Ausstellungsbesprechungen

Samuel Jessurun de Mesquita, Zeichnung und Druckgrafik

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird man ein Achselzucken hervorrufen, fragte man nach dem Künstler Samuel Jessurun de Mesquita (1868-1944), dessen klangvoller Name zumal leicht auf eine falsche Fährte führt. Dass dies endlich ein Ende hat und sich keiner mehr rausreden kann, ist das Verdienst des Städtischen Kunstmuseums Spendhaus in Reutlingen, das 150 Zeichnungen und Grafiken Jessuruns ausstellt.

Die Rede ist von dem großartigen Werk des niederländischen Grafikers, der – wenn überhaupt – wenigen bekannt ist als Lehrer und Freund von Maurits Cornelis Escher, dem Meister des optischen Illusionismus. Zu Unrecht vergessen ist das eigene bizarre Werk, das seit Oktober im Spendhaus zu sehen ist.

 

Das grafische Oeuvre des in Auschwitz ermordeten Jessurun reicht von Holzschnitten und Radierungen bis zu einer speziellen Batiktechnik. Begonnen hatte er als angewandter Künstler, fand dann aber allmählich zur freien Kunst; zunächst noch mit Anlehnungen an den Symbolismus und den Jugendstil, die er in den 1920er Jahren in einen ganz eigenwilligen Expressionismus umwandelte bzw. fortentwickelte. Wie kaum ein anderer seiner Zeit reizt er dabei die Grenzen des Hochdrucks aus (mal mit schwarzer Linie auf weißem Grund, mal in der Umkehrung als Weißliniendruck, gestrichelte Flächengestaltung, Ornamentalformen usw.) Mit seinen Tiermotiven erwarb er sich in den Niederlanden einen beachtlichen Ruf, während seine Porträts unter Wert betrachtet wurden – ein Fehler, denn Jessurun gehört zu den hervorragenden Bildniskünstlern im Holland des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus entstand ein phantasievolles Werk, dessen skurriles Menschen-Tier-(Un-)Wesen und die ausdrücklichen »Fantasien« mit Bezug auf Märchen- und Gothic-Novel-Motive auch heutige Betrachter noch aufmerken lassen.

 

Der nicht eben ortsübliche Name Samuel Jessurun de Mesquita verweist auf die Abstammung des Künstlers aus einer jüdisch-sephardischen Familie, die aus Portugal in die Niederlande gekommen war. Da sich die Eigenwilligkeit seines Stils kaum weitergeben ließ, wurde sein Werk in der Öffentlichkeit nur selektiv wahrgenommen, am ehesten noch um die Jahrhundertwende, als er zusammen mit Edvard Munch und Félix Vallotton in Paris zu sehen war. Durch die Gewaltherrschaft der Nazis 1940–45 waren ihm zudem die Möglichkeiten einer Breitenwirkung genommen worden. Und wäre sein treuer, aber in der künstlerischen Entwicklung ganz unvergleichbarer Schüler M.C. Escher nicht gewesen, der viele Werke dem Zugriff der Besatzer entziehen konnte, wäre der Name Jessurun wohl terra incognita geblieben. Doch erst jetzt kann und muss man den Künstler in europäischen Maßstäben bewerten.

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, den die Kennerin Jonieke van Es (Museum Boijmans Van Beuningen Rotterdam) mit einer Einführung versehen hat, die das Werkverzeichnis des Künstlers sowie eine umfangreiche Monografie verfasst hat. Die Ausstellung in Deutschland, die in Kooperation mit dem B.C. Koekkoek-Haus / Museum Kurhaus Kleve entstanden ist – dort ist die Ausstellung von Februar bis Mai 2008 zu sehen -, wird von der niederländischen Botschaft des Königreichs der Niederlande gefördert.

 

 

 

Di–So 10–17, Do 10–20 Uhr

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