Buchrezensionen

Ruth Negendanck, Claus Pese: Zauberinsel Capri. Auf den Spuren deutschsprachiger Künstler, Wienand Verlag 2018

Italien war nicht nur in den 1950ern der Deutschen liebsten Urlaubsziel. Schon im 16. Jahrhundert ist es das Sehnsuchtsland deutscher Künstler gewesen, allen voran die Insel Capri. Wie sie die Zauberinsel sahen, hat Walter Kayser gelesen.

Es gibt ein Gemälde in der Neuen Pinakothek in München, welches, was das traditionsreiche Verhältnis der Deutschen zu Italien angeht, Bände spricht: Der »Deutsch-Römer« und nazarenische Künstler-Mönch Friedrich Overbeck hat es in mehreren Fassungen in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts gemalt. Es bekam den Namen »Italia und Germania«. Es ist die idealtypische Darstellung einer innigen Freundschaft, - ein allegorisches Schlüsselbild, das zwei hübsche junge Frauen auf einer Terrassenbank vor einer Landschaft sitzend, zeigt. Interessant ist zunächst die klischeehafte Kontrastierung von Nord und Süd. Denn die linke Figur, »Italia« vorstellend, hat dunkles Haar, ist in eher sattfarbene, dunklere Gewänder gekleidet und trägt einen Lorbeerkranz vor einer romanischen Gebirgslandschaft, während die rechte (natürlich) offeneres rot-blondes Lockenhaar besitzt und vor einem gotischen Spitzturm erscheint. Noch vielsagender ist aber die körpersprachliche Inszenierung dieser innigen Verschmelzung zweier polaren Seelen: Italien erscheint demütig, mit niedergeschlagenen Augen und in sich ruhend, während die aktive, fast stürmisch-werbende Rolle der rechten, blasseren »Germania« zukommt, die sich ganz der umschwärmten Freundin zugewandt und mit beiden Händen ihre Hand ergriffen hat, die sie fest umschlossen hält.

Exakt so war lange Zeit das Verhältnis der deutschen Künstler zum sonnigen Sehnsuchtsland Italien, zumindest vom 16. bis ins 20. Jahrhundert. Leider war diese aber fast durchgängig seitens der reicheren Nachbarn aus dem kühlen Norden fast immer von einer kulturimperialistischen Hochnäsigkeit grundiert.
Dieser Tenor bestätigt sich auch bei der Lektüre des hier zu besprechenden Buches. Es widmet sich ausschließlich den deutschsprachigen Künstlern und ihrem Verhältnis zu der »Zauberinsel Capri«. (Engländer und Franzosen würden diese Grundtendenz sicherlich bestätigen – man denke nur an den britischen Diplomaten William Douglas Hamilton, an den Selbstzerfleischer Francis Bacon oder auch an Debussys wunderbares Prelude Nr. 5 aus dem 1. Heft mit dem Titel »Les collines d'Anacapri«). An die 80 Maler und Schriftsteller und solche, die sich dafür hielten, also etliche Möchte-gern-Künstler, Exzentriker und Käuze werden von 1770 bis zur Gegenwart als Kronzeugen in Selbstzeugnissen und Zitaten vorgestellt. Das ist eine illustre Parade des Who is Who; andererseits hat man beim Lesen vieler Namen manches Mal den Eindruck, dass sie nicht ganz zu Unrecht verblasst sind und lediglich der Vollständigkeit halber hier nicht fehlen sollten, weil es doch kaum Wissenswertes zu erinnern gibt.
Insgesamt ist das Buch aber wunderbar gemacht, nicht nur weil es zu den Aufzeichnungen auch eine Fülle von Bildern enthält. Schon das den Buchdeckel vorn und hinten einbindende Vorsatzblatt ist nicht von ungefähr mit jenem verführerischen Gelb beklebt worden, für das »das Land, wo die Zitronen blühen«, gerühmt wurde.

