Ausstellungsbesprechungen

Sabine Weiss – Fotografie aus fünf Jahrzehnten, Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen, bis 30. Oktober 2011

Sie ist alt, aber noch sehr rüstig. Klein, aber eine ganz Große ihres Fachs. Sabine Weiss beherrscht die Klaviatur der Fotografie wie kaum eine andere Frau ihrer Generation. Doch eine Einzelschau in Deutschland war ihr nicht vergönnt – bis jetzt. Um sich ein Bild von der Grandiosität dieser Fotografin zu machen, ist Cornelia Ganitta vor Ort gewesen.

Geschäftstüchtig übt der kleine Dreikäsehoch das Telefonieren. Die Jungs hingegen, die mit ihrer selbstgebauten Seifenkiste durch ein Viertel von Paris brettern, scheinen lieber dem Spaß zu frönen. Bilder, die Sabine Weiss – eine dem deutschen Kunstpublikum wenig bekannte Fotografin – gemacht hat. Spielende, rangelnde oder lachende Kinder sind die bevorzugten Motive der Fotografin. Und immer wieder Paris in den 50er Jahren: mal melancholisch, mal romantisch, mal eingetaucht in Nebelschwaden. Ein Paris eben, wie es auch schon die Impressionisten zu schätzen wussten, wir es heute aber nicht mehr kennen – allenfalls aus alten Maigret- oder neuen Woody Allen-Filmen wie »Midnight in Paris«, die das Flair jener Zeit zum Leben erwecken.

1946 zieht Sabine Weiss erst 22-jährig aus der Schweiz in die Stadt der Liebe, wo sie zunächst dem Modefotografen Willy Maywald assistiert, bevor sie selber beginnt für Vogue zu arbeiten. Ab 1952 ist sie als Reportagefotografin für Paris Match, Time und Life unterwegs. Jenseits des Glamours rücken mehr und mehr die vielschichtigen Facetten des »wahren« Lebens in den Fokus ihrer Arbeit. Trotz des Elends, mit dem sie auf vielen ihrer Reisen konfrontiert wird, sieht man selten in verzweifelte, traurige Gesichter, sondern in solche, bei denen ein schelmisches Lächeln überwiegt, egal ob Bettler, Marktfrau oder altes Mütterlein. Geradezu perfekt gelingt es ihr, das Wesen des Menschen sichtbar zu machen und gleichzeitig seine Würde zu wahren. Das hat auch der berühmte Fotograf und Kurator Edward Steichen erkannt, der sie – ähnlich wie ihre Weggefährten Robert Doisneau und Henri Cartier-Bresson – einlädt, an der The Family of Man-Schau in New York teilzunehmen. Seit ihrer erstmaligen Präsentation im MoMA 1955 wanderte die Ausstellung fast zehn Jahre lang durch 38 Länder, wo sie von über neun Millionen Menschen besucht wurde. Ansinnen war es – nach den Erfahrungen des Krieges – eine bessere Welt zu schaffen, in der die Mitmenschlichkeit über Hass, Gewalt und Zerstörung triumphiert. Für viele der 273 teilnehmenden Fotografen war diese bislang größte Fotoschau aller Zeiten ein Ritterschlag. So auch für Sabine Weiss, die nach einer ausgeprägten Reisetätigkeit ab Ende der 70er Jahre weltweit mehrmals solo exponierte.

In der jetzigen Schau werden rund 100 Schwarzweiß-Fotografien aus fünf Jahrzehnten und vielen Ländern gezeigt. Ob Straßenszenen, Portraits oder stille Momente des Innehaltens, wie etwa bei religiösen Zeremonien in Burma oder Indien: Sofort ins Auge fallen die brillanten Kompositionen und das nicht minder hervorragende Spiel aus Licht und Schatten, mit dem die Fotografin es versteht, den Betrachter in den Bann zu ziehen.

Die Arbeiten von Sabine Weiss finden sich heute in den Sammlungen zahlreicher renommierter Museen wie dem Centre Pompidou in Paris, dem Metropolitan Museum of Art in New York oder dem Museum Folkwang in Essen. Für eine Einzelschau in Deutschland jedoch musste die Französin erst 87 werden. Dass sie der »breiten Öffentlichkeit« hierzulande so lange vorenthalten blieb, ist erstaunlich angesichts der Tatsache, dass sie einem Henri Cartier-Bresson in nichts nachsteht. Der aber arbeitete für die berühmte Fotoagentur Magnum, sie »nur« für die weniger bekannte Agentur Rapho. Er war ein Mann, extrovertiert dazu, sie ist eine Frau, die es als solche schon schwerer in der Branche hatte. Wie gut, dass ihr wenigstens jetzt – zu Lebzeiten noch – diese späte Ehre zuteil wird. Dank der Aachener Kuratorin Sylvia Böhmer, die lange schon von dem Wert der Künstlerin überzeugt ist. Für sie ist Sabine Weiss ein »Schatz, der nur gehoben werden musste«.