Ausstellungsbesprechungen

Sean Scully - Grey Wolf, Kunstmuseum Bern, bis 24. Juni 2012

Scullys Werke zeigen Streifenmuster mit präzisen Linien und stark kontrastierenden Farben. Durch ein unterschiedliches Hervorschimmern der verschiedener Farblagen schafft er eine geradezu lyrische Malerei, die den Brückenschlag zum Betrachter vollzieht. Günter Baumann klärt Sie auf.

»Eine verkaufte Ausstellung macht Freude«, soweit dürfte der 1945 geborene Sean Scully im Chor seiner Künstlerkolleginnen und -kollegen einfügen, »ist aber auch gefährlich« – mit dieser Aussage fällt der Maler, immerhin einer der bedeutendsten Vertreter der abstrakten Kunst, eher aus dem Rahmen. Allerdings hatte er wohl seine Erfahrungen: »Ich hatte früh in meiner Laufbahn außerordentlichen finanziellen Erfolg, diesen musste ich zerstören, um tiefer greifende und spirituelle Kunst machen zu können.« So kann nur jemand reden, der von Anbeginn seiner Karriere her ein Ziel jenseits des Marktgeschreis vor Augen hat. Der von Mark Rothko inspirierte Künstler war noch keine 40, als man ihm die Arbeiten seiner ersten Einzelausstellung in New York förmlich aus den Händen riss. Seitdem lässt sich seine Erfolgsspur über mehr als 200 Einzelausstellungen hinweg verfolgen, ohne dass man den Eindruck hat, Scully hätte je seinen durchgeistigten Weg verlassen.

Von Schmalspur kann jedoch keineswegs die Rede sein: Kaum ein Künstler hat eine solche Bandbreite zu bieten wie Scully, sei sie von einem klarfarbigen Streifensystem markiert oder von einer erdschweren Farbschichtung. Geometrie, Farbfeld und lyrische Abstraktion stehen sich gegenüber oder gehen ineinander über. In Bern und in der Folge in Linz kann man sich zurzeit angesichts seines Gesamtwerks überzeugen, dass Sean Scully ein begnadeter Farb- und Formmetaphysiker ist, der den Betrachter in seinen Bann schlägt. Für das Berner Museum ist diese hochkarätige Schau ein Möglichkeit, das Haus über die Grenzen hinaus bekannter zu machen, was noch verstärkt werden dürfte, wenn die Ausstellung in das Lentos Kunstmuseum in Linz wandert, das bereits einen international großartigen Ruf genießt. Außerdem zieht der Name des Künstlers wohl etliche Besucher aus Deutschland in die Alpenländer, denn hierzulande ist Scully ein gern gesehener Gast in Galerien und Museen.

Dass Bern den Auftakt zur Retrospektive gab, lag sicher daran, dass das Kunstmuseum die Arbeit »Grey Wolf« von 2007 erworben hat, die in einem schwarz-grau-blaugetönten Farbgeflecht den Moment einer tatsächlichen Begegnung des Malers mit einem Wolf chiffriert festhält. Zwei Schenkungen des Künstlers kamen hinzu – und das Berner Haus war um drei monumentale Werke reicher: immerhin misst das Wolf-Bild rund 2,8 auf 3,5 Meter (für die komplette Ausstellung mussten etliche Zwischenwände entfernt werden!). Die Größe ist überhaupt der Grund, dass das Farbspektakel – selbst das in den dumpfsten Halbtönen – die Spannung bis zuletzt hält. Allerdings haben auch die »falschen« Bilder ihren Anteil daran. Scully ringt seiner betont falschen Ästhetik, wie etwa in dem Werk »Falling Wrong«, hochansehnliches ab, was man fasziniert betrachtet. So fügt er hier unter Missachtung von Formatgrenzen oder Farb- und Formharmonien waagerechte und senkrechte Leinwandteile aneinander, um eine existenzielle Aussage zu treffen: »Falling Wrong«, so der Künstler, ist ein Bild des Falschseins, doch es erschafft hoffentlich auch eine neue Art von Schönheit, indem Dinge so kombiniert werden, dass sie in einen Wettstreit ums Überleben treten.«

Dem abstrakten Gestus nach könnte man den einzelnen Arbeiten, die sehr konkrete Titel tragen, Willkür unterstellen – wohl aber eine großartige Intuitionsgabe. Doch hat Scully hier vorgesorgt und liefert etlichen Lesestoff mit Zitaten hinzu, die den Museumsparcours begleiten. So kann der Betrachter sich auf die Real-Assoziationen einlassen, die freilich außerhalb der Wahrnehmungsrealität mitempfunden werden können. Er verführt jeden Gedankenspieler mit einem ausdrücklichen, »tief romantischen Impuls, der von einem starken Zen-Aspekt getragen wird«.

Im Ergebnis sind die Arbeiten zugleich rational durchdacht wie emotional aufgeladen. Scully überträgt erinnerte Eindrücke in einen rein künstlerischen Kosmos – mit allen Ecken und Kanten, Schrägen und Trübungen, die ein Leben bereithält. Selten ist Malerei so überzeugend versinnbildlicht worden wie im Schaffen des Iro-Amerikaners Sean Scully, der sowohl die amerikanische wie die europäische Tradition des abstrakten und lyrischen Expressionismus vereint.

Weitere Informationen

Die Schau wandert im Anschluss nach Linz, wo sie vom 22. Juli bis 7. Oktober 2012 im Lentos Kunstmuseum besichtigt werden kann.