Ausstellungsbesprechungen

Rune Mields - Mythen, Galerie Angelika Harthan, bis 9. Juni 2012

In ihren aktuellen Arbeiten versucht Rune Mields die Komplexität und Strukturverwandschaft der verschiedensten Kultursysteme fassbar zu machen. Dafür zog sie verschiedene Mythen heran. Günter Baumann hat sich das Ergebnis angeschaut.

Rune Mields findet ganz neue, mal beklemmende, mal befreiende Bilder für uralte Mythen. Allein mit einer solchen lakonisch-zurückhaltenden Offenheit kann man der schnörkellosen Grandezza ihrer Arbeiten gerecht werden. Die 1935 geborene Künstlerin kommt nahezu ohne Farben aus, entwirft zeichenhafte Szenarien. Doch die Einfachheit trügt: Ihre großen, an die zwei Meter reichenden Formate, von denen geheimnisvollerweise kleinere, aber durchaus selbständige Tusche-Versionen existieren, haben eine Präsenz, die raumfüllend wirkt.

Ein Dutzend Bilder von Rune Mields hängen zur Zeit in der Galerie Harthan in Stuttgart, die einige Serientitel aus dem Jahr 2011 umfassen – mehr wäre weniger gewesen, denn diese Werke brauchen einen beachtlichen Umraum, um ihre Geltung richtig entfalten zu können. Nehmen wir ihre »Kassandra«: Da kauert eine schemenhafte Frau im Dickicht unbestimmt sich kreuzender Stäbe, eine Krähe sitzt auf ihrer Schulter, erstaunlich teilnahmslos gegenüber dem rund 25-köpfigen Vogelschwarm, der über der Protagonistin herumschwirrt, scheinbar orientierungslos. Die Vögel, von jeher Metaphern für Botengänge, müssen aufgescheucht worden sein und füllen den Himmel, um ihrer Aufgabe nachzukommen und ein nahes Unheil zu verkünden. Der Betrachter sieht sofort, dass sie es nicht schaffen werden. Zwar in voller Aktion, machen sie doch den Eindruck, als wären sie auf eine Glasscheibe aufgeklebt oder durch einen Verhinderungszauber in ihren Posen erstarrt.

Die Frau, Kassandra, ist bekanntlich verflucht, die Zeichen der Zukunft zu erkennen und dennoch nicht gehört zu werden. Rune Mields stellt sich als Gefangene ihrer eigenen Gedanken dar. Der Reiz des Bildes entsteht durch die Dramatik der als Subtext bekannten mythischen Erzählung und die gleichzeitige Handlungsverweigerung. Wenn Christa Wolf dem fabulösen Stoff in der Literatur eine zeitgemäße Deutung geben hat, so kann sich Rune Mields zugute halten, eine gültige (post)moderne Form der kassandrischen Tragödie für den Bereich der Kunst entworfen zu haben.

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Die Autodidaktin Rune Mields arbeitete als Dienstmädchen und als Buchhändlerin, zog vier Kinder groß, bevor sie 1970 mit ihrer Karriere als freischaffende Künstlerin startete. Wie schnell sie sich auf der Kunstbühne etablierte, erkennt man an der Gastprofessur, die ihr 1984 angetragen wurde, sowie an zahlreichen Preisen, die sie seither erhalten hat, darunter den Gabriele-Münter-Preis. Darüber hinaus war sie 1989 Ehrengast der Villa Massimo in Rom. Ihr Werk veränderte sich in diesen Jahren vor allem inhaltlich: anfangs entstanden technische Objekte, fast hyperreale Rohrsysteme, die aus der zu erwartenden Umgebung gelöst waren und dadurch ins Surreale hineinreichten.

Im Laufe der 1970er Jahre nahm die Abstraktion zu und Zeichenhaftes trat unter dem Einfluss der ziffernsequenziellen Mathematik sowie einer hieroglyphenähnlichen Ornamentik in den Vordergrund. Unter der Bezeichnung der »formalisierten Mythologie« befasste sich Rune Mields immer mehr mit den archaischen Kultursystemen, die sie in teils realen, teils strukturellen Zusammenhängen für unsere Zeit aufarbeitet. So komplex ihre Deutung auch heute ist, so eingängig sind die Szenen dargestellt. Die »Genesis«-Serie, die im Mittelpunkt der Stuttgarter Ausstellung steht, geht verschiedenen Schöpfungsmythen nach, seien sie nun ägyptischen, indischen oder sibirischen Ursprungs. Manchen Arbeiten gibt die Künstlerin aufschlussreiche Kommentare bei, etwa dem »Tauchervogel«: »Der Schöpfergott der Samojeden holt als Tauchervogel aus dem primordialen (d.h. uranfänglichen) Meer mit dem Schnabel Schlamm vom Grund herauf, aus dem er die Erde in Form einer flachen Scheibe bildet. So hat die Schöpfung durch Verbindung von Energie und Materie begonnen.«

Dass die Vögel auch anderen Kontexten zugeordnet werden, zeigt Mields' »Haiku für Basho«, das die japanische Kranich-Chiffre mit einem Haiku verbindet, dem bedeutendsten Haiku-Dichter gewidmet. Bei der Darstellung des menschlichen Urpaares (»Die Erschaffung des Urpaares«) deutet die Künstlerin Mann und Frau nur in Umrissen an, die sich in den zarten Grautönen, die das gesamte Werk kennzeichnen, fast unmerklich in die Welt begeben. Bei näherer Betrachtung entsteht im Unterleibsbereich der Figuren ein fragiles Bild-im-Bild-System, das einem Haus Blattformen einschreibt, denen ein tanzendes Paar entwächst. So wird bei dem melancholischen Grundton, den Rune Mields aussendet, auch Raum geschaffen für hoffnungsfrohe Seinsanfänge – sie sind allerdings keineswegs so naiv angelegt, wie es angesichts der einfachen Mittel scheint, sondern basieren auf der Kenntnis der vorsokratischen, platonischen und pythagoreischen Philosophie.