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rosalie: Light Flow | Light Stream, Hamburger Staatsoper, bis 18. Oktober 2015

Seit einigen Wochen wird es immer früher dunkel – also warum die Abendstunden nicht ein wenig erhellen? Wie das aussehen kann, das kann man in diesen Tagen vor der Hamburger Staatsoper erleben. Deren Fassade bringt nämlich die Lichinstallation rosalies zum Leuchten. Günter Baumann hat es sich angesehen.

Hamburg leuchtet. Die Hamburgische Staatsoper ist seit 19. September um ein Highlight reicher, und das im bildlichen wie wörtlichen Sinne: rosalie, die international agierende Lichtkünstlerin aus Stuttgart, hat die Fassade des renommierten Hauses am Gänsemarkt mit einer temporären malerischen Lichtinstallation versehen – mit Ausmaßen von rund 14,5 auf 42 Meter gehört die Lichtskulptur wohl zu den größten Beiträgen ihrer Art, die die Hansestadt je zu bieten hatte. Die bei Jürgen Rose ausgebildete und seit 1995 als Professorin in Offenbach lehrende Bühnenbildnerin ist nicht zum ersten Mal in Hamburg aktiv: Bereits vor 25 Jahren zeichnete sie verantwortlich für die Bühne und Kostüme zu Mozarts »Idomeneo«.

Unter dem Titel »Light Flow – Light Stream« illuminiert rosalie nun in einem Loop wechselnder Farbverläufe die transparente Fensterfront der Staatsoper, um sie in einen Lichtkunstraum zu verwandeln. Damit bricht sie nicht nur die Architektur in ihrer baulichen Statik auf, sondern sie transferiert den Bühnenraum in einer malerischen Symbolik nach draußen – als glamourös inszeniertes Fanal eines sich weit öffnenden Theatervorhangs. Da die Wirkung sowohl von außen auf das Operngebäude als auch von innen nach draußen wirken kann, hebt rosalie mit dieser kinetischen Lichtskulptur alle Grenzen auf, auch die zwischen Bühnen- und Alltagswelt. Was atemberaubend in der Wirkung ist, basiert auf einer technischen Meisterleistung: »Dieses Gewebe aus Lichtleitfasern«, so beschreibt es rosalie im Interview, »wird aufwändig verflochten und anschließend mikrosekundengenau programmiert – Zeiten, Farbintensität und Impulse werden in 38 Projektoren aufeinander abgestimmt. Dabei wird präzise festgelegt, wie diese miteinander spielen und in welcher Komposition das Farben- und Lichtspiel dann in Aktion tritt.«

Die Lichtkunst hat in den vergangenen Jahren mehr und mehr Bedeutung im Schaffen rosalies eingenommen – den Sprung von ihren spektakulär lichtvollen Bühnenbildern zu Großraumplastiken, wie sie insbesondere im ZKM in Karlsruhe zu sehen waren, machte die Künstlerin wie selbstverständlich. Unabhängig von konkreten Bühneninhalten, geht sie energiegeladen ans Werk und verzaubert ganze Häuser mit einem für sie typischen Geflecht aus Farbe, spürbarem Licht und mystischem (Zwischen-)Raum. Der Betrachter fühlt sich in seinem Hang, alles zu verstehen, überwältigt. Die hochartifizielle, barock flutende Lichtraumwand fordert ihn auf, bezüglich der gespielten Vorgänge hinter dem Vorhang und der realen Aktionen diesseits des Kunstwerks Stellung zu beziehen, im Idealfall mit der Einsicht, dass vieles von dem, was auf den Bühnen geschieht, real ist, während so manches im Glanz des Lichterspiels in einer virtuellen Realität aufgeht. Als gestalterischer Bühnenprofi weiß rosalie um die Macht der Bilder in der Oper – im Hamburger Großprojekt geht es aber auch um den visuellen Pulsschlag, mit dem der Bewohner und Besucher in der Hansestadt konfrontiert wird: Ob Flaneur, Passant oder Geschäftsgänger – jeder, der tagsüber dem Gewirr weißer Fasern gegenübersteht, mag sich wundern, verzaubert wird er sicher, wenn es Abend wird: Wer dieser Lichtkunst begegnet, tritt automatisch in einen Dialog mit der Kunst, lässt sich ein auf ein strahlendes Spiel zwischen Außen- und Innenraum. Was er sieht, ist eine Oper für die Augen.

Die Lichtplastik wird bis Ende Oktober zu sehen sein, aber sicherlich länger im Gedächtnis der Menschen bleiben – das aber nur, wenn man die Chance nicht verpasst, dieses singuläre Ereignis zu erleben. Weitere Informationen unter www.staatsoper-hamburg.de.

Technische Daten
rosalie: Light Flow | Light Stream
Temporäre kinetische Lichtskulptur 2015
Lichtleitfasern, Lichtquellen,
programmierter Ablauf, Loop ca. 25 Min.
Breite 42 m, Höhe 14,5 m

An der Fassade der Hamburgischen Staatsoper, täglich 18.30 – 00.00 Uhr