Kataloge, Buchrezensionen

Silke von Berswordt-Wallrabe/ Alexander Klar/ Ingrid Mössinger (Hrsg.): Abbas Kiarostami - Stille und bewegte Bilder, Hatje Cantz 2012

Cineasten werden den Namen des vielfach ausgezeichneten Filmemachers Abbas Kiarostami kennen. Als Fotograf hingegen dürfte der iranische Regisseur und Lyriker bei uns bislang eher unbekannt sein. Die Bochumer Situation Kunst (für Max Imdahl) präsentiert nun seine erste Einzelausstellung von Fotografien im deutschsprachigen Raum, nebst einigen Video-Arbeiten. Den Katalog zur Ausstellung stellt Ursula Siepe vor.

Im Kulturhauptstadtjahr Ruhr.2010 wurde das Ensemble Situation Kunst (für Max Imdahl) der Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum um ein Gebäude für Wechselausstellungen, den »Kubus«, erweitert, der seitdem auch Ausgangspunkt von Wanderausstellungen in Kooperation mit anderen deutschen Museen ist. Die aktuelle Ausstellung »Stille und bewegte Bilder« zeigt bis zum 20. Januar 2013 neben drei neueren Video-Kurzfilmen und der Video-Installation »A Summer Afternoon« (2006) Fotografien des 1940 geborenen Iraners Abbas Kiarostami aus seinen Werkgruppen »Snow White« (1978-2004) und »Rain and Wind« (2006/07).

Mit »Anmerkungen zur Fotografie« kommt im Ausstellungskatalog zunächst Kiarostami selbst zu Wort. In ausgewählten Interviewpassagen fallen die Stichworte, die für sein Gesamtwerk zentral sind: »Die Welt durch einen Rahmen zu betrachten ist eine permanent notwendige Übung [...] So ist die Fotografie wahrscheinlich eine Basisnotwendigkeit für den Filmemacher, vor allem, weil sie sehen lehrt«. Doch ist das Fotografieren für ihn auch eine eigenständige Technik, um Naturerfahrungen mitzuteilen. »Man kann«, sagt Kiarostami, »eine Landschaft hundert Mal und öfter durchqueren, um dann eines Tages plötzlich von ihr angezogen und ergriffen zu werden. [...] Die Fotografie ist das einzige Mittel, das uns den Luxus erlaubt, solche einzigartigen Momente ewig festzuhalten.«

Die Funktion der Bildrahmung in den Arbeiten des iranischen Autorenfilmers analysiert Oliver Fahle in einem filmtheoretischen Katalogbeitrag. Die Kadrierung ist konstitutiv für das Wechselspiel von Innen und Außen sowie von Sichtbarkeit und Verborgenheit. Ein Charakteristikum der Filme Kiarostamis ist es, derartige Organisationsprinzipien im Medium selbst zu reflektieren, das so den eigenen Entstehungsprozess visualisiert.

In Bochum sind es die mit stehender Kamera aufgenommenen Videos Kiarostamis, die die grundsätzliche Ausschnitthaftigkeit des Kamerablicksoffenbaren. Jedoch gibt es auch ein Video (»Roads of Kiarostami«, 2005), das den eigentlich statischen Rahmen von Fotografien dynamisiert –»elastisch« werden lässt –, indem die Videokamera fotografierte Straßenverläufe abfährt und in Überblendungen zusammenführt. Silke von Berswordt-Wallrabe beschreibt im Haupttext des Katalogs diese Verhältnisse sehr anschaulich; und da der Katalog auch eine Reihe von Standbildern der Videos wiedergibt, bekommt der Leser einen lebendigen Eindruck von der Faszinationskraft dieser Arbeiten Kiarostamis.

»Zwischen Stille und Bewegung« hat Silke von Berswordt-Wallrabe ihren Aufsatz übertitelt, was nicht allein die Differenz zwischen Foto und Film bezeichnet, sondern wohl ebenso auf die Gegensätzlichkeit der beiden präsentierten Fotoserien anspielt. Ganz still sind Kiarostamis Schneebilder. Der Schnee verdecke alle Eingriffe des Menschen in die Natur, sagte Kiarostami in einem Interview, und man denkt vielleicht an: »Still wie der Schnee lag Ruhe dort« aus Robert Walsers »Schneewittchen«-Dramolett.

