Buchrezensionen, Rezensionen

Silvia von Bennigsen/Irene Gludowacz/Susanne van Hagen u.a. (Hg.): Kunst Global, Hatje Cantz Verlag 2009

Wenn man von Globalisierung spricht, denkt man dabei meist an wirtschaftliche Phänomene. Aber wenn man sich klar macht, dass es bei Globalisierung grundsätzlich um internationale Kommunikation und Austausch geht, wird schnell ersichtlich, dass auch Globalisierung und Kunst einander keineswegs ausschließen. Um das Verhältnis der beiden zu- und die Schwierigkeiten miteinander geht es in dem Buch »Kunst Global«, das Günter Baumann näher unter die Lupe genommen hat.

Manche haben es schon immer gewusst: Die neue Kunst kommt aus Leipzig! Oder ist es doch Berlin, wo gefühlte 80 Prozent der deutschen Künstler recht und schlecht leben und arbeiten? Ganz falsch, die Zukunft liegt in China! Oder war es zwischenzeitlich Indien, das uns die große Kunst verriet? Die Emirate als Geheimtipp? Moskau? Das Karussell der Kunst, das uns noch vor nicht allzu langer Zeit die bunten Pferde aus den USA und Europa vorgeführt hat, hat an Tempo zugenommen, und statt den letztlich europäischen Farben der alten und neuen Welt wird uns nun das irrlichternde Flackern nicht allein dieser, sondern auch der eurasischen, nahöstlichen, mittel- und fernöstlichen sowie afrikanischen Welten vors Auge gesetzt, dass einem ganz schwindelig wird. Kunst ist global. Warum auch nicht: Sie ist so global wie das Leben, zumindest in seiner wirtschaftlichen Dynamik. Ob wir das gut finden oder nicht, ändert nichts an dem Sachverhalt. Freilich, die Kunst wird – immer und überall – zu Hause gemacht, aber der Markt ist geöffnet (wie alle Märkte), was heißt, dass sich darin allerhand bislang fremde Kunst tummelt.

Vor zwei Jahren hat der Verlag Hatje Cantz nach der »Kunst global« gefragt, nicht theoretisch, sondern dort, wo Kunst umgesetzt wird – bei Künstlern, Sammlern, Museen, Galerien, Auktionshäusern bzw. Messen und Unternehmen. Die Fragen wie die Antworten sind heute genauso aktuell wie damals, zumal auch da die Frage etwa nach dem Sinn nationaler Pavillons auf der Venedig-Biennale im Raum stand, die jetzt wieder wie ein Selbstläufer im Zweijahresrhythmus die Medien erfüllt. So rasant kann also das Treiben nicht sein, obgleich einer der befragten Künstler, der für die globalisierte Welt steht wie kaum ein zweiter, Ai Weiwei, inzwischen als mundtot gemachter geistiger Freigänger in die eigenen nationalen Schranken verwiesen worden ist. Die globale Welt ist offenbar kein freies, sondern ein offenes System, das wenig durchsichtig, in sich widersprüchlich und unberechenbar ist.

Wer schon die Globalisierung an sich nicht in den Griff bekommt, wird auch keine Gewissheit haben, inwiefern und ob sie die Kunst verändert – zuweilen mahlen die Mühlen ja genauso langsam wie eh und je, und das globale Dorf wurde (etwa von Marshall McLuhan, dessen 100. Geburtstag man zur Zeit feiern kann) proklamiert, als noch niemand etwas mit dem Begriff der Globalisierung anzufangen wusste. Wer weiß, vielleicht sitzen in diesem Dorf nur mehr Nachbarn nebeneinander, die heute genauso wenig voneinander wissen wie in Zeiten, als es scheinbar nur zwei Nachbarn gab – denn auch das ist klar: Die Kunst ist lange schon global und war etwa auf der Documenta schon gegenwärtig, als die Diskussion über die weltweiten Vernetzungen weniger hitzig geführt wurde als heute. Zudem sei daran erinnert, welch Einfluss die afrikanische Volkskunst auf den Expressionismus hatte u.a.m.

