Ausstellungsbesprechungen

Schlaflos - Jesus schlief nie

Liebe und Hass, Geburt und Tod, Freude und Leid — unsere Betten sehen viel. Nicht zuletzt die Tatsache, dass rund ein Drittel unseres Lebens im Schlaf und in vielen Kulturen daher auch im Bett verbringen, macht dieses Möbel zu einem ganz besonderen Ort. Das 21er Haus in Wien widmet ihm daher bis zum 7. Juni 2015 die Ausstellung »Schlaflos – das Bett in Geschichte und Gegenwartskunst«. Petra Augustyn hat sie sich angesehen.

Yoko Ono und John Lennon taten es: vor mehr als vierzig Jahren gingen sie zusammen ins Bett, um »make love, not war« als politisches Statement zu verkünden. Edward Snowden tat es: er gab der Dokumentarfilmerin Laura Poitras ein Interview, in einem Hotelzimmer in Hongkong, sitzend und liegend in einem Alle-Welt-Bett. Mit dem Film »Im Bett mit Edward Snowden« wollte er sich »ans Kreuz nageln lassen«, um seine Familie zu schützen, wollte sein Wissen mit der Welt teilen und wie bereits Yoko und John: die Welt besser machen.

Mit der Ausstellung stellt das Wiener 21er Haus das Bett als Motiv in Werken alter Meister und Arbeiten aus der Gegenwartskunst einander gegenüber. Räumlich geteilt ist die Schau durch Themen: Geburt, Liebe, Einsamkeit, Krankheit, Tod, Politisch, Gewalt, Mythisch und Antropomorph. Kuratiert wurde die Ausstellung von Mario Codognato.

Was einst unter einem Felsvorsprung aufgesucht wurde, sollte dem Menschen zum Rückzug dienen, vor äußeren Einflüssen schützen und emotionale Geborgenheit spenden. Einwirkungen, sowohl klimatischer, als auch öffentlich-politischer Natur gilt es, damals wie heute, draußen zu lassen. Morphologisch, konstruktiv, funktional, ästhetisch und psychologisch scheint es hinsichtlich der Suche nach einem Dach über dem Kopf über Jahrtausende hinweg wenig Neues unter der Sonne zu geben. Seit seiner Erfindung hat sich das Bett kaum verändert. Es wurde trotz aller Technisierung, ausgenommen sei der medizinische Bereich, nicht wirklich neu erfunden und ist seinen Grundsätzen als umhüllender Körper treu geblieben.

Die Schlafstätte, von spartanisch bis prunkvoll, spiegelt die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Menschen wider. Einst von reichen Leuten mit auf Reisen genommen, wurde es nicht selten auch an Verwandte, Bekannte oder Bedürftige vererbt. Die prunkvolle Ausführung der Frührenaissance entsprach eher einem Raum als einem Gegenstand und offenbarte Platz für mehrere Besucher. Zwischen luxuriös und asketisch, fix eingebaut und mobil, existiert das Bett in vielen Varianten.

Das Bett ist eine beschützende Haut und Hülle für den Rückzug in die Innerlichkeit, in die Seele. Im Bett ist der Mensch bei sich selbst, vielleicht sogar sich selbst am nächsten. Ob nackt, wie im Mittelalter üblich, oder mit vorgesehener, meist relativ leichter Kleidung, hat hier der gesamte Körper direkten, intimen Kontakt mit einem fremden Körper. Wird das Bett mit einer (geliebten) Person geteilt, mag sich diese Wärme potenzieren und emotionale Wärme gesellt sich hinzu. Nur in der Badewanne ist dieser Kontakt noch unmittelbarer. Die Matratze ist das Speichermedium und Teil der komplexen Medienphysik des Bettkörpers, die Konvergenz von Hardware (Bett) und Software (Matratze).

