Ausstellungsbesprechungen

Scheinbar vertraut. Die holländische Genremalerei in Schwerin, Staatliches Museum Schwerin, bis 14. November 2010

Innerhalb der Schweriner Sammlung niederländischer Gemälde ist die Genremalerei mit deutlich über 100 Werken sehr umfangreich vertreten. Zu den bekannten und schönsten Stücken gehören Gemälde von Fabritius, Hals, van Mieris, Dou, Potter und Honthorst. In der Ausstellung Scheinbar vertraut bietet das Staatliche Museum Schwerin erstmals einen Überblick über den gesamten Bestand dieser Gattung. Viele der nun präsentierten Werke sind zuvor weder ausgestellt noch publiziert worden. Stefan Diebitz besuchte die Ausstellung, um darüber zu berichten.

Seit langem ist das Staatliche Museum Schwerin, das dem berühmten Schloss direkt gegenüber liegt, bekannt für seinen umfangreichen und hochwertigen Bestand an holländischer Malerei. Die erstaunliche Anzahl von ursprünglich einmal dreizehn Rembrandts musste zwar leider als unecht ausgemustert werden, aber geblieben ist genug, das sich vorzeigen lässt. In der ersten Generalrevision seit 1882 sichtet das Museum nun seinen reichen Bestand, präsentiert den dritten von insgesamt sechs geplanten Katalogen und in einer schönen Ausstellung seine holländische Genremalerei. Stefan Diebitz hat sich auf den Weg nach Schwerin gemacht.

Die Schweriner Sammlung geht nicht allein in ihrem Ursprung, sondern bis heute in großen Teilen auf den kunstbegeisterten Herzog Christian Ludwig II. (1683 – 1756) zurück, einen Landesherrscher, dessen politisches Wirken heute eher skeptisch beurteilt wird, denn die Zurückgebliebenheit Mecklenburgs wird wesentlich auf seine Politik zurückgeführt. Über ihn als Kunstsammler fällt das Urteil positiver aus – ohne ihn gäbe es heute keine vorzeigbare Sammlung in Schwerin. In den Worten des Kurators der Ausstellung, Gero Seelig, können wir noch heute einen „lebendigen Blick in die Sammlung des 18. Jahrhunderts“ werfen, weil deren Bestand über mehr als zwei Jahrhunderte relativ statisch gewesen sei. Christian Ludwigs Sohn Friedrich, genannt „Der Fromme“, warf wohl ihn schockierende Nuditäten hinaus, und es gab seitdem auch einige Neuanschaffungen, aber im Wesentlichen zeigt die Ausstellung eine Sammlung, die es so schon 1756 gegeben hat.

„Genremalerei“ ist ein im Grunde fragwürdiger, weil ein wenig zu flüssiger Begriff, der sich kaum abgrenzen lässt. In dieser Ausstellung finden sich neben Darstellungen des ländlichen und häuslichen Alltagslebens auch Schlachtengemälde, Tronies (also Porträts unbekannter Personen, in denen es vor allem um den Ausdruck von Emotion oder einer Stimmung geht) oder bukolische Szenen, die mit ihren malerischen Grotten eigentlich nach Italien gehören. Als einer der Stars der Schweriner Sammlung und auch dieser Ausstellung gilt Frans Hals, aber es ist der »Singende Zinkspieler« von Gerard Hermansz van Honthorst, der es auf das Plakat geschafft hat.

Mit dem Titel »Scheinbar vertraut« ist ein Doppeltes gemeint; einerseits ist die Sammlung auch dem eifrigen Mecklenburger Museumsbesucher nur scheinbar vertraut, weil eine Reihe von Bildern seit langer Zeit nicht mehr ausgestellt wurde, sondern friedlich im Depot schlief, andererseits lässt sich an vielen Bildern demonstrieren, dass auch simple Alltagsschilderungen sehr hintergründig sein können. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist »Die Torwache« von Carel Fabritius, ein anderes »Der Besuch« von Gerard ter Borch d. J. In beiden Fällen lässt sich eine eindeutige Interpretation nicht geben, und allein die wechselhafte Rezeptionsgeschichte dieser Bilder ist eine eigene Darstellung wert. So wurde für letzteres Bild, das den Besuch eines offenbar gut gestellten jungen Herrn bei zwei Damen zeigt, mal Brautwerbung, mal Bordellbesuch vorgeschlagen – zumindest letzteres allerdings lässt sich ausschließen, wie der Kurator demonstrierte, dessen plausible Argumentation man im Katalog nachlesen kann.

