Buchrezensionen

Sibylle Lichtensteiger, Aline Minde, Detlef Vögeli (Hrsg.): Dramaturgie in der Ausstellung – Begriffe und Konzepte für die Praxis, Transcript 2014

Dass verschiedene Ausstellungsbesucher verschiedene Dinge sehen, ist sicherlich unbestritten. Doch wie reagieren Kuratoren auf dieses unterschiedliche Erleben und wie können sie ihr Anliegen trotzdem vermitteln? Dieser Frage geht der Sammelband des transcript-Verlags nach. Ob er eine Antwort findet, verrät Gabriele Beßler.

Wie sich die Aussagen gleichen: Im »Perlentaucher« war am 24. November 2014 über die Hamburger Inszenierung von Lenz' »Deutschstunde« zu lesen, dass sämtliche Kritiker das »Bühnenbild mit einem schroffen Winkel, in dem die Schauspieler mit der Schwerkraft ringen« für interessant hielten, sich aber uneins in der [inhaltlichen] Bewertung des Abends seien. Demgegenüber staunte Andreas Kilb in der ZEIT vom 21. Juni des Jahres über den Erfindungsreichtum der Kuratoren und Szenografen angesichts der Raumerlebnisse in der Aachener Ausstellung »Karl der Große«: besonders über die Animationen der Gebäude, Städte, Innenräume jener Zeit. »Es sind natürlich idealtypische Rekonstruktionen, Avatare ohne Gebrauchsspuren; und doch werden wir ihren Anblick nicht los.« Dieser Eindruck überstrahlte wiederum Kilbs inhaltliche Kritik an der Schau.

Das Streben nach Raumerleben hat, so scheint es, die Ausstellung mittlerweile in eine Bühne verwandelt. Mit der Problematisierung dieses evidenten Phänomens hat sich das Stapferhaus – ansonsten auf Ausstellungen zu abstrakten Fragestellungen spezialisiert – in einer Arbeitstagung bzw. im hier vorgestellten Buch auseinandergesetzt. Im schweizerischen Lenzburg stand das Ringen der Museen jedweder Couleur um die gleichermaßen publikumswirksame wie zeitgemäß publikumsbildende Darbietung ihrer Themen bzw. Objekte im Mittelpunkt. Die Diskussion ist ja in Deutschland nicht zuletzt hinsichtlich des Humboldtforums im Berliner Schloss besonders virulent.

Die Beiträge der beteiligten Kuratoren, Szenografen, Filmschaffenden, Historiker und Kunstpädagogen u.v.m. versuchen sich in einer bemühten, bisweilen etwas verwirrenden Bestandsaufnahme nicht nur historischer Wurzeln aktueller Präsentationsformen bis hin zu den mäandernden Parallelen zwischen Museen und Supermarktdisplays. Vor der Zeit der Erfindung der Spartenmuseen war Inszenierung bereits einer der repräsentativen Haupttriebfedern der fürstlichen Kunst- und Wunderkammern in Renaissance und Barock: Nicht auf das einzelne Objekt kam es an, sondern auf die Orchestrierung des Gesamten.

Werner Hanak-Lettner beschreibt zwar einen weiteren Ursprung im von Giulio Camillo vielleicht um 1530 gebauten Gedächtnistheater, setzt dann aber fälschlicherweise »die Theatralisierung der Wissenschaft« im Zusammenhang mit den Kunst- und Wunderkammern erst mit Leibniz im 17. Jahrhundert an. (S. 33) Ganz zweifellos jedoch haben dessen Ideen zur Umwandlung der brandenburgischen Kunstkammer in Berlin in ein 'Theatrum Naturae et Artis', an dessen Theorie sich im Übrigen auch die Szenografie des Humboldtforums weitgehend orientieren will, den aktuellen Gedanken der Ausstellungsdramaturgie vorweg genommen.