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Mit diesem hingeworfenen Ding, auf dem wir schlafen, ruhen, lieben, faulenzen, träumen, quälen, reproduzieren, die wir beflecken, unter der das Verdrängte, Unheimliche lauert und: auf der wir gesunden und sterben, beschäftigten sich Künstler wie Agostino Carraci, Artemisia Gentileschi, Rembrandt, Pierre Bonnard, Pablo Picasso, Marcel Duchamp, Ed Ruscha. Auch zahlreiche Künstler der Gegenwart machen es zu ihrem Thema Jürgen Teller, Birgit Jürgenssen, Kaari Upson, Sarah Lucas, Franz West, Mona Hatoum, Damien Hirst, Erwin Wurm. Ihre Werke sind neben anderen in der Ausstellung zu sehen.

Das älteste, gezeigte Werk der Ausstellung ist ein Gemälde von Lavinia Fontana aus dem 16. Jahrhundert. Es zeigt das Porträt eines Mädchens, den Spross einer Adelsfamilie aus Bologna. Die kostbare Verarbeitung der Wiege – freilich gesellschaftlich motiviert – ist detailliert wiedergegeben. Ob er möchte oder nicht, der Mensch wird geboren und verbringt – unter normalen Umständen – seine ersten Lebensstunden in der Wiege. Dieser zunächst unfreiwillig aufgesuchte Ort, der sowohl beschützend als auch beängstigend sein mag, bildet die Bühne jener Erfahrungswelten, an denen der Mensch aktiv wie passiv teilnimmt, die er mit positiven ebenso wie mit negativen Emotionen in Verbindung bringt.

Werke von Gustav Klimt, etwa »Alter Mann auf dem Totenbett« (1899), Man Ray, »Marcel Proust auf dem Totenbett« (1922), oder eine Fotografie von Kronprinz Rudolf auf dem Totenbett erinnern an die allgegenwärtige Vorstellung des Todes als Täter und Tatsache, die dem Menschen die Begrenztheit seines Lebens vor Augen hält. Ob am Ende dieses unbekannten Tunnels endlich liegengeblieben werden darf, oder der entscheidende Schritt aus dem Bett aufs Neue gemacht werden muss, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Lucian Freuds »Nacktes Mädchen mit Ei« (1980-82) erinnert dagegen an die Schlaflosigkeit, die den freien Fall in den Schlaf verhindert. In diesem Stausee der Zeit werden »Schafe gezählt« und der synthetische Weg in das Paradies herbeigesehnt.

Das jüngste Werk der Ausstellung ist ein Foto von Oliviero Toscani, »Adam und Eva in Cybereden« (2015) dass der Fotograf für diese Ausstellung zur Verfügung stellte. Das Foto reduziert die menschlichen Tätigkeiten und Ereignisse auf das Bett als Bühne, die das menschliche Leben erst formt. Schreiben, Lesen, Essen, Telefonieren, einen Laptop Balancieren zeigt uns, wie es heutzutage möglich ist, sich den Rückzug offenzuhalten. Bereits Ludwig IV, Alexander der Große, Elisabeth I., Casanova, Mark Twain, Johann Wolfgang von Goethe und Henri Matisse arbeiteten im Bett. Der Philosoph Descartes lag sechzehn Stunden täglich im Bett und radikalisierte den Kollegen Pascal, der »die Übel der Welt für tilgbar hielt, wenn alle einfach zu Hause blieben«. Das Bett in Oliviero Toscanis »Adam und Eva in Cybereden« nimmt zwischen all den Dingen des Alltags einen vertrauten Platz ein. Hier fühlt sich der Mensch erst zu Hause, hier ist der eigene Körper Herr über die Gesamtlage. So verschwindet alles außerhalb Liegende allmählich aus dem Bereich des Sichtbaren aus dem Bewussten. Die Welt wird plötzlich so klein, wie das Bett selbst und der Mensch ist darauf zurückgeworfen.

Stellt sich nun die Frage, welchen Anblick uns die Erde bieten würde, gäbe es nicht die zeitlichen und räumlichen Unterbrechungen durch den Schlaf.