Ausstellungsbesprechungen

Roger Ballen – Ballenesque. A Retrospective. Fotografien und Videos, Kunstsammlung Jena, bis 13. August 2017

Düster geht es in diesen Tagen in der Kunstsammlung Jena zu – oder zumindest auf den ersten Blick. Seine Bilder und Filme porträtieren diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen und in seinem Werk zu Grenzgängern werden. Stefanie Handke hat die Ausstellung besucht.

Betritt man die Ausstellungsräume, schallen einem harte Beats entgegen: In düsteren, abbruchreifen Räumen bewegen sich Musiker und Schauspieler zur Ravemusik. Der Videotitel ist Programm - »I Fink U Freeky«. Gängige Schönheitsideale begegnen dem Betrachter hier nicht, stattdessen Menschen vom unteren Rand der Gesellschaft, denen der Fotograf in Zusammenarbeit mit der südafrikanischen Band Die Antwoord eine Liebeserklärung hinterlässt. Dabei scheut er sich nicht vor verstörenden Bildwelten: Mal liegt Sängerin Yolandi Visser in der Badewanne mit einem weißen Huhn, mal tritt sie als Rattenkönigin auf, dann wieder repräsentiert sie die weiße Unterschicht mit zerrissener Kleidung und wirren Haaren. Rapperkollege Ninja mimt dagegen den Krieger oder weißen Unterschichtenmann dazu. Die Musik der Band muss dabei freilich nicht jedem gefallen; das Video indes lässt den Betrachter nur langsam wieder los. Auch zahlreiche Aufnahmen entstanden beim Videodreh, von denen hier ebenfalls eine Auswahl zu sehen ist. Sie zeigen Szenen des Videos und ermöglichen so eine genaue Konzentration auf die Bilder. Mit dem Video landeten Band und Fotograf einen Hit, und das obwohl – oder gerade weil – sie der klassischen Popästhetik eine ganz andere entgegensetzen. Diese ist ungleich düsterer, aber oft auch poetischer als das, was man aus anderen Musikvideos gewohnt ist.

Poetisch ist auch die Reihe »Asylum of the Birds« (ab 2004), in der Ballen einen ganz und gar unwirklich scheinenden Ort erkundet. Das hier gezeigte Haus existiert wirklich und ist die Heimat einer Gruppe Autonomer. Mit ihnen bewohnen unzählige Tiere, vor allem Vögel das Haus. Die an den Wänden zu sehenden Zeichnungen wurden auf seine Anregung von den Bewohnern des Hauses angefertigt. Die Vögel sind überall, und die Figuren an den Wänden scheinen aus einer anderen Welt auf das Geschehen in den baufälligen Räumen zu blicken. Zwischen schlafenden Erwachsenen und Kindern bewegen sich die Tiere, es entsteht eine fast schon albtraumartige Atmosphäre. Doch in dem Gebäude sind Menschen und Tiere zuhause. Diese Gemeinschaft mit all ihren Absurditäten setzt Ballen in Szene, fügt ihr Aspekte hinzu und streicht andere heraus. So etwa die Gesichter und Figuren, die auf den fotografien die Wände bevölkern; doch auch regelrechte Inszenierungen wie »Offering« (2009). Aus dem Dunkel heraus halten Hände Tauben dem Betrachter und der am unteren Bildende befindlichen Figur – ein Götze? – dargeboten. Mit dem antiken Schönheitsideal spielt dagegen »Fallen« (2011): neben der Kopie einer antiken Skulptur, deren Kopf überdeckt wurde, liegt ein vermutlich toter, gefallener Vogel, die Augen noch offen, den Betrachter fixierend. Wer ist hier wirklich gefallen? Das Tier, das sein Leben aushaucht? Oder das klassische Schönheitsideal, das angesichts der Absurdität dieses »Asylum of the Birds« an seine Grenzen stößt, ja geradezu außer Kraft gesetzt wird.

Die Orte, die Roger Ballen inszeniert, existieren wirklich; der Fotograf aber greift in sie ein, bittet die Menschen, die er darstellt, um Handlungen und Mithilfe, baut mit ihnen gemeinsam Kulissen und gestaltet die Räume neu, zeigt sie aber auch schonungslos und spielt mit ihrem Ausgestoßensein. Das brachte ihm schon oft den Vorwurf ein, Obdachlose und Arme auszunutzen, doch sieht sich Ballen dabei selbst eher als Freund, mit dem die Menschen kommunizieren und arbeiten, sieht gegenseitigen Respekt und Freundschaft. Das mag freilich auch beschönigend sein, doch alle Fotografien Ballens, die in Jena zu sehen sind – von »Asylum of the Birds« über »Outland«, »The Theatre of Apparitions« und »Boarding House« bis zum Musikvideo zeigen die von der Gesellschaft vernachlässigten und ausgestoßenen Menschen mit einem ganz eigenen Selbstbewusstsein, einer ihnen eigenen Schönheit, die einem im Vorübergehen – sollte man sich denn jemals in einen südafrikanischen Slum verirren – gar nicht auffallen würden, von denen man sich höchstens etwas abgestoßen fühlte. Mit Ballens Fotografien treten sie in unseren Fokus, nehmen Raum ein und erfahren eine Aufmerksamkeit, die sie sonst nicht bekämen. Zugleich zeugen die Bilder von der Faszination des Fotografen für menschliche Abgründe und psychische Extreme, die sich in seinen Inszenierungen widerspiegeln. Allein das macht einen Besuch wert, von den Videos, die hier gezeigt werden und einen Blick in die Arbeit des Fotografen erlauben, aber zugleich selbst Inszenierung sind, ganz zu schweigen. In Ballens Arbeit wird das Verstörende zum Schönheitsideal – I fink it‘s freeky and i like it a lot.