Buchrezensionen

Rolf Bergmeier: Karl der Große. Die Korrektur eines Mythos, Tectum Verlag 2016

Karl der Große erscheint uns oft als einer der Heiligen der europäischen Einigung und Kultur. Doch – ist er das wirklich? Immerhin verlief seine Politik nicht immer im Sinne eines friedlichen europäischen Zusammenlebens. Rolf Bergmeiers Buch geht genau dieser Frager nach und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Pater Europae zu demontieren. Ulrike Schuster hat es gelesen.

Eigentlich sollten wir uns an den Schock mittlerweile gewöhnt haben: Karl der Große hatte seine dunklen Seiten! Es ist nicht so, dass dies noch niemals thematisiert wurde. Und auch über den Karlspreis lässt sich trefflich streiten: ist der Frankenkaiser tatsächlich geeignet als Symbolfigur für das geeinte Europa? Die zeitgenössische Vereinnahmung durch die europäische Politik ist nicht weniger diskussionswürdig, als es die mittelalterliche Selig- und Heiligsprechung war. Doch was immer bislang über Karl geschrieben wurde, für Rolf Bergmeier, Althistoriker, Oberst a.D. und Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, ist es immer noch viel zu milde, zu gemäßigt, vor allem zu wenig kirchenkritisch. Er ist angetreten, um das »Konglomerat aus Vertrauenswürdigem, unkritischen Wiederholungen und frommer Weltanschauung« (S. 15) zu entzaubern und sein Vorwurf an die Historiker lautet, sie würden flächendeckend ein verfälschtes, geschöntes Bild über Karl den Großen zeichnen.

Der Untertitel des Buches, »Korrektur eines Mythos«, ist gelinde gesagt, eine Untertreibung. Nicht Korrektur, sondern die vollständige Zertrümmerung hat Bergmeier sich zum Ziel gesetzt. Zur Untermauerung seiner Thesen pulvert er rhetorisch aus allen Rohren. Wort- und variantenreich wettert er gegen Geschichtenerzähler und Epigonen, gegen Panegyrik und treue[s] Nacherzählen. In regelrechter Schwärmerei hätten »Theologie und glaubensselige Historiker Karl [...] in zahllosen Historien, Annalen, Briefen, Märchen und Sagen hochleben und durch eine Selig- und Heiligsprechung in den überirdischen Raum aufsteigen lassen«. Dank einer »ewig währende[n], wohlwollende[n] Berichterstattung« werde Karl der Kritik entzogen, »wo doch tausend Jahre lang alle Schreiberlinge treue Katholiken gewesen sind [...] Und so schallt es uns aus allen Feuilletons des deutschen Blätterwaldes entgegen: Karl ist ein Prachtkerl.« (S.195)

Wer solches liest, der ahnt schnell: hier weht ein scharfer Wind der Polemik. Eloquent, phantasievoll und durchaus originell in der hohen Kunst der Verbalattacke, ohne Zweifel. Jedoch, wie es in polemischen Auseinandersetzungen sehr häufig geschieht, kommt eine beliebte Zirkelschluss-Strategie zur Anwendung: Man unterstellt den Kontrahenten Befangenheit oder gar Verblendung, Manipulation, Indoktrination, um sodann jeden Einwand unter Hinweis auf eben diese Befangenheit abzuschmettern. Bergmeier hat sich einer fundamentalen Religionskritik verschrieben, ganz Im Stile eines Richard Dawkins oder Karlheinz Deschners. Wer gallige Kirchenschelte mag, der wird daran seinen Gefallen finden. Freilich hat man manchmal den Eindruck, dass sich die immergleichen Einwürfe wiederholen, fast schon wie in einer katholischen Litanei. In der Sache erfährt man wenig Neues. Sogar die Karls-Kritik geht in den Grundzügen zurück auf Voltaire, dessen Abrechnung mit Charlemagne zu seiner Zeit tatsächlich revolutionär war, prickelnd und erfrischend skandalös. Heute dagegen bleibt das schale Gefühl, alles schon irgendwo einmal gehört oder gelesen zu haben, obwohl der Autor gerne den Eindruck erwecken möchte, hier würden Wahrheiten ans Licht gebracht, die andere verschwiegen hätten.