Auch die »Dame am Cembalo« von Frans van Mieris zählt zu den schwierigen und hintergründigen Werken. Dieses Bild, für das der Herzog die enorme Summe von 3000 Gulden bezahlte, wird von Gero Seelig sogar mit Arbeiten Jan Vermeers verglichen, und allerdings ist es ganz große Kunst. Das Gemälde zeigt eine Hausmusikszene, bei deren näherer Betrachtung sich viele Unwahrscheinlichkeiten in der Lichtführung oder im dargestellten Raum auftun, die aber paradoxerweise trotz zahlreicher Unstimmigkeiten und Brüche stimmig und einheitlich wirkt. Eine ganz alltägliche Szene, die dennoch Gelegenheit für gelehrte Anspielungen bietet, etwa auf die antike Anekdote von Parrhasios und Zeuxis, in der Parrhasios mit einem offenbar fotorealistisch gemalten Vorhang seinen geschätzten Kollegen austrickste.

Der Katalog enthält neben den teils sehr detaillierten Bildbeschreibungen aus der Hand Gero Seeligs noch den höchst instruktiven Aufsatz »Genremalerei der Leidener fijnschilders in Schwerin« von Ellis Dullaart. Diese Abhandlung ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie ertragreich und belehrend eine sozialgeschichtliche Perspektive sein kann. In ihrem Mittelpunkt steht die Darstellung der Künstlervitae von Gerard Dou (1613 – 1675) und Frans von Mieris d. Ä. (1635 – 1681). Seit 1578 gab es infolge der Reformation keine Lukasgilde mehr in der aufstrebenden Universitätsstadt – sie fand sich aufgelöst, weil sie keine religiösen Funktionen mehr wahrzunehmen hatte. Diese liberale Deregulierung des Marktes zog nur negative Folgen nach sich, und erst, als sich zwischen 1650/60 eine neue inoffizielle Lukasgilde bildete, besaßen die Maler wieder ein besseres Kaufpublikum. Wesentlichen Anteil an der Verbesserung der Situation hatte die Schrift »Lof der Schilder-konst«, die Philips Angel 1642 veröffentlichte, um für die Neugründung der Lukasgilde zu werben. Heute bietet sie dem Kunsthistoriker interessanteste Einblicke in die Vorstellungen der damaligen Zeit. Angel empfahl den Malern einen ausgeprägten Realismus und ging in diesem Zusammenhang auch auf die Parrhasios-Zeuxis-Anekdote ein, auf die in zahlreichen Gemälden der Leidener Feinmaler angespielt wird, so auch bei ihren bedeutendsten Vertretern, bei Dou und seinem Schüler van Mieris.

Dous wichtigste Innovation war das Fensterbild. Bürgerliche Häuslichkeit, über deren Ideale uns auch die Literatur in Gestalt von Benimmbüchern und moralischen Traktaten belehrt, war eines der wesentlichsten Themen der Feinmaler, und auf den Gemälden Dous wird sehr oft durch ein großes Fenster in das Innere eines Hauses geblickt. Dabei gestaltet sich die Interpretation oft als schwierig, weil es in vielen Fällen alltägliche Gegenstände waren, denen ein symbolischer Sinn zugesprochen wurde. Wer »Die Möhrenputzerin« verstehen will, muss wissen, dass Hausmädchen oft mit Abneigung begegnet wurde – sie galten als moralisch anrüchig. Auch das hier abgebildete Mädchen? „Einerseits“, schreibt Dullaart, „könnte man das tote Huhn und die langen Karotten als typisch erotische Symbole interpretieren, aber da das Mädchen angemessen gekleidet ist und eher schüchtern aus dem Fenster hinaus blickt, gibt es keinen Grund, dieser Szene eine negative Bedeutung beizulegen.“ Viele Bilder dieser Ausstellung sind in dieser Weise uneindeutig und gewinnen enorm, wenn man sich in sie vertieft. Kann man über ein Bild etwas Besseres sagen?