Ausstellungsbesprechungen

Rune Mields – Infinity, Galerie der Stadt Sindelfingen, bis 31.10. 2010

Die Kölner Künstlerin befasst sich mit Systemen, die der Realität entnommen wurden. Ihre Erkenntnisse formuliert sie in bildnerischen Lösungen mit Zahlen, Zeichen und auch Figuren. Rune Mields gibt mit ihrem großformatigen Werken, darunter meist Bildzyklen, fundamentalen Systemen im kulturellen Gedächtnis der Menschheit ein Gesicht. Günter Baumann hat sich die spannende Ausstellung angesehen.

Drei Jahrzehnte lang beschäftigt sich Rune Mields bereits in ihren Arbeiten mit der Unendlichkeit, die nun in den – in menschlichen Dimensionen gemessen – notgedrungen begrenzten Räumen der Galerie der Stadt Sindelfingen Einzug gehalten hat. »Infinity« ist ein Kooperationsprojekt mit dem Mercedes-Benz-Werk vor Ort, das diese Schau von nationaler Bedeutung ermöglicht hat: Die 1935 geborene Westfälin Rune Mields, die in Köln lebt und arbeitet, ist zwischen München und Hamburg gut situiert, auch wenn sie längst ebenbürtig neben ihren Alterskollegen wie etwa A. R. Penck stehen sollte (den sie vom philosophischen Gehalt ihrer Arbeiten sogar überflügelt). Der Titel ist nicht zu weit gefasst, holt die Künstlerin doch Erkenntnisse (meta)physischer und physikalischer Denkmodelle zwischen Himmel und Erde von Platon über Novalis bis hin zu Max Planck genauso ins Haus wie religiöse und kulturelle Mythen von Hawaii bis Grönland sowie weltweit gesammelte Eindrücke von Höhlenzeichnungen, die sie in Serien verarbeitet.

Dass Mields bei all dem auf dem Boden bleibt, beweist ihr Interesse für die Realität. Sie befasse sich , so die Künstlerin bereits 1978, »mit Systemen …, rationalen, alten und neuen bereits vorhandenen Systemen, das heißt, die Systeme werden nicht entwickelt, sondern der Realität entnommen«, und sie leitet hieraus fast schon einen aufklärerischen Auftrag ab: »Ich arbeite mit und über Systeme, die existieren, oft aber noch nicht auf ihren visuellen Charakter hin untersucht worden sind. Manche dieser Systeme werden heute nicht mehr unbedingt als rational, sondern eher als magisch oder mythisch empfunden, aber auch sie haben ihren Ursprung in der Ratio des Menschen und seinem Wunsch zu erkennen«. Deutlich wird dies in Titeln wie »Steinzeitgeometrie«, die auf den ersten Blick nichts gemein haben, bei näherer Betrachtung bzw. aus der nachvollziehbaren Sicht der Künstlerin aber erkennen lassen, dass Fantasie und Geometrie dicht beieinander liegen. Rune Mields geht auf den Grund dieser Erkenntnis und entledigt sich aller ablenkenden Störfaktoren: Weder ist in ihrem Werk eine instrumentelle Handschrift zu erkennen, noch benötigt sie Farbe, wo sie doch alles schwarz-weiß vor Augen hat. Mit traumwandlerischer Perfektion nimmt sie den frühromantischen Dichter Novalis wörtlich, nein, bildlich wahr, wenn sie Sätze von aphoristischer Kürze und Würze (»Jede Linie ist eine Weltaxe (sic.)«, »Reine Mathematik ist Religion« usw.) mit schwarzen, minimal oder auch schwungvoll gekrümmten Acryl-Linien konfrontiert. In den rund 60 Arbeiten aus den letzten Jahren vermittelt die Künstlerin Schönheit und Tiefe, Kategorien, die in einer Reinheit in Erscheinung treten, wie es selten geworden ist, ohne jegliche Gefühligkeit und fern von jeglichem Kitschverdacht, aber von der gewitzt-absurden Entwicklungstheorie getragen: »Der unendliche Raum – dehnt sich aus.« So ist zu hoffen, dass auch das unerschöpfliche Werk von Rune Mields nicht enden möge.