Ausstellungsbesprechungen

Sean Scully. Werke aus den 1980er Jahren, Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen, bis 8. Mai 2011

Mit Sean Scully zeigt das WHM einen der wichtigsten Vertreter der abstrakten Malerei unserer Zeit. Er hat die Möglichkeiten der gegenstandslosen Malerei jenseits des Minimalismus entscheidend erweitert. Virtuos verfolgt er seine ganz eigene, auf wenige Elemente beschränkte Bildsprache. Günter Baumann hat sich die Ausstellung angesehen und war schwer beeindruckt.

Die Renaissance der figurativen Kunst, die vor einigen Jahren den Kunstmarkt irritierte, hat mit ein wenig Verzögerung auch der abstrakten Malerei frischen Wind zugeblasen. Das klingt widersprüchlich, fast paradox, aber in der Folge des Medien-Booms der vorangegangenen Zeit, der die Malerei an sich für tot erklärt hatte, stachelte sie offenbar die – von der Technik aus gesehen – traditionellen Künstler an, mit einem trotzigen »Jetzt-erst-recht« ein neues Profil zu zeigen, das das alte Medium, das die Malerei eben auch ist, zu thematisieren: hier gegenständlich, dort gegenstandslos. Im Fall der abstrakten Kunst gehört der 1945 geborene Sean Scully zu den spannendsten Künstlern, die diesem Zweig der Malerei neue Triebe entlockt haben. Ausgehend vom abstrakten Expressionismus amerikanischer Prägung (Mark Rothko, Willem de Kooning), hat der in New York, Madrid und bei München lebende Ire großformatige Bilder geschaffen, die so frisch und zeitnah sind, als hätte er die Abstraktion neu erfunden. Die erdnahen Farben sind von der nordafrikanischen, konkret marokkanischen Natur inspiriert und bis in die Komposition von dortigen Stoffmustern geprägt.

Mit einem hinreißenden Gespür für Form und Farbe erschafft der Künstler extrem reduzierte Bilduniversen, deren ornamentale Farbfelder in ihrer Disharmonie vollendet schön erscheinen. Ein weiteres Paradox: Wo hört die Malerei auf, wo beginnt die Plastik bzw. das Relief in seinem Werk, das mit Versatzstücken umgeht, die zu (manchmal eben nur) weitgehend rechteckigen Formaten zusammengesetzt werden? Wann fügen sich die vorwiegend aus Streifen aufgebauten Teile zu einem stimmigen Ganzen, und wann zerstört die Komposition bewusst jedes Zusammenspiel der Teile? Wer sich den Arbeiten aus einiger Entfernung nähert, meint zunächst, er bekomme es mit geometrischen Mustern zu tun, doch mehr und mehr tritt der Pinselstrich in den Vordergrund, der das konkret-minimalistische Bild in eine atmosphärische Schwingung versetzt, die in der unmittelbaren Begegnung dann für eine Tiefe sorgt, die nicht einfach als Raumgefüge vor dem geistigen Auge entsteht, sondern beim Betrachter selbst eine metaphysisch motivierte Hintergründigkeit in Gang setzt. Ordnung und Chaos, Perfektion und »non finito« halten sich in diesen starken Objekten die Waage. Das Ludwigshafener Wilhelm Hack Museum zeigt Werke Scullys aus den 1980er Jahren, die bereits in seinem Heimatland zu sehen war, wo sie auch konzipiert wurde – viele der nun zu sehenden Leihgaben stammen allerdings aus deutschen Sammlungen, u. a. aus München und Karlsruhe.