Kataloge, Rezensionen

Sabine Haag/Ronald de Leeuw/Christoph Becker (Hg.): Wintermärchen. Der Winter in der Kunst von Bruegel bis Beuys, DuMont 2011

Winterliche Lanschaften finden sich in Bildern aller Epochen und Strömungen. Der "kalte Geselle" bot zahlreichen bedeutenden Künstlern eine reiche Quelle der Inspiration. Eine Zusammenschau dieser Meisterwerke ist nun in Wien zu sehen und Walter Kayser hat den Katalog zur Ausstellung kritisch gelesen.

Es gibt einige wenige, absolut einzigartige Bilder, deretwegen es sich allein schon lohnt, ein Land und eine Stadt immer wieder zu besuchen. Pieter Bruegels »Heimkehr der Jäger« im Kunsthistorischen Museum in Wien ist so eines. Es verkörpert einen Zug des Klassischen, der ans Wunderbare grenzt: die Fähigkeit, sich aus der Verankerung in seiner Entstehungszeit zu lösen, Jahrhunderte wie alte Gewänder abzustreifen und in eine Sphäre der Zeitlosigkeit und Gegenwärtigkeit des Betrachters durchzustoßen. Kaum ein anderes Bild verkörpert so lebendig, was Winter ist bzw. vor der Zeit abschmelzender Gletscher und globaler Erwärmung einst war: dieses Nachhause-Kommen vom kindlichen Spielen in der Dämmerstunde, dieser Gegensatz von frostiger Unwirtlichkeit, bitterer Kälte in Eis und Schnee draußen und der ersehnten Wärme eine Innenraums.

So muss es auch der längst verstorbene russische Filmregisseur Andrej Tarkowsky empfunden haben, in dessen Film »Solaris« (1972) in einer großartigen Szene die Betrachtung des Bruegel-Gemäldes jeden Rahmen sprengt und die Protagonisten in einen Schwebezustand enthebt.

Natürlich, auch dieses Gemälde ist selbstverständlich ein Kind seiner Zeit: Zunächst einmal stand es ja nicht für sich, sondern war, kaum anders denkbar in der damaligen Zeit, integriert in einen Jahreszeitenzyklus. Damit leugnet es nicht die Herkunft der noch in den Anfängen steckenden Landschaftsmalerei aus den Stundenbüchern und Illustrationen des bäuerlichen Lebens. Bruegels Bild ist als Überblicks- oder Weltenlandschaft komponiert und natürlich, allen Regeln der Tradition folgend, im Atelier des Meisters entstanden. Ein hochgezogener Horizont und die sorgsam gestaffelte Abfolge von Gründen, die raffinierte Blickführung in diagonalen Brechungen bieten Bühnenraum genug, um tausend Einzelszenen Platz zu geben. Der einzelne Mensch verliert sich. Ein Kosmos soll sich dem Betrachter auftun. Immer wieder entdeckt man neue Szenen, sich in ihrer Geschäftigkeit aufreibende Menschen, eindrückliche Gesten: die müde vor sich hinstapfenden, von Erschöpfung nach vorn geneigten Körper der Jäger, die hängenden Ohren der Hundemeute und natürlich vor allem jene Krähen hoch oben im kahlen Geäst.

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Da das Bruegel-Gemälde »Jäger im Schnee« Wien nicht verlassen darf, müssen wohl oder übel andere Winterbilder zu ihm hinkommen. Und so gruppieren sie sich um dieses geheime Zentrum wie der Hofstaat um eine Königin.

Weniger die Stille und Ruhe der Natur, das Bittere und an den Tod Gemahnende der vierten Jahreszeit ist freilich das Thema jener Spezialistengarde des 17. Jahrhunderts, zu der Lucas van Valckenborch, Hendrick Avercamp, Jan van Goyen oder Adriaen van de Venne. Im Gegenteil, den Menschen, die in der kalten Jahreszeit von mancher Arbeit in der Natur entbunden waren, hatten es die Freuden des Kufenlaufens und Stockschießens, die ausgelassenen Vergnügungen in der Zeit der Muße und langen Abende angetan. Sie sind zu einem wesentlichen Teil der holländischen Identität geworden. Dies dokumentieren ausgelassene Wimmelbilder, nicht selten vor wieder erkennbaren Veduten holländischer Städte inszeniert.

Im Vorwort zum Katalog rechtfertigen sich die Kuratoren dafür, dass bestimmte Themenbereiche wie die Schneefelder der Alpenmalerei oder die skandinavische, amerikanische und russische Malerei unberücksichtigt blieben; dies mutet zwar willkürlich an, wie auch beispielsweise der Winter innerhalb der reichen Tradition des Weihnachtsbildes ein eigenes Kapitel verdient gehabt hätte; angesichts des Reichtums der hier aufgebotenen Kunst ist gleichwohl jede Einschränkung verständlich. Die Schau wäre zu ausufernd geworden.