Das Foto auf Seite 23 des Katalogs zeigt auf seiner Mittelachse gestaffelt eine Viererreihe von dürrem, blattlosem Strauchwerk – vielleicht aber sind es auch die Äste und Zweige kleiner Bäume, deren Stämme im tiefen Schnee verborgen bleiben. Vermutlich ist das Bild aus erhöhter Position aufgenommen – vielleicht aber stehen die Pflanzen an einer Steigung. Der Betrachter hat keinen Anhaltspunkt, da dieses wie alle anderen Fotos keinen Titel hat, darüber hinaus gibt es keinen Horizont oder sonstige Verweise auf den umgebenden Raum; nur eine Ahnung der Zeit: Die Büsche oder Bäumchen werfen lange, schmale Schatten, die im rechten Winkel bis über den rechten Bildrand hinaus reichen. Vom linken Bildrand fallen zwei gleichartige Schatten bis zur Bildmitte. Da eine Schneeoberfläche kristallin, also nicht spiegelglatt ist, ist der Schattenwurf vielfach gebrochen und legt sich ganz weich und licht auf den Schnee. Wie eine japanische Tuschmalerei, die mit größtem Asketismus zarte Linien auf die Fläche setzt, mutet dieses Foto an.

Fortsetzung von Seite 1

Auch das auf dem Foto von Seite 31 Abgebildete lässt sich topografisch nicht lokalisieren. Im Gegensatz zum vorherigen aber hat es einen narrativen Charakter: Etwa auf der Höhe des Goldenen Schnitts erhebt sich in der Bildmitte ein Baumstamm bis zum oberen Bildrand. Die Baumkrone sehen wir als großflächigen ovalen Schatten. Eine Diagonale, die den Stamm kreuzt, durchläuft das Bild: eine Schneeverwehung? Eine Furche im Grund? Eine überschneite Spur? Vom unteren Bildrand läuft eine tiefere Spur diagonal auf den Stamm zu. Vielleicht hat sie ein Mensch hinterlassen?

In einigen Bildern der »Snow White«-Serie deutet der Schattenwurf die Landschaftsformation an, in wieder anderen sind Spuren, die Mensch oder Tier hinterlassen haben, zu erkennen: Verweise auf Ephemeres, die, wie Silke von Berswordt-Wallrabe schreibt, »den anfänglichen Eindruck von Stille und Stillstand relativieren«. Und doch: Die Schneelandschaften Kiarostamis scheinen ein »nunc stans« hervorzurufen: das plötzliche Aufscheinen eines Ewigen in der Gegenwärtigkeit.

Dieser Ästhetik des Statischen steht die Dynamik der Serie »Rain and Wind« gegenüber. Wie es im Vorwort heißt, könnten diese Bilder »Filmstills aus einem Road Movie« sein. Sie sind aufgenommen durch eine Windschutzscheibe, und zwar bei Regen, wobei der Regen Objekt und Medium zugleich ist: Fotomotiv und Linse, durch die alles Davorliegende gesehen wird. Die Windschutzscheibe ist nicht erkennbar, etwa indem man ihre Begrenzung sieht; es ist Erfahrungswissen, das uns diese Angabe glauben lässt.

Klar sehen wir Rinnsale, Schlieren, bisweilen vom Wind schräg über die Scheibe getrieben, und einzelne Regentropfen, von der Kamera eingefangen und sistiert, just bevor sie zerfließen werden. So entsteht – virtuell – im Stillstand Bewegung. Alles durch die Tropfen hindurch Gesehene wird diffus. Die Konturen von Gebäuden, Fahrzeugen, Straßen lösen sich auf bis hin zu scheinbar gegenstandslosen Farbflächen, in denen Lichtquellen wie – teils noch erkennbar, teils der Ahnung nach – rote Ampellichter im Trüben des Regenwetters Farbakzente setzen.

Wer nicht die Möglichkeit hat, in Bochum oder anschließend im Museum Wiesbaden und in den Kunstsammlungen Chemnitz die Ausstellung zu besuchen, dem sei der begleitende Katalog empfohlen, um Kiarostami besonders auch als Fotografen kennen zu lernen. Mit den exzellent reproduzierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen der »Snow White«-Landschaften und den Farbfotografien der Regen-und-Wind-Serie ist der besprochene Band eine Kostbarkeit, die dazu einlädt, sich immer wieder in die Stille der ort- und zeitlos »ewigen« Schneebilder zu versenken oder in den flüchtig impressionistischen Bildern der »Rain and Wind«-Serie den Erscheinungsformen und der optischen Gestaltungskraft des Regens mit Erstaunen und Freude zu begegnen.