Ausstellungsbesprechungen

rosalie – ...voll mit wilden Rosen, Galerie Schlichtenmaier Stuttgart, bis 12. Mai 2018

Bühnen- und Kostümbildnerin, Licht- und Installationskünstlerin und vor allem eines der künstlerischen Aushängeschilder der Stadt Stuttgart: Das war die 2017 verstorbene rosalie. Die Galerie Schlichtenmaier erinnert nun mit einer Retrospektive an sie. Günter Baumann berichtet.

Nachdem die 1953 geborene Licht- und Bühnenbildnerin rosalie im vergangenen Jahr nach langer, schwerer Krankheit und doch für viele völlig unerwartet gestorben war, gerade einmal 64 Jahre alt, verlor Stuttgart eine seiner wenigen international renommierten Künstlerinnen. Der zu Lebzeiten errichtete monumentale Lichtwirbel im Sindelfinger Schauwerk wurde nahezu zu einem Vermächtnis, doch stand seitdem eine retrospektive Ausstellung aus. Die Galerie Schlichtenmaier, die noch mit der Künstlerin selbst über eine kleine Werkschau nachgedacht hatte, holt dies nun im Rahmen der verfügbaren Räumlichkeit nach.

Das Werk rosalies ist Malerei, Skulptur, Fotokunst, Lichtpoesie und Raumvision in einem, spielt mit der Vergangenheit und Zukunft, setzt antikes Theater und virtuelle Fantasie in eins – eine Ausstellung kann nur ausschnitthaft die Idee ihres Gesamtkunstwerks abbilden, das in Wagnerscher Opulenz das mediale Zeitalter erobert hat. »Selbst dann / bin ich die Welt«, mag man mit Richard Wagners Tristan und Isolde (II/2) ausrufen.

In der Gewissheit, dass Farbe Licht, Licht jedoch nicht immer nur Farbe, sondern auch Bewegung im Raum sei, muss man rosalies Kunst als Ganzes denken, als Gedankenraum, der das Licht begreifbar macht. Da die Licht- und Bühnenkünstlerin nicht nur vom Bild, sondern oft auch von Wort und Klang her denkt, schafft sie bühnenreife Objekte, die mit dem Betrachter kommunizieren. Die Bühne, die seit jeher sinnbildlich für die Welt steht, war rosalies Aktionsraum. Wo sich ihre Kunst auf anderem Parkett abspielt, verwandelt sie es kurzerhand zur Bühne. Der Romancier Robert Musil führte den Begriff des »Möglichkeitssinns« ein, den Peter Weibel im Hinblick auf rosalie zum »Möglichkeitsraum« machte. Bei Musil heißt es: »Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben. [...] Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte, müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen, als das, was nicht ist.«

Rosalie macht sich diese Sicht zu eigen und inszeniert sie in opulenten Farben und Licht-Bildern, sei es auf den großen Bühnen der Welt inklusive Bayreuth oder im schlichteren Galerieraum. Dass sie das Pathos dabei nicht scheut, fügt sich wohl mit ihrer Hingabe für die Poesie, von dem wortgewaltigen Walther von der Vogelweide zu Klassikern wie den getriebenen Friedrich Hölderlin und über den spätromantischen Synästhetiker Richard Wagner, bis hin zur drängend stillen Ingeborg Bachmann. Das hat freilich damit zu tun, dass rosalie die Kunst idealtypisch in unseren Alltag einbettet und zugleich dem Alltäglichen eine Würde verleiht, die uns heute zuweilen irritiert. Was Musil mit seinem Möglichkeitssinn meinte, schließt an Schillers Credo aus dem Gedicht »An die Freunde« an, das eine Reihe geflügelter Worte enthält: »Sehn wir doch das Große aller Zeiten / Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, / Sinnvoll still an uns vorübergehn. / Alles wiederholt sich nur im Leben, / Ewig jung ist nur die Phantasie; / Was sich nie und nirgends hat begeben, / Das allein veraltet nie!«

2003 realisierte rosalie im Grassi Museum in Leipzig die Installation »Im Gewitter der Rosen« – der Titel ist einem Liebesgedicht Ingeborg Bachmanns entnommen. Die Galerie zeigt Fragmente des dreiteiligen, raumbezogenen Ensembles. In der Raumflucht sollte der Betrachter sich einen »Lichtsteg« denken, der ihn in »poetische Gefilde« (rosalie) entführt, an einem ornamentalen »Teppichgarten« aus Acrylgranulat entlang auf eine »Regenbogen«-Wand zu, welche den präsentierten Teil der Arbeit darstellt: Diese »Schonung« besteht aus einem rund acht Meter breiten Farbenteppich in den sieben Spektralfarben des Regenbogens, im Licht glitzernden Leinwandmodulen aus Acryl und Acrylglasgranulat, vor deren Kulisse eine lebensgroße Mannequin-Figur – in schwarzes Granulat getaucht – als moderne Eva posiert. Der dazu gehörende »Kristallpark« zeigt einige der insgesamt 70 Bildobjekte mit floralen Motiven, welche die »Hängenden Gärten« evozieren. Mit gemalten und Schriftbildern erinnert die Ausstellung darüber hinaus an die Opern »Nacht« von Georg Friedrich Haas (Frankfurt) und Wagners »Tristan und Isolde« (Basel), beide 2005, für die rosalie die Lichtregie und die Kostüme schuf – letztere in ihrer Inszenierung. Die Künstlerin erweist sich hier in einem selbständigen Werkkomplex als Textdesignerin, die Wortbilder und Interjektionen des Librettos oder gestisch-skripturale Spuren auf die Leinwände überträgt.

Dass es rosalie mühelos gelingt, die intellektuelle Tonhöhe zu halten, die etwa im Zitat des Hölderlin-Gedichts »Hälfte des Lebens« kulminiert, und zudem im Werk der Ironie Raum und Form gibt – man denke an die Pop-»Flossis« oder die im Dialog mit Joan Brossa entstandene surreale Wagner-Satire »In spiritus cactus« –, macht ihr Werk zum Paradebeispiel der Postmoderne. In diesem Sinne suchte auch die Lichtkünstlerin die Entgrenzung der Kunst. Die »LightScapes« erinnern nicht nur an abstrakte Landschaften (›landscapes‹), sondern an die malerische Qualität des Lichts, die rosalie dann zur verwirbelten Lichtskulptur (»Soft Volumes«) modulierte und schließlich – meist in Zusammenarbeit mit dem ZKM in Karlsruhe – zur Lichtarchitektur monumentalisierte. Mittels innovativer Technik der LED- und Lichtfaser-Beleuchtung gab rosalie der Schöpfungsgeschichte so einen bleibenden, festlichen Ausdruck. Videoprojektionen vermitteln in der Ausstellung die Wirkung der grandiosen Lichtinstallationen und Bühnenbildern, die in einer Galerie nicht ausstellbar sind.

Die Werkpräsentation ist ein Genuss, und selbst die Wirkung von draußen hat es in sich, en passant. Den Anblick nachts sollte man sich nicht entgehen lassen – es dürfte zur Zeit der schönste Eindruck von der Stadt sein.