Buchrezensionen, Rezensionen

Sabine Fastert: Spontaneität und Reflexion. Konzepte vom Künstler in der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis 1960. Deutscher Kunstverlag 2010

Mit diesem Buch legt die Kunsthistorikerin Sabine Fastert ihre Habilitationsschrift einem breiteren Publikum vor, dem sie allerdings einige Rezeptionszähigkeit abverlangt. Der Textumfang ist erheblich (eine Hörbuchversion würde eine Lesung von schätzungsweise 22 Stunden ergeben); und bei »Spontaneität und Reflexion« handelt es sich beileibe nicht um eine Schrift, die komplizierte Sachverhalte bündig auf den Punkt zu bringen entschlossen ist. Franz Siepe hat die komplexen Gedankenpfade erforscht.

Kurz gesagt, geht es um Innen- und Außenansichten des Künstlers bzw. der künstlerischen Produktion in der frühen Bundesrepublik; jener Phase also, in der sich auf dem Feld der Kunst die Moderne in Gestalt der nichtfigurativen Malerei ausbreitete. Bei ihrer Ausleuchtung von Selbst- und Fremdauslegungen greift die Autorin auf eine überwältigende Fülle – vielfach noch unpublizierten – Materials zurück und stellt die hiesigen Debatten immer wieder in den Kontext internationaler, insbesondere US-amerikanischer und französischer Positionen.

Nach der »Stunde Null« standen Kunstproduzenten wie Kunsttheoretiker vor der Kontinuitäts- und Legitimationsfrage im Hinblick auf avantgardistische Kunst, deren Entwicklungsgang durch die Verheerungen des Nationalsozialismus gehemmt, in den Untergrund verbannt oder gänzlich abgebrochen schien. Unmittelbar nach 1945 war eine, so Fastert, »selektive Rezeption der Avantgarden« zu beobachten, die eine »metaphysisch begründete Kunst« à la Kandinsky und Klee favorisierte und auf diese Weise den Modernisierungsprozess homogenisierte. Wesentlich ging es um »Wiedergutmachung«, d. h. um die Rehabilitation der zuvor als »entartet« diffamierten Kunst.

Plausibel, zumindest aber darstellungspragmatisch effizient ist es, wenn die Autorin die »Differenzkategorie ›Generation‹« in Anspruch nimmt, um unterschiedliche Künstleridentitäten (Künstlerinnen kommen nicht vor) zwischen 1945 und 1960 zu spezifizieren. Sie unterscheidet folgendermaßen, wobei sie »Generation« nicht primär als rein chronologische, sondern eher als erfahrungs- und erlebnisgebundene Gegebenheit bestimmt:

Erstens die »Altmeister«. Hier stellt Fastert Künstler vor, die schon in den 1920ern, z. T. lehrend, erfolgreich waren und in der »inneren Emigration« überwintert hatten. So die abstrakt arbeitenden Willi Baumeister und Theodor Werner nebst den gegenständlich malenden Karl Hofer und Rudolf Schlichter. Zweitens die mittlere Generation mit Fritz Winter, Ernst Wilhelm Nay, Werner Heldt und Georg Meistermann. Und drittens die junge Generation, der die Autorin Heinz Trökes, Karl Otto Götz, Bernard Schultze und Hann Trier zurechnet und deren Künstlerverständnis sie nachzeichnet.

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Baumeisters großes programmatisches Werk, verfasst 1943/44 und auf den Markt gebracht 1947, trug den Titel »Das Unbekannte in der Kunst«, und sosehr sich die Maler jener Jahre nicht nur gegen althergebracht Bekanntes, sondern auch gegeneinander abgrenzten – auf der Suche nach neuer Orientierung angesichts des Verlustes der alten »Mitte« waren alle, wie es exemplarisch das erste Darmstädter Gespräch von 1950 unter dem Tagungstitel »Das Menschenbild in unserer Zeit« eindrucksvoll dokumentierte.

Indes artikulierte sich auch zunehmend Unbehagen am wuchernden – der Kunstproduktion sei es vorhergehenden, sei es hinterherlaufenden – Theoretisieren: »Ich denke nur mit dem Pinsel in der Hand«, meinte Hann Trier 1955 und pointierte so die Überlegenheit des vital-spontanen künstlerischen Hervorbringens über die Blässe kunsttheoretischer Reflexion.

