Buchrezensionen

Roswitha Mair: Handwerk und Avantgarde. Das Leben der Künstlerin Sophie Taeuber-Arp, Parthas 2013

Sophie Taeuber-Arp (1889-1943) war eine der innovativsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie entwickelte eine eigenständige Stimme in Malerei, Bildhauerei, Textilhandwerk, Architektur und Innenraumgestaltung. Ihre klaren nichtfigurativen Werke sind ganz dem Zusammenklang von Form und Farbe, Rhythmus und Gleichgewicht gewidmet und spiegeln konsequent den Geist der Konkreten Kunst. Und doch ist sie bis heute eine eher bekannte Unbekannte, woran Roswitha Mairs Biografie nicht viel zu ändern vermag. Rowena Fuß hat sich auf Spurensuche begeben.

»Als Vertreterin der Konkreten Kunst bewegte sie sich still unter ihren Künstlerfreunden […] und war doch stets sehr präsent. Und sie lebte an der Seite eines anderen Künstlers, der ohne sie nicht konnte und wollte, Hans Arp« umreißt eine Passage des Klappentextes das Leben der Schweizer Künstlerin Sophie Taeuber (1889-1943). Und doch gibt es nichts, was ihrem Wesen mehr widerspricht als der honigsüße Klang dieser Worte. Auch die Beziehung mit ihrem Mann Hans Arp ist nicht die Romanze, die hier angedeutet wird. Es ist eine grundlegend bodenständige Verbindung, mit kühlem Kopf geführt und von Wertschätzung und Zuneigung geprägt. Jeder wusste, was er am anderen hat. Ihr verdanke er alles, sagte Arp einmal während eines Urlaubs 1922 in Tirol. An Rudolf Bauer schrieb Sophie 1918: »[Ich] verdanke ihm [Arp] so viel, wie niemand sonst, in meiner Kunst […] wenn er im Zimmer ist wenn man arbeitet so hat man die herrlichsten Einfälle so anregend ist er und dabei tut er gar nichts, es ist ganz rätselhaft.«

Auf knapp 300 Seiten erzählt Mair das Leben Sophie Taeubers. Schwerpunkte legt sie bei der Dada-Bewegung und die Zeit des Dritten Reichs in Frankreich. Zur besseren Lesbarkeit ist alles in Sinnabschnitte gegliedert worden. Vielfach sorgen jedoch allgemeine Informationen zu historischen Ereignissen oder künstlerischen Strömungen dafür, dass der Leser von der Hauptprotagonistin abgelenkt wird. In etwa 50 Seiten handelt die Autorin Kindheit, Jugend und die Ausbildungszeit in St. Gallen, München, Hamburg und Zürich ab. Es sind nur Nebenschauplätze, aber wichtig, um sich ein Bild von Sophies Charakter zu machen und einen Einblick in die für sie prägenden Einflüsse zu gewinnen. Allerdings schweift Mair bei der Familiengeschichte der Taeubers ab. Anschließend widmet sie allein 50 Seiten der Dada-Bewegung, in der Sophie nur eine Nebenrolle spielte. Hier geht es vor allem um Hans Arp. Auch diesen Part hätte die Autorin raffen können.

Nur mühsam schält sich die eigentliche Titelheldin aus ihren Beschreibungen. Was lässt sich überhaupt aus den spärlichen Informationen extrahieren? Wer war Sophie Taeuber? Sicherlich ein sehr bodenständiger Mensch, geradeheraus, wenn auch auf eine höfliche Art, zurückhaltend, aber ein Mensch mit einem klaren Kopf und eigenen, klaren Vorstellungen. Passend dazu: ihre geometrisch-abstrakten Arbeiten. Nicht der Un-Sinn, den die Dadaisten fabrizierten. Im Geiste war sie verwandt mit Sonia Delaunay, einer Wegbereiterin der geometrischen Abstraktion. Ein Foto zeigt die beiden übrigens 1929 am Strand.

Schon in ihrer Kindheit und Jugend finden sich Grundzüge dessen. Sophie „Söpheli“ Taeuber wuchs mit zwei Geschwistern in Davos und Trogen auf. Zu ihrer eher schwärmerisch veranlagten älteren Schwester Erika hat sie zeitlebens ein eher distanziertes Verhältnis. Lieber folgt sie ihrem nur ein wenig älteren Bruder Hans auf seinen Bergtouren und fängt mit ihm Schmetterlinge, die er sammelte. Den Mittelpunkt der Familie bildet nach dem frühen Tod des Vaters die Mutter. Offenbar eine Frau, die ihren Kindern Freiheiten ließ und sie − da selbst Amateurkünstlerin − zum kreativen Arbeiten anhielt. Sophie lernte Kunst und Handwerk miteinander zu verbinden und interessierte sich besonders fürs Weben.