Dem poetisch wirkungsvollen Lockruf »Wintermärchen« wurde der Untertitel »Von Bruegel bis Joseph Beuys« beigefügt. Das ist in erster Linie eine eingängige, ja reißerische Alliteration und im Grunde eine Verfälschung. Denn tatsächlich stehen die Jahrhunderte des bürgerlichen Zeitalters von der frühen Neuzeit bis an die Schwelle des 1. Weltkriegs im Zentrum. Das ist jener Zeitraum, den Klimatologen den Beginn einer „kleinen Eiszeit“ nennen und der in unseren Tagen abrupt und katastrophal abbricht. Insofern ist nicht einzusehen, dass mit einem Gemälde Edvard Munchs, mit Beuys`Notfallschlitten (1969) oder einer monumentalen Hochgebirgslandschaft Anselm Kiefers aus diesem Jahr doch noch punktuelle Ausblicke in die Gegenwart gebracht werden sollten.

Der Aufbau des Katalogs folgt einem bewährten Muster: Fünf Beiträge bereiten zunächst das Feld in allgemeinen Querschnitten, bevor in aufsteigende Nummernfolge kurze monografische Katalogkapitel ins Detail gehen. Ronald de Leeuws Beitrag mit dem aus dem »Rosenkavalier« entlehnten Titel »Such dir den Schnee vom vergangenen Jahr« ist sicherlich der aufschlussreichste.

Bei den Schwerpunkten wirken einige Kapitel eher überbewertet, etliche der Katalogbeiträge sind an Informationsgehalt aber leider doch etwas zu dürftig. Den Kriegszügen Napoleons wird auffällig viel Beachtung geschenkt. Nun ist es zweifellos so, dass der desaströse Rückzug der Grande Armée nach der Niederlage bei Smolensk am 7. November 1812, nach der Vernichtung der Winterquartiere und Vorräte beim Brand Moskaus zu eindrücklichen und grausigen Bildern führte (Antoine Gros). Der russische Winter hat sich als Trauma in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation eingebrannt. Tatsächlich schneite es drei Wochen lang ununterbrochen durch; dass aber in erster Linie organisatorische Fehlplanung, unlösbarer Nachschubprobleme und zu allererst Napoleons Halsstarrigkeit zu der unsäglichen Tragödie führten und der Winter eher als Propagandalüge herhalten musste, hat die historische Forschung erst in den letzten Jahren erneut bestätigt.

Absolut plausibel erscheint es demgegenüber, wenn die Ausstellungsmacher nicht nur auf Malerei setzen. Um die Bildtraditionen in den Blick zu bekommen war es zwingend notwendig, andere Kunstgattungen mit einzubeziehen. Deshalb sind 58 der mehr als 200 Ausstellungsobjekte in Wien, und immerhin auch 24 der für die anschließende Züricher Schau vorgesehenen Objekte kunsthandwerklicher Art: Tapisserien, Prunkschlitten, Porzellanfiguren.

Erst in dem Maße, wie sich der Mensch aus den Zwängen von Natur und Jahreszeiten befreite, war er imstande, Natur als Landschaft zu sehen, sie mit Allegorisierungen und Ästhetisierung zu goutieren. Was auf diesem Weg dem Winter an Bedeutungen zugesprochen wurde, ist heute nicht mehr geläufig. Die kalte Jahreszeit erscheint im Zusammenhang mit Sternbildern und typischen bäuerlichen Tätigkeiten, wie dem Schweine-Schlachten, oder in Gestalt der Vesta, der Hüterin des Herdfeuers, oder des zweigesichtigen Gott Janus. Die skulpturale Personifikation des zitternden, bärtigen alten Mannes, der sich vergeblich in einen pelzverbrämten Mantel zu hüllen versucht, war in den Gärten des Barock Sinnbild für die Not des Alters und für Einsamkeit überhaupt. Dieser Bedeutungshintergrund klingt in der Romantik noch symbolisch nach, exemplarisch hier in Caspar David Friedrichs Klosterruinen und Eichbäumen im Schnee zu sehen.

Für Impressionisten wie Claude Monet, Alfred Sisley oder Camille Pissarro war der weiße Schnee das, was die unbunte Farbe Schwarz für Frans Hals oder Anton van Dyck war: die Herausforderung, einer Nichtfarbe tausend Töne abzugewinnen. Ein Kleinod unter den Winterbildern ist deshalb ausgerechnet dem Maler des Sommers, der flirrenden Küsten, Heuhaufen und Mohnfelder gelungen. Monets »Die Elster« von 1869 aus dem Pariser Musée d’Orsay ziert nicht von ungefähr den Einband. Ein verschneiter Landstrich mit Dorfrand irgendwo in der Normandie. Ein fast zu übersehender Vogel, der im Gegenlicht eines sonnendurchfluteten Schneetages auf dem Gatter eines Obstgartens sitzt. Kein Mensch, keine Bewegung, nur absolute Stille. Das ist alles. Bei extrem begrenzter Farbpalette gelingt eine Rückbesinnung auf die autonomen bildnerischen Mittel, auf Farbe in feinsten Nuancen und starke Tiefenwirkungen.