Mit der Vorstellung der »jungen Generation« der deutschen avantgardistischen Maler endet des Buches erster Teil, dem 32 bedachtsam ausgewählte und bestens reproduzierte Farbtafeln nachgestellt sind. Im zweiten Teil wird der Leser erneut in einen Strudel von Informationen, Überlegungen, Abwägungen, Parallelisierungen und Kontrastierungen hineingezogen. Die Autorin erweist sich dabei als Meisterin des vom niederrheinischen Romancier Albert Vigoleis Thelen so bezeichneten und perfektionierten Kaktusstils: »Es bilden sich Ableger, ins Wilde hinein, wie beim Kaktus, der gerade Augen setzt, wo man sie nicht erwartet.« Mit anderen Worten und schlichter gesagt: Fastert kommt gern vom Hölzchen aufs Stöckchen. Und sie jongliert so virtuos mit Namen – bekannten, weniger bekannten, mehrfach genannten und noch ungenannten –, dass einem am Ende schwindlig im Kopf ist.

Einen unvorbereiteten, instruktionsbedürftigen Leser hat die Autorin beim Niederschreiben gewiss nicht im Visier gehabt; eher machte ihr wohl ein streng kontrollierendes Über-Ich zu schaffen, das durch möglichst vollständige Darlegung alles Recherchierten, Gesammelten und Gewussten zu beeindrucken sei. Strukturierungswille und die schriftstellerische Kraft, Erstrangiges von Zweitrangigem, Zentrales von Peripherem zu scheiden, um die Argumentation dementsprechend zu hierarchisieren, sind kaum vorhanden.

Mit »Künstler, Kunstkritik und Gesellschaft: Sozialrechtliche und ideologische Diskurse« ist der zweite Hauptteil des Buches übertitelt, nachdem schon ein Abschnitt des ersten Teils die Überschrift »Der Blick von Außen: Wissenschaftliche Diskurse« getragen hat. Bereits dort wurden der »philosophische Diskurs«, der »biopsychologische Diskurs«, der »soziologische Diskurs« und der »tiefenpsychologische Diskurs« referiert. Und die dort angesprochenen Schlüsselbegriffe wie »Genie«, »Unbewusstes« oder »Romantik« werden nun noch einmal verhandelt, indem eine ungeheuere Menge von intertextuellen und interpersonellen Verweisungen ein Gewebe entstehen lässt, das manchen an ein Bild des Abstrakten Expressionismus denken lassen könnte.

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Ein »Ausblick« befasst sich gegen Ende mit den Künstlergruppen ZERO und SPUR, die um 1960 Aufmerksamkeit erregten. Ebenfalls hier lässt die Autorin ihrem Vermögen zu spontaner Gedankenkombinatorik freien Lauf und mag sich nicht vom Zwang sachlogischer Pedanterie einengen lassen, wenn sie etwa den SPUR-Anarchismus als von Jaspers, Adorno, Huizinga, Schiller und Marx inspiriert erkennt.

Um zum Abschluss zu kommen: Zu danken ist der Autorin für das Personenregister, das den Gebrauchswert der Studie maßgeblich steigert. Und dankenswerterweise fasst Fastert ihre Gedanken am Ende noch einmal in einer »Schlussbemerkung« mit Fazit-Charakter zusammen. Demzufolge »war das Verhältnis von unbewusster Spontaneität und bewusster Reflexion nicht nur ständiger Streitpunkt in der Kunstkritik, auch die Künstler selbst beschäftigten sich immer wieder mit dieser zentralen Frage und kamen zu durchaus unterschiedlichen, zuweilen konträren Ergebnissen. Gerade die Bedeutung der Spontaneität im Schaffensprozess wuchs in den Fünfzigerjahren beträchtlich, doch was für die einen das bewusste Einbinden des Zufalls war, also inszenierte Spontaneität, galt den anderen als Sieg der reinen Willkür.«

Mein Eindruck: Eine systematisierende Straffung mit dem Ziel darstellerischer Stringenz hätte den gewaltigen Reichtum an Funden und Erkenntnissen erheblich präsentabler machen können.