Dennoch, es wäre falsch, Capri als bemerkenswerten Sonderfall anzusehen. Vielmehr stellt es eine exemplarische Zuspitzung dar und kann nur als pars pro toto gelten. Denn die Insel im Golf von Neapel verkörpert alles das auf klischeehafte Weise, was sich die Reisenden aus dem nebligen Norden als Bild vom »dolce vita« zurechtgezimmert hatten. Capri ist nur ein Bestandteil der gesegneten Großregion Campaniens, eine Perle in der Kette von Haltepunkten also, wo noch heute Italien am italienischten ist: In unmittelbarer Nachbarschaft zum Vesuv und dem Golf von Neapel sind da Sorrent, die griechischen Tempel von Paestum, die einzigartigen Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum, die Sibylle von Cumä und die phlegräischen Felder, die wilde Amalfitana mit Ravello, wo Richard Wagner zu »Klingsors Zaubergarten« inspiriert wurde und vieles mehr.
Wenn sich die blaue Blume der Romantiker realiter schon nicht finden lässt, dann ist doch wenigstens die »grotta azzura« ein touristisches Muss für alle geworden, die sich nur zu bereitwillig verzaubern lassen wollten.
Goethe, der zweifellos die zentrale Orientierungsfigur in der langen Liebesge-schichte der deutschen Italiensehnsüchtigen ist, war selbst nie auf Capri, wäre aber dort beinahe, aus Sizilien kommend, mit Schiffbruch unter die Strandräuber gefallen. Dennoch legte er, wie bereits angedeutet, seiner Mignon alles das in den Mund, was dann die Phantasmagorie von Italiens Traum ausmacht — ein synästhetischer Rausch aus Düften, lauen Lüften und intensivsten Farbräuschen: das blaue Meer, die gelbe Zitrone und die »glühende Goldorange« im »dunklen Laub«. Seit den Tagen der »Villa Jovis« des Tiberius beeindruckt die Insel durch das, was ehedem Einsamkeit und Enthobenheit verhieß: schroffe, steile Felsen, enge Gassen, die kleine Piazza als erweitertes Wohnzimmer und (vor allem) Bühne der Selbstdarstellung und um jede Ecke »malerische Motive« für die vielen, die immer noch meinen, allein das »malerische Motiv« mache schon ein gutes Bild aus.
Kein Wunder, dass schon Goethes überaus erfolgreicher Zeitgenosse Jean Paul, der auch nie selbst vor Ort war, in seinem »Titan« eine Beschreibung hinlegt, die an mythisch-erotischer Verführungs- und Bildkraft kaum zu überbieten ist: »Mit zwei Armen umfasste die Erde das schöne Meer, auf ihrem rechten […] trug sie glühende Weinberge weit in die Wellen und auf dem linken hielt sie Städte und umspannte seine Wogen und seine Schiffe und zog sie an ihre Brust heran. Wie eine Sphinx lag dunkel das zackige Kapri [sic!] am Horizont im Wasser und bewachte die Pforte des Golfs […]«. - Das ist poetische Sirenenmusik, der mancher zum Opfer fiel: zunächst Generationen von Bildungsreisenden, dann reiche Aussteiger und »anders Orientierte«, Filmstars und Jet-Set-Promis, schließlich die Horden von Kreuzschiffrentnern, die nicht immer so genau wissen, an welches Gestade sie gerade gespült wurden.
Hier residierte der Salonsozialist Maxim Gorki, mit Geld um sich streuend, hier dichtete Rilke, wie immer abgebrannt und bereitwillig Mäzenatenzuwendungen in Anspruch nehmend: »Uraltes Wehn vom Meer,/ Meerwind bei Nacht,/ du kommst zu keinem her,/ wenn einer wacht,/ so muss er sehn, wie er/ dich übersteht: /uraltes Wehn vom Meer«.
Der geschmacklich nicht immer stilsichere Gerhart Hauptmann verfasste 1923 eine Versdichtung, die das Paradies auf Erden in klassizistischen Stanzen einfangen wollte. Die Reise der darin beschworenen Schauplätze beginnt im südtiroler Dolomitenkranz des »Rosengartens« und findet am Schluss ihre Erfüllung auf der Insel im Golf von Neapel. Spätestens 1956 war das Klischee perfekt. Friedrich Dürrenmatt, der Schweizer Spezialist fürs Groteske, lässt seine zu sagenhaftem Reichtum gewordene Hure Claire Zachanassian in dem Theaterstück »Besuch der alten Dame« zu ihrer ehemaligen Jugendliebe Ill sagen:
»Ich werde dich in einem Sarg nach Capri bringen. Ließ ein Mausoleum errichten im Park meines Palazzos. Von Zypressen umgeben. Mit Blick aufs Mittelmeer.«
Ill: »Kenne ich nur von Abbildungen.«
Claire: »Tiefblau. Ein grandioses Panorama. Dort wirst du bleiben. Ein Toter bei einem Götzenbild aus Stein.«
Claires großzügiges Versprechen ist, wie ihr ganzes Erscheinen in der Kleinstadt Güllen, durchaus als Drohung und bittere Abrechnung gemeint. Denn der Massentourismus der Gegenwart mit seinen Tagesgästen aus aller Herren Länder, welche die steilen Treppen hochkeuchen und sich durch die engen Gässchen schieben, hat von dem einstigen Zauber kaum noch etwas anderes übrig gelassen als ein »Götzenbild aus Stein«.
Insofern ist das Buch auch ein Abgesang.