nicht alle Resultate gleichermaßen überzeugen.

Was den Gesichtspunkt der »Präsenz von Architektur im Sturm« betrifft, so lässt sich nachweisen, dass Walden schon vor 1910, zu Zeiten des Vereins für Kunst, beträchtliche Architektur-Ambitionen zeigte, indem er etwa Henry van de Velde oder Hermann Muthesius ein Forum für die Propagierung der neuen Gestaltungs- und Bauideen bot: »Walden war offen für architektonische Aspekte im Zusammenhang mit dem Erneuerungsdiskurs der Künste um 1900.«

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In den ersten »Sturm«-Jahren waren es einmal der radikale Anti-Ornamentalismus des Wiener Architekten Adolf Loos und dann die von Paul Scheerbart und Bruno Taut propagierte Glasarchitektur, die mit der Kunstauffassung Waldens in wesentlichen Punkten konvergierten. Immer wieder sind es Leitbegriffe wie »Einfachheit«, »Reduktion«, »Sachlichkeit« oder »Konstruktion«, welche – nicht ohne eine gewisse Spannung zum expressionistischen Pathos des Seelen- und Leidensausdrucks – die moderne Ästhetik in ihrer Abwendung von der wilhelminischen Verhüllungs- und Fassadenkunst charakterisieren.

Hodonyis besondere Aufmerksamkeit gilt weiterhin den architekturtheoretischen Texten Adolf Behnes und Lothar Schreyers. Behne publizierte zwischen 1912 und 1918 in Herwarth Waldens Zeitschrift und war ein Bewunderer Bruno Tauts, dessen Haus in der Berlin-Charlottenburger Hardenbergstraße er rühmte: »Eine neue Gesinnung, ein neues Lebensgefühl liegt in dieser Architektur! Hier ist alles Äußerliche, aller Putz, alle ›Dekoration‹ wie mit einem eisernen Besen weggefegt!«

Schreyer war zwischen 1916 und 1928 verantwortlicher Schriftleiter (Redakteur) des »Sturm« und laut Hodonyi dessen »prononciertester Theoretiker«. Im Gegensatz aber zu Walden, der immer politisch dachte und seit 1920 KPD-Mitglied war, neigte Schreyer der Mystik eines Jakob Böhme zu und konvertierte 1933 zum Katholizismus, was ihn nicht hinderte, völkischen Ideen nachzuhängen und mit dem Nationalsozialismus zu sympathisieren. Seine Hauptvision war die eines »Menschenhauses«, eines »imaginären Theaterbaus«, der dem entfremdeten Gesellschaftsmenschen Raum für eine »ekstatische Gemeinschaft« gibt. Die kalten Materialien Stahl und Glas konnten so in den Dienst expressionistischer Gestik gestellt werden. Historisches Vorbild war die gotische Kathedrale, deren stein- und lichtgewordene Spiritualität man nun – profaniert – wiederbeleben wollte, um architektonisch zur Schaffung des »Neuen Menschen« beizutragen.

Zu Hodonyis in der Einleitung genanntem Aspekt der »produktive[n] Aneignung architektonischer Ideen und Metaphern durch Künstler und Schriftsteller« sei an dieser Stelle lediglich darauf hingewiesen, dass der im »Sturm« hinsichtlich literarischer Hervorbringungen energisch favorisierte Terminus »Wortkunst« insofern eine Affinität zu architektonischen Prinzipien aufweist, als er auf eine dezidiert »konstruktiv« gedachte Poetik abstellt, welche die eingefahrenen Bahnen hergebrachter Dichtkunst zugunsten einer das pure »Sprachmaterial« zur Erscheinung bringenden Methode verlässt.

Ein nicht zu unterschätzendes Verdienst der Studie Hodonyis liegt sicherlich in dem – u. a. qua Sichtung des Briefwechsels zwischen Herwarth Walden und Karl Kraus geführten – Nachweis, dass die Verflechtungen zwischen Berliner und Wiener Moderne »um 1900« auch personell enger waren, als man es gemeinhin zur Kenntnis genommen hat. Inhaltlich begreift Hodonyi den Berliner »Sturm« gleichsam als Fortsetzung des Wiener »Ver Sacrum«. Dessen Redaktion hatte im ersten Heft 1898 deklariert: »Wir brauchen [...] in erster Linie die notwendigen Kräfte der Zerstörung und Vernichtung. Auf morschem Untergrund kann man nicht bauen [...]. Allerdings hat diese, wie jede aufbauende Tätigkeit, die Wegräumung des Hinderlichen zur Voraussetzung«. Diese Drastik des »Ver Sacrum«-Modernismus stellt der Autor in eine ideengeschichtliche Linie mit der sich im »Sturm« artikulierenden Innovationsprogrammatik: »Auch wenn der Sturm-Kreis der Wiener Secession ablehnend gegenüberstand, wird im Programm von Ver Sacrum ein kairologisches Pathos sichtbar, das mit Tabula-rasa-Szenarien und Architekturmetaphoriken einhergeht, wie sie für die historische Avantgarde im Sturm exemplarisch untersucht worden sind.«

Wir fügen hier dieser dichten und kongenialen Beschreibung des Autors lediglich die Anregung hinzu, den Gedanken, die (ästhetische) Moderne sei ein Tabula-rasa-Szenario, ernst zu nehmen. Kann es aber dem im Innersten geschichtlich bestimmten Kulturwesen Mensch dauerhaft zumutbar sein, sein kurzes und beschränktes Leben immer wieder bei einer – von aller Historizität gereinigten – Nullstunde anzufangen?