Einen zweiten großen Schwerpunkt des Buches bildet eine sehr ausführliche Quellenkritik. Die Zeugnisse über Karl sind in der Tat nur spärlich gesät, zudem einseitig zu seinen Gunsten verfasst. Da hat Bergmeier zweifellos Recht. Zahllose Legenden stricken sich rund um seine Person, Mythos und Wahrheit sind oft kaum zu entflechten. Allein, auch dieses Faktum erfährt man nicht zum ersten Mal! Bergmeier kritisiert seine Fachkollegen, diese wüssten im Grunde genommen nichts über Karl. Umgekehrt macht er es ihnen zum Vorwurf, wenn sie sich anhand der schwierigen Faktenlage vorsichtig, in Hypothesen äußern: Sie zeichnen einen »Karl im Konjunktiv« spottet er und geißelt den Gebrauch von Füllwörtern wie möglicherweise, vielleicht oder wahrscheinlich. In seinem eigenen Gegenentwurf schlägt er einen weiten Bogen, ausgehend von der klassischen Antike, die Zeiten übergreifend, bis in die Ära der französischen Aufklärung. Umfassend, aber in äußerst generaliserenden Bildern, im Guten wie im Schlechten. Gegen eine makellos strahlende Antike steht der allerfinsterste Niedergang, und wie in einer jeden deftigen Mittelalterkritik darf natürlich der Griff in die Kloake nicht fehlen: »Vor ihm und nach ihm liegt die städtische Kultur am Boden, die Menschen hausen in armseligen Holzbaracken, entleeren ihre Notdurft auf den Straßen, Paris ist ein Müllhaufen.« (Klappentext)

Da die Zeugenaussagen samt und sonders aus Gründen der Befangenheit ausfallen, äußert der Verfasser sich nur spärlich über biographische Details seines Protagonisten. Umso mehr widmet er sich einem generellen Unbehagen an der Kultur und entwickelt eine Art Ökonomie des Defizits. Das Karolingerreich wird an den Maßstäben der klassischen Antike, an Byzanz, der islamisch-arabischen Parallelkultur gewogen und für zu leicht befunden. Es hat einen Hauch von Casting-Show, wenn wir erfahren, dass frühmittelalterliche Elfenbeintäfelchen nicht »über den dramatischen Bildaufbau und die spannungsgeladene Linienführung der antiken Laokoon-Gruppe« verfügen (S. 136), oder die Aachener Thermen nicht konkurrieren können mit jenen des Caracalla in Rom (S. 148). Unter der Beteuerung: »[...) es geht hier nicht darum, künstlerische Arbeiten aus dem 8. Jahrhundert kleinreden zu wollen« geschieht leider genau dieses: »[D]er antiken Kunst kann die karolingische Kunst nicht das Wasser reichen.« (S. 137) Ob Schulsystem, Klosterbibliotheken, Verwaltung oder Wirtschafssystem – für Bergmeier ist Karl der Große kein Aufbauer, sondern schreibt den Verfall der antiken Kultur vielmehr fort und handelt dabei unter dem verhängnisvollen Einfluss der Katholischen Kirche: »Karl ist Katholik. Einer von der furchterregenden Art, wie wir sie den heutigen Fundamental-Islamisten mit ihrem Eselsgeschrei vorwerfen. Das kann angesichts seiner Gesetze und seines Verhaltens nicht ernsthaft bestritten werden, wird aber von Sirenengesängen über die Wohltaten, die er Europa, der katholischen Kirche und den Klöstern habe angedeihen lassen, übertönt.« (S. 73)

Fazit: Bergmeiers Buch über Karl den Großen ist eine Streitschrift, und als solche soll man sie auffassen. Ihre Spitzen richten sich gegen die von ihm so empfundene »gefällige Geschichtsschreibung«, gegen die Hasenfüßigkeit von Historikern, »die in Zitaten aus anstößigen Quellen schwelgen« (S. 231ff). Man möge den Autor beim Wort nehmen: Bergmeier lesen, die Gedankenanstöße empfangen. Und dazu, in Gegenüberstellung, die Bücher der Vielgescholtenen, der Schreiberlinge, Geschichtenerzähler, Epigonen und Panegyriker. Man möge die Geschichtsbilder abwägen, und vergleichen – warum etwa nicht? Der kritische Vergleich ist schließlich die Grundlage für lebendige akademische Diskussion.