Auf einem Foto um 1903/04 sitzt sie mit dem Rücken zu ihrem Schreibtisch und schaut den Betrachter frontal an. Hinter ihr befindet sich eine Webarbeit mit verschiedenfarbigen Längsstreifen. An ihr befestigt sind Karten und Bilder. Die damals Vierzehnjährige hatte ihnen einen bestimmten Platz zugewiesen. Doch sind die hier versammelten Dinge keineswegs isoliert. Sie stehen in stummen Dialog miteinander: Ein großformatiger Kupferstich steht einem kleineren gegenüber, dazwischen verteilte Karten sind den rechteckigen Bildern in Form eines Halbkreises zugeordnet.

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Den Hintergrund für das Elementare, das auch ihr späteres Werk kennzeichnet, bilden die verschiedenen Reformbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1916 besucht Taeuber Kurse für Ausdruckstanz nach Rudolf von Laban in Ascona. In den beim Tanzen vollführten Bewegungen soll sich seelisches Erleben ausdrücken. Dieses kann analysiert werden. Mehr noch: Durch die Bewegungsanalyse werden theoretisch auch die geäußerten Gefühle mess- und kalkulierbar. Bereits 1911 beschreibt Wassily Kandinsky in seiner kunsttheoretischen Schrift »Über das Geistige in der Kunst« die verschiedenen Wirkungen von Form und Farbe und bildnerische Nutzungsmöglichkeiten im Sinne des "Prinzips der inneren Notwendigkeit": Eine Bewegung wirkt auf das Bewusstsein des sich Bewegenden genauso, wie eine Form auf das Bewusstsein des Betrachters wirkt und Wohlbefinden oder Dissonanz hervorruft.

Ihre Ausbildung ist ein Spiegel dieser Bemühungen: Nach ihrer Studium an der Zeichnungsschule des Industrie- und Gewerbemuseums in St. Gallen, am Lehr- und Versuchsatelier für angewandte und freie Kunst in München-Schwabing und der Kunstgewerbeschule in Hamburg verdiente Sophie ihren Lebensunterhalt als Lehrerin in Zürich. Gemein war allen Ausbildungsstätten mehr oder weniger die Verbindung von Kunst und Handwerk, so, wie es Arts and Crafts bzw. der Deutsche Werkbund anstrebten.

1915 trifft sie erstmals Hans Arp in einer Ausstellung der Zürcher Galerie Tanner. Unter dem Titel »Gestaltungen« stellte dieser zusammen mit dem niederländischen Theosophenpaar Otto van Rees und Adya van Rees-Dutilh Zeichnungen und drei Wandteppiche mit geometrischen Formen aus, die Adya nach seinen Anweisungen gefertigt hatte. Später übernahm diese Aufgabe Sophie und es klingt in diesem Kontext schon ein wenig wie Hohn, wenn Mair – übrigens mehrmals – schreibt »Er [Arp] war das Genie«. Ob dem wirklich so war, ist Ansichtssache. Was stimmt, ist, dass Hans Arp keineswegs ein praktischer Mensch gewesen sein muss. Tatsächlich brachte häufig Sophie zu Ende, was dem stets ungeduldigen und unternehmungslustigen Künstler nicht möglich war. So fertigte sie beispielsweise für die Ausstellung im Kunstsalon Wolfsberg 1916 immerhin acht von elf Textilarbeiten Arps. Auch bei einem Großprojekt wie der Straßburger Aubette hat sie die Hosen an. Taeuber leitet 1926-28 nicht nur die Umgestaltungsarbeiten an dem klassizistischen Militärgebäude, sondern bestimmt auch den Preis für diese Leistung. Das Vergnügungszentrum wird zum ersten Beispiel Konkreter Kunst. Ebenfalls nicht unterschlagen werden darf, dass ihr Lehrergehalt den beiden bis zur Aufgabe dieser Tätigkeit 1929 ein sicheres Auskommen bescherte. Selbst für Arps Extravaganzen war Geld da. Er trug, was zu der Zeit ungewöhnlich war, nur Schuhe ohne Vorderkappe und Hosen ohne Aufschläge. Beides musste eigens von einem Schuster bzw. Schneider für ihn angefertigt werden, was sehr teuer war.

In einem Zitat seiner Geliebten Hilla von Rebay heißt es über ihn: »Seit 1915 mein Freund und Verehrer …, der mich unbedingt heiraten wollte, ein Künstler, aber begrenzt.« Mair umschreibt es so: »Wie ein trauriger Clown sah er [Arp] aus und wie einer, der sich erbärmlich allein fühlte in einer Welt, in der er sich nicht zurechtfand. Er brauchte jemanden, der für ihn verantwortlich war, der für sein Leben Sorge trug. Sophie Taeuber war wohl dieser Mensch.«

Alles in allem würde ich das Buch nicht uneingeschränkt weiterempfehlen. Man merkt zwar den großen Fleiß, den Mair an den Tag gelegt hat, um der geheimnisvollen Unbekannten Sophie Taeuber auf die Spur zu kommen. (Das beweist schon das relativ klein gedruckte sechsseitige Literaturverzeichnis). Dennoch gelingt es ihr wegen der vielen verstreuten Informationen nicht, ein kohärentes Bild der Künstlerin zu zeichnen.