Buchrezensionen

Schafhausen, Nicolaus (Hrsg.): Isa Genzken. Oil. Der Deutsche Beitrag auf der Biennale in Venedig 2007, DuMont, Köln 2007.

Isa Genzken. Oil. Vom Charme der Assoziationen. Gerade mal 25 Besucher bekommen gleichzeitig Zugang zum deutschen Pavillon der Biennale, wo sie eine Installation von Isa Genzken erwartet. Da ist der Stau vorprogrammiert, denn bereits in den ersten Tagen der venezianischen Mammutschau sorgte dieser Beitrag für enormen Diskussionsstoff.

Die 58-Jährige, die sich vorsorglich schon von ihrem Kollegen Wolfgang Tillmans hat fotografieren lassen, damit man die bisher eher unauffällige Künstlerin auch ja in der Öffentlichkeit erkennen möge, dürfte damit in die erste Liga der Gegenwartskunst aufgestiegen sein – ihr Bild ging schon mal um die Welt. Gleiches wünscht man dem bei DuMont erschienenen Katalog, der offiziellen Publikation für den deutschen Länderbeitrag. Denn er ist nicht nur eine Augenweide: ein kommentarloses Entree von 150 Seiten stimmt optisch auf das Werk ein –, sondern ermöglicht auch den happy few, die jeweils das Original in Augenschein nehmen durften, auch eine opulente Nachbetrachtung: es wird kaum möglich sein, all die Details im schnellen Durchlauf wirklich wahrzunehmen.

Das von dem diesjährigen Kurator Nicolaus Schafhausen herausgegebene Buch vermittelt zudem etwas von der Erlebniswert der Kunst durch die sehr kluge Bildführung, die mit einem vergitterten Blick auf Della Robbias Madonnenrelief beginnt und mit der allgegenwärtigen Reproduktion der Mona Lisa unter animalischem Erinnerungskitsch endet. Dazwischen entfaltet sich eine Welt der Assoziationsvielfalt, die einen steten Wechsel von Fiktion und Realitätswahrnehmung provoziert. Ein orangefarbenes Absperrnetz verwandelt den teutonischen Protzbau in eine fingierte Baustelle, welche die Entstehungsgeschichte des Nazi-Baus kaschiert und gerade dadurch zum kritisch hinterfragten Objekt macht. Das Anliegen ist nicht neu; schon Hans Haacke lenkte den Blick auf die Architektur, indem er 1993 ihren Fußboden zertrümmerte. Was damals jedoch schon das eigentliche Werk ausmachte, ist für Genzken nur das Gehäuse, der spröde, aber nicht unpoetische Übergang in einen Illusionsraum.

In einem Wechsel von Weitblick und Totalen, von großzügig gestreuten Leerseiten strukturiert oder besser: rhythmisiert, zeigt der Katalog einen möglichen Weg durch die Objektschau. Kaum gaukeln uns die Trollys, Koffer und Taschen die Realsituation einer Bahnhofshalle vor, da irritiert schon der Blick auf Astronauten, die von der Decke hängen, wie die von Stoffaffen zum Turngerät abgestempelte Galgenstricke. Auch ausgestopfte Tiere und religionskultige Totenköpfe sowie venezianische Maskerade, multipliziert durch Spiegel, die den realen Raum wieder in spätbarocker Lust ins Kunstvolle zurückverweisen, verunsichern das Auge. Die kahlen Wände lassen sogar ahnen, dass Isa Genzken ihre künstlerischen Wurzeln in der Minimal Art hat.

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Was die Bildstrecke nicht schafft, darüber geben die Anhangtexte des Katalogs Aufschluss: Der Titel »Oil« steht scheinbar kontextfrei im Raum. Doch macht gerade diese Bezeichnung das Installationsbild zum Gesamtkunstwerk: »Den Titel finde ich gut«, freut sich die Künstlerin im Interview mit Schafhausen, »denn das ist es, worum es auf der ganzen Welt geht. Ob Krieg, ob nicht, darum geht’s. Um Energie und um Öl.« Und die Astronauten? Die könnten für die hochfliegenden Ideen und überhaupt die Gedankenwelt stehen, die losgelöst von den Zwängen der Realität reichlich utopisches Potenzial enthalten, das sich in unzähligen Einzelfiguren konkretisiert: Matrjoschkas und Minidrache, Reisefotos und Allerweltsschnappschüsse, Schlüssel und Gitarre, Notenständer, Wasserpfeife, Maske und Schädel. Dies erinnerungsfähig zu halten, schickt sich der Katalog an, denn die gezeigte Kunst – das versinnbildlichen die Koffer eindrucksvoll – ist vergänglich, oder zeitgemäßer formuliert: auf dem Sprung.

 

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