Ausstellungsbesprechungen

Schädelkult – Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen, Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim, bis 29. April 2012

Über 300 Exponate zeugen auf beeindruckende Weise von der besonderen Bedeutung von Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen. Ob Jahrtausende alte Schädelschalen, kunstvoll geschmückte Kopfjägertrophäen oder religiös-verehrte Schädelreliquien, ob als Mahnmal der Vergänglichkeit oder als modisches Accessoire: »Schädelkult« blickt auf eine lange Kulturgeschichte zurück. Und Günter Baumann hat es sich angeschaut.

»Schädelkult« klingt zunächst brachial, und für zarte Gemüter ist die Ausstellung im Mannheimer Museum der Weltkulturen sicher ungeeignet. Geht man das Motiv der Schädelverehrung intellektuell und ästhetisch an, bekommt das Thema zu »Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen« allerdings eine faszinierende Dimension, der man sich nicht so leicht entziehen kann. Immerhin: Shakespeares Hamlet sinniert über einem Totenkopf über das Sein und das Nichtsein, und Goethe hantierte mit dem (wie man heute weiß: unechten) Schädel seines lange vor ihm gestorbenen Freundes Friedrich Schiller, um ihn zu bedichten. So bemühen auch die Ausstellungsmacher einen großen Philosophen, der das menschliche Sein quasi in die Hirnschale warf: René Descartes, dessen berühmter Satz »Ich denke, also bin ich« die Existenz im Kopf verortet, nur: Was übrig bleibt, ist nun einmal nicht der Inhalt, sondern der blanke Schädel, der durchaus Angst und Schrecken verbreitet.

Bann und Segen kreisen um das knochige Relikt, was interessanterweise alle Völker dieser Erde gleichermaßen erkannt haben und weshalb sich rund um den Globus Kultformen entwickelt haben, die den Ahnenkult genauso enthalten wie das modische Beiwerk – der Schädel entfaltet eine magische wie makabre Gedankenwelt. Übrigens: Descartes’ Schädel ist in der Mannheimer Schau gleich zu Beginn des Rundgangs zu bewundern, beschriftet mit halb verwitterten Sinnsprüchen und einem Gedicht über das leidvolle Schicksal des Daseins.

Dass eine derart große Ausstellung zusammenkam, ist nicht zuletzt Sammlern zu danken, die aus hehren oder niedrigen Antrieben heraus Ethnografica in ihre Wohnungen holten. Als wichtigster Vermittler ist hier der Maler Gabriel von Max zu nennen, dessen beeindruckende Sammlung aus dem 19. Jahrhundert Schädelpräparate genauso umfasst wie Mumien und allerhand knochige Funde aus aller Welt – seit 1917 befindet sich diese Sammlung in Mannheimer Besitz, ging jedoch in den Kriegswirren durch Auslagerung und andere Widrigkeiten verloren und tauchte schließlich vor wenigen Jahren wieder auf. Sie lebt in der Ausstellung nach fotografischen Aufnahmen in der historischen Anmutung wieder auf.

Wenn die Ausstellung letztlich kaum die ganze zeitliche und kulturhistorische Bandbreite ausfüllen kann – von der prähistorischen Zeit bis in die Gegenwart, von Asien über Europa bis nach Nord- und Südamerika – , so ist sie gemeinsam mit dem voluminösen Katalog eine kaum je wieder zu erreichende Fundgrube zum Thema, das vor der perversen nationalsozialistischen Rassenkunde bis zur Indianerromantik, von der ausgeschmückten Trophäe (auch in Form von Schrumpfköpfen) bis zum Modeartikel und Zuckerguss-Imitat nicht Halt macht. Rund 300 Exponate umfasst die Schädelparade, die sich nicht damit begnügt, die schaurigen Objekte zu zeigen, sondern auch eine Einführung in die Anatomie des Kopfes sowie in den Herz-Hirn-Diskurs zu geben. So eingestimmt, folgt man den Spuren des Kults seit den Neandertalern – 170000 Jahre alt ist eine knöcherne Schale, die auf eine Nutzbarmachung der Schädel hinweist. Immerhin 9000 Jahre zählt der erste bekannte, mit Lehm übermodellierte Schädel, der den Gedenkcharakter um dieses wichtige Körperteil bezeugt.

Die Stationen der Weltkulturen heißen Afrika, Asien, Ozeanien, Amerika und Europa. Von den heutigen Riten hat sich der volksfestartig gefeierte mexikanische Día de los Muertos (Tag der Toten) erhalten, der seit 2003 als UNESCO-Welterbe der immateriellen Güter geschützt wird. Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Gesichtsrekonstruktion runden die Schau ab – spätestens hier wird der Schädel auch für die Kriminologie interessant, nachdem schon die Biologische Anthropologie und die Biochemie wichtige Erkenntnisse zur Menschheitsgeschichte gewonnen haben.

Der Katalog zur Ausstellung »Schädelkult« ist die erste umfassende Gesamtdarstellung, die sich mit der besonderen Bedeutung von Kopf und Schädel in der Kulturgeschichte des Menschen befasst. Insgesamt waren 36 Autoren an dem reich bebilderten Katalog beteiligt.