Buchrezensionen, Rezensionen

Sandra Danicke: Kunst interessiert keine Sau..., Belser Verlag 2011

»Kunst interessiert keine Sau… oder doch?« lautet die Frage des in frechem Pink aufgemachten Bändchens, das der Belser Verlag im März 2011 vorgelegt hat. Die promovierte Kunsthistorikerin Sandra Danicke geht darin zwanzig modernen Kunstwerken auf den Grund, indem sie in spritzig und pointiert geschriebenen Texten deren bisweilen kuriose Entstehung, das dahinter sich verbergende Gedankengebäude beleuchtet und uns den jeweiligen Künstler kurz vorstellt. Die Publikation wagt einen neugierigen, originellen Blick hinter die Kulissen moderner Kunst und wird so auch den größten Kunstmuffel mit spannenden Insiderinformationen beeindrucken. Verena Paul hat dieses Buch auf jeden Fall mit Begeisterung verschlungen.

Der Titel der vorliegenden Publikation ist provokativ, frech und Fragen aufwerfend, weshalb er mich sofort auf den Inhalt neugierig gemacht hat. Bei der Lektüre wird dann die Ironie der Überschrift deutlich, zumal Kunst und insbesondere Gegenwartskunst, so zeigt die Autorin, alles andere als langweilig, uninteressant und nur für eine kleine Gruppe eingeschworener Kunstszenekenner zugänglich ist. Schließlich erfährt man »[b]ereits beim bloßen Beschreiben dessen, was zu sehen ist, […] jede Menge über ein Kunstwerk«, wie Silke Hohmanns es im Vorwort so treffend formuliert.

Dergestalt begegnen uns populäre Arbeiten wie Duane Hansons »Woman with Purse«, Jeff Koons »Rabbit« (in Gegenüberstellung mit Jonathan Monks »doppelbödige[m] Kommentar« »Deflated Sculpture No. II«) oder Damien Hirsts »E.M.I.« von einer ganz neuen, unerwarteten, nicht selten gesellschaftskritischen Seite. Hirsts Hausapotheke etwa ließe sich, laut Sandra Danicke, als »eine Art Psychogramm ihres Besitzers [verstehen]: Je mehr Mittel darin, desto labiler die Persönlichkeit. Was harmlos, bunt und minimalistisch durchdesignt daherkommt, lässt sich als Spiegelbild einer neurotischen Gesellschaft interpretieren.« Demgegenüber dient der Autorin Erwin Wurms skulpturale Arbeit »House attack«, ein scheinbar das Wiener Museumsgebäude attackierendes Familienhaus, als Paradigma seiner jahrzehntelangen Neuauslotung der Skulptur. Denn »[m]it seinen skurrilen, oftmals komischen Anordnungen versucht Wurm, jegliche Rationalität außer Kraft zu setzen und so Freiräume für den Geist zu schaffen.«

Etwas anders gestaltet sich der Kunstanspruch in Martin Creeds Papierkugel »Work No. 88«. Diese bringt »uns dazu,« wie die Autorin erklärt, »über selbstverständliche Dinge [des Alltags] und ihren Wert nachzudenken“. Dabei macht Sandra Danicke uns darauf aufmerksam, dass es in der Tat des handwerklichen Geschicks bedarf, um „einen gleichmäßig runden Papierball aus einem DIN A4-Bogen zu knüllen«. Insofern wird demonstriert, dass Creeds Arbeit in seiner akkuraten Gestaltungsweise ästhetischen Eigenwert erlangt und den Betrachter dazu auffordert, das Alltägliche neu wahrzunehmen.

Fortsetzung von Seite 1

Mit gleichermaßen »rabiaten wie originellen Methoden polemisiert« hingegen Dieter Roth in seinem 1974 entstandenen Werk »Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden« »gegen das Elitäre im Kunst- und Kulturbetrieb.« Hierbei braucht der Betrachter kein Vorwissen, um sich dieser Installation anzunähern, sondern vor allem Humor, schließlich häckselte der Künstler die Hegelsche Werkausgabe in kleine Stücke und stopfte sie mit Wurstzutaten in einen Naturdarm. Neben jenen Arbeiten gewährt Sandra Danicke dem Leser weiterhin einen wunderbaren Einblick in das Schaffen von zeitgenössischen Künstlern wie Joseph Beuys, Sylvie Fleury, Robert Gober, Katharina Grosse, David Hammons, Yves Klein, Bruce Naumann, Claes Oldenburg, Thomas Rentmeister, Peter Roehr, David Shrigley, Andreas Slominski, Florian Slotawa oder Cy Twombly.

Fazit: Der Belser Verlag präsentiert mit »Kunst interessiert keine Sau…« eine reich bebilderte, qualitativ hochwertige Publikation, in der die Autorin Sandra Danicke den Leser – sogar eingefleischte Kunstmuffel – für die Vielschichtigkeit von Gegenwartskunst zu begeistern versteht. Die Autorin vermittelt Informationen, eingehüllt in interessante Geschichten, nonchalant und mit viel Witz und eröffnet auf diese Weise neue Zugänge zu der scheinbar schwer zugänglichen Kunst unserer Zeit. Ein herrlich leichtfüßig daherkommendes, absolut geldbörsenfreundliches Buch, das ich jedem ans Herz legen möchte, der vor moderner Kunst bislang noch eine Scheu hatte und auf der Suche nach einem unkomplizierten, unterhaltsamen Einstieg ist.