Rezensionen, Buchrezensionen

Rose Hajdu/Ulrike Seeger: Hauptbahnhof Stuttgart. Ein Wahrzeichen in Bildern, Thorbecke 2011

Zur emotional geführten Debatte um den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs ist nun ein Buch erschienen, das den Vorgängerbau in hinreißenden Fotografien bewahrt. Günter Baumann hat die Publikation voller Wehmut für PKG betrachtet.

Man reibt sich die Augen beim Blättern des im Thorbecke Verlag erschienenen Buches über den Hauptbahnhof Stuttgart: Wann hätte man je vor Ort diese Detailfülle an dem spröde wirkenden, 1914 bis 1928 errichteten Bau von Paul Bonatz wahrgenommen, wie sie nun in hinreißend schönen Fotografien von Rosa Hajdu zugänglich sind. Als das Buch im Frühjahr erschien, war schon abzusehen, dass dieses denkmalgeschützte, wenn auch über Jahre achtlos geschmähte Meisterwerk der Architektur keine Zukunft mehr haben würde. Einen großen Anteil daran trägt das in weiten Kreisen der Bevölkerung verhasste Milliardenprojekt der Bahn (»Stuttgart 21«).Spätestens nach dem Abriss eines Seitenflügels stieg der alte Bahnhof zum bekanntesten, ja gar zu einem der beliebtesten Gebäude der Stadt auf, bis in die Ränge der städtischen Wahrzeichen Weißenhofsiedlung, Fernsehturm und Staatsgalerie.

Weitere Teilabrisse sind vorprogrammiert, sodass der Band von Seeger und Hajdu den Beiklang eines Schwanengesangs erhält. Von außen und auch innerhalb der Haupthalle ließ die Bahn die Architektur über die letzten zwei Jahrzehnte sichtlich verkommen, aber dennoch gelang es der Fotografin, atemberaubende Treppenhausdetails, Schattenspiele an den schmiedeeisernen Fenstergittern, bauplastische Capriccios oder die ästhetische Wucht der genieteten Eisenkonstruktionen unter dem Gleis 16 einzufangen. Wenn dereinst – in 10 bis 15 Jahren – die Baustellenödnis um den Bahnhof herum behoben sein wird und die Züge unter dem Areal – von nichts sagenden Glaskegeln belichtet, durchrauschen werden, wird man sicher auch wieder emotionsloser den verbleibenden Rest des Bonatz-Baus betrachten können. Als Architektur wird er dann jedoch völlig sinnlos sein – und mithin erfahren die Schmuckformen am groben, aber opulent vielfältig gestalteten Mauerwerk eine tragische Wendung als überflüssige Art pour l’art.

Fortsetzung von Seite 1

Es mag bitter klingen, aber dem Buch, das noch einmal in Bild und profunder Beschreibung zusammenfasst, was man über den Stuttgarter Bahnhof wissen sollte, ist zu wünschen, dass es länger auf dem Markt bleibt, als die Baustelle währt – um es den dann Verantwortlichen auf den Tisch zu legen, die die Architektur für ein fragwürdiges Projekt (die Süddeutsche Zeitung schrieb vom »dümmsten Großprojekt«) geopfert haben: Vielleicht haben dann noch ein paar wenige den Bau so schön in Erinnerung, wie er einmal war. Diejenigen, die den Bau nun innig umarmen, könnten sich dann erinnern, dass so manche von ihnen den spektakulär durchkomponierten Bahnhof mit dem sakral anmutenden Zentralraum und dem Stauferturm-Zitat vor dem Liebesschwur als präfaschistische Architektur missverstanden.

Es ist fast ein Glücksfall, dass das Deutsche Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte mit dem Bildarchiv Marburg eine Fotoserie über den Stuttgarter Bahnhof in Auftrag gegeben hat, die Grundlage für das vorliegende Buch war. Ulrike Seeger vermeidet polemische Worte, wohl wissend, dass die Bilder für sich sprechen. Wer im Untertitel das Wahrzeichen beschwört, führt ein stilles »Finger weg!« im Geiste mit. Mittlerweile hat die Wirklichkeit die theoretischen Befürchtungen eingeholt. »Dem geneigten Leser«, so schreibt Seeger, »seien beim kommentierten Rundgang in Bildern neue Ein- und Ansichten gewünscht«. Es wurde bereits begonnen, den Stuttgarter Hauptbahnhof abzuwracken. Freilich: Es wird nicht so weit kommen wie einst beim modernistischen Kaufhaus Schocken von Erich Mendelsohn, das zur gleichen Zeit wie der traditionalistische Hauptbahnhof fertig gestellt worden war und 1960 zugunsten einer Verkehrsstraße komplett abgerissen wurde. Seiner Funktion enthoben, muss man dann aber auf Publikationen wie der von Seeger und Hajdu zurückgreifen, um die Faszination für ein auf den zweiten Blick einzigartig schönes Bauwerk nachempfinden zu können.