Der von Silvia von Bennigsen, Irene Gludowacz und Susanne van Hagen herausgegebene Band macht schon in der Anlage deutlich, dass es eine befriedigende Antwort auf die Frage nach der globalen Kunst nicht gibt, genauer gesagt: Es gibt rund 40 Repliken auf das problematisierte Thema, die erfrischend undurchsichtig, in sich widersprüchlich und unberechenbar sind. Die amerikanische Galeristin Claudia Cellini (The third Line, Dubai) glaubt beispielsweise, »dass Dubai als Standort einer Kunstszene, einer Kunstbewegung, großes Potenzial hat – auch das Potenzial, den Blick der Menschen auf die aktuellen Entwicklungen und das Selbstverständnis der gesamten Region zu verändern«. Ihr Landsmann Arne Glimcher, der eine Galerie in New York und Peking betreibt, meint dagegen lapidar: »Von einer Kunstszene in den Emiraten weiß ich nichts«. So kann es gehen, die Kunst verändert sich (wann hätte sie sich nicht verändert?) und keiner weiß, wie und wo. Es bedürfte prophetischer oder gar herkulischer Fähigkeiten, um aus einer wie auch immer eingeschränkten Perspektive auf fremde Kulturräume und deren Einfluss- oder Aufnahmevermögen zu schließen. Da kann man sich weltzugewandt geben wie die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz, die aus dem »permanenten Austausch mit jungen Galeristen und Künstlern«, den sie pflegt, schon den Eindruck vermittelt, als wüsste sie, wo es lang geht, nämlich zum Gesamtkunstwerk. Dann wäre die Kunst etwa so weit, wie sie vor rund hundert Jahren bereits war. Solche Prognosen wirken banal, tragen aber auch dem Umstand Rechnung, dass die globale Idee nicht immer tiefgründig sein muss.

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Dennoch ist das Buch unverzichtbar, um das Thema überhaupt als Fundgrube für international, -medial und -kulturell fluktuierende Gedanken aufzubereiten. Grandios ist hier das Interview mit dem indisch-niederländischen Sammler Rattan Chadha, der den Tellerrand fokussiert, über den die Kunst zu schauen hilft. Abgesehen davon habe die Kunst das Zeug dazu, weltweit die Begierden zu befriedigen in einer Zeit schwächelnder Finanzmärkte und einer ansonsten satten – wenn auch gehobenen – Gesellschaftsschicht, die schon alles hat, außer Kunst. Den Galeristen schreibt Chadha, der seit 2010 die Liste der reichsten Amsterdamer anführt, eine besondere Rolle zu bei der Vermittlung, ähnlich wie der Hamburger Harald Falckenberg, der die Kunst beherzt und mit köstlicher Ironie im Schmelztiegel aus Lifestyle und Minderheitenschutz umrührt: »Bei einer Globalisierung des Kunstbetriebs, die immer das Letzte, das Äußerste, das Größte und das Neueste herausbringen will, ist es schwierig, individuelle Maßstäbe anzulegen und Haltung zu bewahren.« Falckenberg bringt auf den Punkt, was die vielen anderen Wortführer im Buch summa summarum unterstreichen. »Die Kunst ist längst im Zentrum des Spektakels angelangt. Diese gesellschaftliche Entwicklung hat eine Dynamik und Tiefe erreicht, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Kunst lässt sich nicht verordnen. Wir sollten das Bester aus ihr machen, jeder auf seine Art.«
Man mag der »Kunst Global« mit der Lektüre der Interviews nicht unbedingt näher kommen, aber sowohl die Lebendigkeit der schönsten aller journalistischen Techniken als auch der persönliche Zugang machen das Buch zu einem Erfahrungsschatz, aus dem man im Idealfall »seine Art«, damit umzugehen, füttern kann.

Die weiteren Beiträger des Bandes sind: John Baldessari, Jagdish Bhagwati, Peter M. Brant, Eli Broad, Francesco Buranelli, Jean-Marc Bustamante, Yves Carcelle, Maurizio Cattelan, Dong Jo Chang, Lisa Dennison, Lourdes Fernández, Arne Glimcher, John Good, Marat Guelman, Ulrich Guntram, Stefan Horsthemke, Guillaume Houzé, Dakis Joannou, John Kaldor, Jitish Kallat, Mohamed Abdul Latif Kanoo, Oleg Kulik, Pearl Lam, Ronald S. Lauder, Gerd Harry Lybke, Igor Markin, Vik Muniz, Simon de Pury, Jacqueline Rabouan, Neo Rauch, Thaddaeus Ropac, Kiki Smith, Marc Spiegler, Robert Storr, Janaina Tschäpe, Marc-Olivier Wahler, Guan Yi.

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