Ausstellungsbesprechungen

Segeln, was das Zeug hält! Hamburger Kunsthalle, bis 12. September 2010

Die Hamburger Kunsthalle machte jüngst eher durch Teilschließungs- und Kürzungsgerüchte auf sich aufmerksam, aber es gibt sie noch, die sehenswerten Ausstellungen diese Hauses. Stefan Diebitz hat sich die niederländischen Gemälde des Goldenen Zeitalters angesehen, die die maritime Sehnsucht wecken.

Spektakuläre maritime Gemälde erwarten den Besucher der Hamburger Kunsthalle, wenn er die Ausstellung »Segeln, was das Zeug hält!« besucht – Bilder, die den Kampf der Niederländer gegen die Engländer um die Vorherrschaft auf dem Meer dokumentieren, aber immer (und vielleicht zunächst und vor allem) die See abbilden: das still liegende Meer, den wilden Gischt, Wolken, Wind und Gewitterstimmung; und natürlich Segelschiffe, manchmal auf Reede liegend, nicht selten aber in der Schlacht. Große niederländische Kunst, vieles aus dem Eigenbestand des Museums, zu dem insgesamt neben anderen Leihgaben 17 Bilder aus dem Londoner National Maritime Museum kommen.

»Segeln, was das Zeug hält!« ist der Abschluss einer Reihe von insgesamt drei maritimen Ausstellungen und wurde wie die beiden Vorgänger von Martina Sitt betreut, die seit April diesen Jahres als Professorin in Kassel arbeitet. So ist diese Bilderschau auch ein würdiger Abschluss ihrer Hamburger Zeit.

Das 17. Jahrhundert war eine Zeit des Theaters, und theatralisch war vieles auch in der bildenden Kunst jener Jahre. Am eindrücklichsten demonstriert dies eine barocke Theatermaschine mit ihren rundlich gezackten Wogenkämmen, die das Museum in Bayreuth nachbauen ließ. Das eher niedliche Gerät erinnert aber wohl weniger an den Schrecken der See als vielmehr an das alljährliche Weihnachtsmärchen für Schulkinder, und die bildende Kunst ist ganz sicher viel realistischer und dazu großartiger. Aber auch in ihr findet sich Theatralisches. Die zahlreichen Schlachtengemälde sind keinesfalls als Dokumentationen zu werten, auch wenn sie sich gelegentlich so aufspielen und durchaus dokumentarische Elemente enthalten. Zunächst und vor allem sind die Bilder Inszenierungen eines dramatischen Geschehens, und die Maler sind die Regisseure, die mit Hilfe von Klippen einen Außen- und einen Innenraum aufbauen, mit horizontalen Licht- und Farbwechseln den Raum in die Tiefe führen und nicht zuletzt ganz gerne dramatisieren: bei den wildzerklüfteten Stränden wie bei den blitzdurchzuckten Gewitterhimmeln.

Höchst eindrucksvoll ist ein solcher stürmischer Himmel auf einem Gemälde von Ludolf Backhuysen (1630 – 1708) dargestellt, das Fischer zeigt, die eben noch, bevor der Sturm seine volle Kraft entwickelt, ihr Boot auf den Strand ziehen konnten. Dramatisches Geschehen ganz anderer Art zeigt ein Gemälde desselben Meisters, das den niederländischen Angriff auf die englische »Royal Charles« zum Thema hat. Dieses Bild ist nur eines von zahlreichen Schlachtengemäden, für die jene Theatralik ganz besonders angesprochen werden muss. Die ingeniöse, sich niemals wiederholende Variation der immer selben Schlachtenmotive zieht in dieser Ausstellung den Betrachter ebenso in seinen Bann wie das staunenswerte handwerkliche Geschick der großen Meister. Allerdings, dieses Können fiel auch nicht vom Himmel. Der Pinsel musste erst „flüssig“ werden, wie es die Kuratorin nannte. Aber dann wurden die verschiedenen Gestalten der See – von „Todesstille fürchterlich“ bis hin zu den Brechern an einer Felsenküste – mit größtmöglicher Virtuosität dargestellt.

Entdramatisiert allerdings wurde auch, und zwar vor allem bei der Darstellung der Kämpfe auf See, die wohl nicht allein ebenso grausam, sondern vielleicht noch grausamer waren als die Schlachten auf dem Land. Auf einigen Bildern sieht man Menschen im Wasser schwimmen oder kleine Figuren über Bord springen, aber das Sterben ist nicht das Thema dieser Bilder. Freilich wurde dann und wann ein Mönchlein als Zeichen der Hoffnung eingeschmuggelt, oft rechts unten auf dem Land, von wo er auf das Schlachtengetümmel schaut.

Dramatik besonderer Art bietet Willem van de Veldes d. J. (1633 – 1707) sehr großformatiges Bild »Die ‚Golden Leeuw’ in der Seeschlacht vor Texel«, aber auch dieses Bild verschweigt schon wegen der Dunkelheit von Himmel und See die Grausamkeiten und stellt allein das prachtvolle niederländische Schiff in das volle nächtliche Licht, in dem seine geblähten Segel unwirklich leuchten. Für mich ist es eines der schönsten Bilder der Ausstellung.

Auf eine ganz besondere Weise dokumentarische Verdienste erworben hat sich Reinier Nooms, gen. Zeeman (1623 – 1688), der in einer Folge von acht Radierungen eine Seeschlacht vom In-Linie-fahren der Kriegsschiffe bis hin zu dem Kranken und Sinken eines feindlichen Schiffes vor unseren Augen entstehen lässt. Aber bei den meisten Bildern sieht man ein schwer durchschaubares Kuddelmuddel, etwa bei Abraham Storcks (1635 – 1710) Gemälde der Vier-Tages-Schlacht (1.-4. Juni 1666), wo die düstere See sich auf das spektakulärste abhebt von einem gelb-weißlichen, von Pulverdampf und Qualm durchzogenen Himmel.

Im Anschluss wird diese schöne Ausstellung in die eben erst neu eröffnete Villa Vauban in Luxemburg gehen (11.12.2010 – 27.03.2011), wo die Sehnsucht nach dem Meer noch größer sein soll als in Hamburg.