Eine entscheidende Etappe im Neuerfinden des Zeremonienmeisters, sprich neudeutsch: Kurators – einst in den Kunstkammern »Inventoren« genannt –, gelang bekanntlich aber dann im 20. Jahrhundert und im Bereich der Kunst durch Harald Szeemann. Hier ergänzten sich die Sensibilität eines Museumsmannes mit dem Aufkommen der Invironments und Installationen internationaler Künstler. Fürderhin wurde es auch für andere Kunst- und vor allem kulturhistorische Museen interessant, raumkompatible bzw. wahrnehmungsrelevante Erzählformen zu finden, die über das reine Zeigen und Erklären hinausgehen sollten.

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Natürlich erfolgte die Etablierung der szenografischen Zunft in den europäischen Museen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten – ein genauer Vergleich steht da noch aus – aber je mehr wissenschaftliche Kuratoren dazu übergingen, Gestalter mit ins Boot zu holen, um so mehr wuchs die Schwierigkeit, den roten Faden einer Narration im Focus zu behalten. In Ergänzung zu den Kuratoren, die manchmal zu sehr dem Korsett der Chronologie und der Klassifizierung verhaftet waren und die Dekontextualisierung der Dinge aus ihrem einstigen Rahmen »verdrängt« hatten, brachten Szenografen einen für das neue Ausstellen notwendigen, eher unvoreingenommen Blick ins Spiel. Auch dazu liefert der Übersichtsband Hintergründe, z.B. in Fragestellungen wie: Wer hat die Regie? Im Gegensatz zum Theater ist sie im Museum ja aufgeteilt und genau darin scheint oftmals die Crux angesichts manch fragwürdiger Präsentationen zu liegen.

Konkret beschreibt etwa der niederländische Szenograf Herman Kossmann das mitunter schwer erreichbare Ziel, Ausgeglichenheit von Wissen und Erfahrung in ein Ausstellungskonzept einzubringen. Interessant auch sein Credo, wonach es bei der Planung und Vorbereitung nicht darum gehen dürfe, die Realität zu kopieren, sondern eine neue für den Ausstellungsraum zu schaffen. Eindeutig aber plädiert er dafür, dass »Form und Inhalt untrennbar miteinander verknüpft« sein müssten (S. 120). Eine kuratorische Sichtweise repräsentiert etwa die Ausstellungsmacherin Monika Lepp im spannenden Kapitel »Diesseits der Narration – Ausstellen im Zwischenraum«, wenn sie über die Rolle der Objekte bzw. deren Betrachter konstatiert, dass letztere oft ihren eigenen Augen weniger trauten als dem Objektlabel, suchten sie sich doch stets in begleitenden Texten, Legenden, Audioguides oder Einführungs- und ähnlichen Begleittexten zu vergewissern. »Die Wissensdiskurse, so kritisiert sie ihre eigene Zunft, träten »als die eigentlichen Träger der Narration in Erscheinung. Sie bilden die unverrückbare Voraussetzung für die sogenannte Lesart der Objekte.« ( S. 111)

Für die Mündigkeit der Besucher bzw. für das Vertrauen in das Objekt setzt sich denn auch die freie Kuratorin Lisa Noggler-Gürtler ein: Ohne Scheu solle man »das Spekulative, das Unsichtbare und Vage« in den Mittelpunkt der Ausstellung stellen. »Indizienketten« sollten zum Konzept erhoben und der Betrachter so aktiv eingeladen werden, neue Bilder zu generieren. (S. 88) Frank den Oudsten schließlich, Professor für Szenografie in Zürich, führt zumindest sprachlich zusammen, was sich im Dreidimensionalen so oft als sperrig erweist:»Der narrative Raum ist ein Fenster, in dem sich die Erzählung fließend und im Vorübergehen entfaltet, ein Intervall, in dem der Erzähler und der Zuhörer zueinander finden. Ein Schnappschuß, Blick und Augenblick zugleich.« (S. 28) Soviel wird deutlich: Optimal wäre es, wenn es Kuratoren im Einklang mit den Gestaltern gelänge, die eigentliche Bühne im Kopf des Betrachters zu entfalten.