Meldungen zum Kunstgeschehen

Rückblick auf die 9. art Karlsruhe 2012

Am Sonntag ging die neunte art Karlsruhe zu Ende. Mit 222 teilnehmenden Häusern war auf der Galerienschau mehr zu sehen denn je. Günter Baumann hat sich unter die Besucher gemischt und berichtet, ob sich der Besuch gelohnt hat.

Der art Karlsruhe-Preis 2012 ging an die Stuttgarter Galerie Gerrit Friese für ihre One-Artist-Show mit Tatjana Doll, der jungen Karlsruher Professorin (seit 2009), die als Meisterschülerin von Dieter Krieg früh Furore machte mit Piktogramm-Persiflagen und Alltagsszenerien. Aus der jüngeren Zeit stammt der »Girls«-Zyklus, aus dem Beispiele in Karlsruhe gezeigt wurden. Verglichen mit Reto Boller (Müller-Roth), dem ersten Preisträger von 2008, wirkt Doll bei aller gewitzten Spritzigkeit und Zitatfreude fast brav. Das ist kein abwertendes Urteil, doch zeigt es einen Trend, der die diesjährige Kunstmesse in Karlsruhe insgesamt auszeichnet.

Die Superlative hielten auch 2012 an: Mit 48000 Besuchern wurde die Zahl von 2011 um 3000 erhöht, und auch die Verkaufszahlen feierten Rekorde. Die Schlichtenmaiers aus Stuttgart konnten etliche ihrer klassisch-modernen Künstler zu Top-Preisen verkaufen, und auch Rainer Ludorff aus Düsseldorf zeigte sich »sehr zufrieden«. Freilich konnten diese Freude nicht alle Galeristen teilen. Anja Rumig (Stuttgart), die mit Feuereifer und Begeisterung dabei ist, fand, dass »die allgemeine Stimmung unter den Kollegen am Sonntagabend eher etwas gedämpft« war.

Seit Beginn muss sich die art Karlsruhe den Vergleich mit der Messe in Basel gefallen lassen – und unterliegt, wenn auch mit Bravour. Immerhin handelt es sich bei der Konkurrenz um eines der renommiertesten Kunstevents auf dem europäischen Festland. So setzt der Kurator Ewald Karl Schrade von jeher auf den persönlichen Touch. Der Erfolg gibt ihm recht. Der Kulturreferent des Landratsamtes Waldshut Jürgen Glocker, Romancier, Lyriker und ein treuer Besucher der art Karlsruhe, sieht die Messe als »eine Art Familien- oder Freundestreffen«. Er konstatiert zwar für dieses Jahr »weniger Spitzen, dafür aber auch weniger Ausbrüche nach unten« – kein schlechtes Zeichen, hat sich die »art« doch endgültig als solides Kunstereignis etabliert. Obwohl nie die Devise des »Höher-weiter-größer« ausgegeben wurde, zog die badische Messe stetig an ihren Kritikern vorbei und hält, was sie noch nicht einmal versprochen hat, den Unkenrufen von früher zum Trotz. Mit schnapsigen 222 Galerien ist ein weiterer Rekord gebrochen, wobei nicht einfach von Mal zu Mal mehr Teilnehmer hinzugekommen sind – die Galerie Müller-Roth, die bisher in der Troika mit Harthan und Sturm aufgetreten war, war diesmal nicht dabei. Auch die Tübinger Galerie Gottschick, die mit ihren Skulpturenplätzen auffiel, fehlte bei der diesjährigen Messe.

Es mag im internationalen Messe-Ranking ein Manko sein, dass Schrade aus der regionalen Not, gegen Basel anzutreten, eine Tugend macht. Doch das Publikum scheint ihm seine Bodenständigkeit zu danken. Kein Wunder, dass die momentan stark im Trend liegende figurative Malerei Hochstände feiert. Mit nahezu magnetischer Sogwirkung bannen die gegenwärtigen Hyper-, Foto- und magischen Realisten den Blick: Beispielhaft seien genannt Eckart Hahn (Galerie Rothamel) – der schon die letzten Jahre mit seinen bedrohlich-unheimlichen Chiffren herausragte –, Jan Schüler (Galerie Baumgarten) mit seiner ganz eigenständigen Sicht auf eine neue Landschaftsmalerei und Mary Waters (Galerie Sturm), die sich am Porträt des holländischen Goldenen Zeitalters orientiert. Außerdem Daniel Behrendt (Galerie Leuenroth) mit hintergründig-düsteren Architekturbildern sowie der schon ältere Mattheuer-Schüler Erich Kissing (Galerie Schwind) mit halbwegs kitschigen Individualmythologien.

In der Plastik scheinen sich Figuration und Abstraktion die Waage zu halten, wenn auch hier weniger die gewagte Konzeptionskunst als die traditionelle Handarbeit gefragt ist. Marko Schacher, der zusammen mit Amrei Heyne eine offene Messekoje eingerichtet hat, war selbst überrascht, dass die abstrakten, aber doch herkömmlich bearbeiteten Natursteinplastiken von Uli Gsell stark nachgefragt wurden. Allerdings fügen sich diese Arbeiten im offen-geschlossenen Wechselraum kontrastiv gut zu den figurativen Positionen, etwa den kafkaesk im Raum agierenden Pappmaché-Arbeiten von Michael Kalmbach.

Selten rührt einen zwar der Hauch zukunftsweisender Kunst – die durchaus in dieser Flut an Eindrücken untergehen oder im Stillen sich bewegen mag –, doch begegnet man auf dieser Messe fulminanten Arbeiten, die den Besuch zum Genuss machen: Die raumgreifenden leuchtroten Hochstandskulpturen von Arne Quinze oder die frechen Plastiken Daniel Wagenblasts. Seitens der Malerei die gegen den Trend der Realisten revoltierenden Bilder von Mike MacKeldey und die schwarzen Antilandschaften von Helge Hommes. Daneben die schon seit Jahren sich entfaltenden abstrakten Formerkundungen Sam Grigorians, die vergleichbar sind mit den hochsensiblen Arbeiten des chinesischen Meisters Liang Quan u. a. m.

Poetisches ist zuhauf zu finden, wie etwa die skulptural bearbeiteten Naturstücke von Norbert Klaus, die farbraumbildenden Kreisformen von Robert Schaberl oder die hintergründig collagierten Malereien von Georg Brandner. Auch denkbar Kurioses wie ein Bildnis des symbolistischen Dichters Stefan George, gemalt von Klaus Ritterbusch, und glücklicherweise gibt es immer wieder auch Schrullig-Amüsantes, dabei technisch Brillantes wie die Gemälde von Fréderique Bertrand. Die art Karlsruhe bestätigt auf weite Strecken ihren ehrlich erworbenen Ruf – ohne bahnbrechende Höhenflüge, aber mit faszinierenden Glanzstücken.