Ausstellungsbesprechungen, Meldungen zum Kunstgeschehen

Schwarze Kunst - Geheimnis, Faszination und Sinnlichkeit einer Drucktechnik, Städtische Galerie Albstadt, bis 6. Juni 2010

Das schönste Schwarz der Welt suchten und fanden viele Künstler bis in unsere Zeit in einer Tiefdrucktechnik, die 1643 in Mainz von dem adeligen Soldaten und Laienkünstler Ludwig von Siegen erfunden wurde. Als „Schwarze Kunst“ ging dieses innovative Druckverfahren zuerst in die Kunstgeschichte ein, später auch als ‚mezzotinto‘, ‚manière noire‘ oder ‚Schabkunst‘ bezeichnet. Günter Baumann hat sich für PKG mit dieser interessanten Technik beschäftigt.

Die druckgraphische Technik des Mezzotinto, eines Tiefdruckverfahrens, fristete hierzulande ein eher bescheidenes Schattendasein – und auch die deutschsprachigen Bezeichnungen »Schwarz-« bzw. »Schabkunst« halfen dem Renommee kaum. Da überrascht es zunächst, dass das Gutenbergmuseum und das Landesmuseum Mainz Ende 2009 eine Ausstellung auf die Beine stellten, die im Frühjahr in zweiter Station nach Albstadt weiterwanderte. Spätestens in der dortigen Galerie muss man resümieren, dass es nicht nur die beste Übersichtsschau zu diesem stiefmütterlich behandelten Druckverfahren ist, die es wohl je gab, sondern dass die Mezzotinto-Technik ihren ganz eigenen Charme hat, an dem man nun nicht mehr vorbei kommt. Freilich liegt auch ein ganz banaler Grund hinter dieser langjährigen Ignoranz – in Deutschland hatte diese Technik nie den Stellenwert wie in England, wo im 17. und noch stärker im 18. Jahrhundert mit der Porträtmalerei auch deren Ableger des Reproduktionsstichs (als »English manner«) blühte. Es dürfte denn auch die weniger aufwändige Flachdruck-Konkurrenz der Lithographie gewesen sein, die in Deutschland eine vergleichbare Blütezeit verhinderte, als dort die Porträtmalerei größeres Interesse fand.

Mit der Lithographie hat das Mezzotinto übrigens gemein, dass der Erfinder bekannt ist: Hatte Alois Senefelder um 1800 die für die Geschichte der Graphik bahnbrechende Idee der Steindruckerei, so begann Ludwig von Siegen 1642/43 damit, die Tiefdruckplatte aufzurauen, bevor er mit dem Stichel ans Werk ging. Als Initialwerk gilt ein Porträt, das der dilettierende adlige Künstler von Anna Elisabeth, Landgräfin von Hessen, im Jahr 1643 machte. Etwa zeitgleich entstand sein Porträt von Elisabeth von Böhmen nach einem Gemälde von Gerrit van Honthorst. Damit waren die frühen Felder bereits abgesteckt: das Porträt und insbesondere dessen Vervielfältigung. Beide Stiche sind in der Ausstellung zu sehen, das eine aus dem Frankfurter Städel, das andere aus dem Aschaffenburger Bestand der Staatlichen Graphischen Sammlung München – erstklassige Adressen, wie überhaupt die bedeutenden institutionalisierten und privaten Leihgeber für die vorbildliche Auswahl stehen, auch was die sonst kaum öffentlich zugänglichen Arbeiten deutscher Herkunft angeht. Englische Blätter wie die von William Pether, Richard Brookshaw, Richard Earlom oder Valentine Green, die – unter Verwendung von Vorlagen Joseph Wrights, Peter Paul Rubens' u.a. – zum besten der Gattung gehören, zeigen die Vielfalt, zu der das Mezzotinto fähig war, und ist: Denn das gehört zu den großen Überraschungen der Schau, dass das Verfahren in seinem Schattendasein keineswegs in Vergessenheit geriet. Von Leopold von Kalckreuth, Max Klinger und Emil Orlik über Bernhard Pankok und Felix Hollenberg bis hin zu atemberaubenden Arbeiten von Alfred Hrdlicka, Wolfgang Gäfgen, Udo Claussen und nicht zuletzt dem Künstlerpaar Bernd Schäfer und Martina AltSchäfer, die auch den standardverdächtigen Katalog des Deutschen Kunstverlags mit wichtigen theoretischen Beiträgen bereichert haben, ist das 20. Jahrhundert würdig vertreten. In einer Zeit, die es gewohnt ist, dass die Gattungsgrenzen überschritten werden, ist es nur allzu verständlich, dass ein Verfahren, das dem Tiefdruck eine außerordentlich malerische Qualität zu entlocken versteht, in jeder Hinsicht zeitgemäß ist. Die einzigartige Behandlung von Zwischentönen lässt sogar vergessen, dass es sich um eine Schwarzweiß-Technik handelt, die dem grellen Alltag sogar noch Paroli bietet, wenn sie sich nicht in farbigen Varianten selbst übertrifft, wie der Kieler Künstler Peter Nagel beweist.