Rezensionen

Simon Njami/Sean O’Toole (Hg.): The Journey – New Positions in African Photography. Kerber Verlag

17 herausragende Positionen zeitgenössischer afrikanischer Fotografie auf einen Blick. »The Journey« begleitet die vielfältigen Praktiken junger Künstler*innen und bietet einen bildlichen Querschnitt aus Äthiopien, der Demokratischen Republik Kongo, Elfenbeinküste, Ghana, Kenia, Mosambik, Nigeria, Südafrika und dem Sudan. Eine Reise durch Afrikas Fotografielandschaft und einen noch immer unbekannten Kontinent, rezensiert von Sabrina Tesch.

The Journey Cover © Kerber Verlag
The Journey Cover © Kerber Verlag

 Leidenschaft und Energie sind deutlich spürbar, Ehrlichkeit und Desillusion wirken ebenso mit. Auf 342 Seiten beleuchtet »The Journey« 17 Positionen junger afrikanischer Fotograf*innen. So unterschiedlich die Bildwelten aber auch sind, eines haben sie gemeinsam: Alle Künstler*innen absolvierten die »Photographer’s Masterclass«, ein zehnjähriges Mentorenprogramm (2008–2018) von Kurator Simon Njami (*1962), der die gemeinsame Reise als Buch, als Ergebnis, zum Ende der Masterclass, herausgab. Unterstützt wurde das Projekt vom Goethe–Institut Südafrika, 13 Aufsätze zur afrikanischen Fotografie ergänzen das Buch.

Theorie und Praxis der Fotografie wurden in der Masterclass vertieft und ausgereift, so dass sich die Künstler*innen selbständig weiterentwickeln konnten. »But what does it mean to be a self–taught photographer on a continent with so few photography schools?« ist die einleitende Frage der Herausgeber. Und tatsächlich: »The Journey« ist mehr als ein reiner Bildband, die Publikation gewährt einen einfühlsamen, gar intimen Blick auf das Leben und die Menschen in Afrika. Die 17 verschiedenen künstlerischen Positionen münden in 17 verschiedene Sichtweisen, Stile, Arbeitsweisen und Formate.
Die Protagonisten öffnen darin ihr Zuhause, zeigen das Leben aus einer Perspektive, die zwar nachdenklich, gleichzeitig aber auch lebensbejahend wirkt. Im Gegensatz zu europäischen Künstler*innen haben die heimischen Fotograf*innen keine Distanz zu ihrer Lebenswelt, können daher wirklich hinter den Vorhang aus kulturellen Differenzen blicken und sehen, was dem westlichen Auge verborgen bleibt.

© Mário Macilau: Invisible Faith
© Mário Macilau: Invisible Faith

In Europa ist afrikanische Fotografie noch etwas Neues, Unbekanntes. Zwar fand die Fotografie als künstlerisches Medium ihren Weg in die Kulturgeschichte erst im 20. Jahrhundert, für Afrika war der Weg zum fotografischen und somit künstlerischen Ausdruck sogar noch schwieriger und herausfordernder. Die Kunst des südlichen Kontinents ist daher anders geprägt, Möglichkeiten und Perspektiven differenzierter als in Europa. Abseits von der Tradition und den Reglements der europäischen Kunstgeschichte versuchte die »Photographer’s Masterclass« bereits fortgeschrittenen afrikanischen Fotografen eine Möglichkeit zu bieten, ihren eigenen, unabhängigen künstlerischen Ausdruck zu entwickeln. Der technische Aspekt bleib dabei hintenangestellt, es ging um den Inhalt der Darstellungen. Mittels Diskussionen, kritischem Hinterfragen und dem Vernetzen mit anderen Fotografen und Kuratoren konnten neue Sichtweisen und Perspektiven für das eigene Schaffen der jungen Künstler*innen eröffnet werden.

Fotografie ist heute ein wichtiges Mittel für die Kunst und den Alltag – mit einem Klick hält sie das Leben fest und stellt eine Bühne dar, die zeigt, kritisiert, überspitzt, bestenfalls sogar zum Nachdenken anregt. Das Ergebnis ist ein inszenierter Alltag in Bildern, der dennoch Raum für Fantasie und Interpretation lässt. So ist Fotografie mehr als das Einfrieren eines kurzen Moments, sie ist die Visualisierung von Narrativen, vielleicht von einer Geschichte. Ähnlich ist auch in Afrika die junge Kunstform allmählich zu einem bedeutenden Bestandteil geworden, um das Leben und die dortige Lebenswelt zu transportieren und Transparenz für ein gesellschaftliches Verständnis zu schaffen.
Viele Regionen des »vergessenen Kontinents« sind nach wie vor gezeichnet von Bürgerkriegen. Auf Frieden wartet man seit Jahrhunderten vergeblich, Kriege, Hungersnöte und Krankheiten – als Resultate der Kolonialisierung – beherrschen noch immer viele Teile Afrikas. Das Land ist gezeichnet, was in einigen der Fotografien von »The Journey« deutlich spürbar wird.

© Macline Hien: Cicatrice, from the series Cicatrices, 2013
© Macline Hien: Cicatrice, from the series Cicatrices, 2013

Sammy Baloji (*1978) zeigt etwa in seinen Arbeiten das Leben in der Demokratischen Republik Kongo hautnah und unverstellt. Die abgelichteten Personen gewähren tiefe Einblicke in ihren Alltag, zeigen wie und wo sie arbeiten, wie und wo sie wohnen. Was dabei sofort auffällt: Alle blicken direkt in die Kamera, treten in Dialog mit dem Betrachter, niemand lächelt. Eine beklemmende Atmosphäre macht sich breit. Da Baloji Humanwissenschaften studierte können seine Arbeiten vielleicht als anthropologische Studien gelesen werden.

Macline Hiens (*1970) Bilder wirken hingegen entrückter. Physische Nähe gibt es hier kaum, vielmehr baut die Künstlerin bewusst eine Distanz zwischen Betrachter und Bildinhalt auf. Das mag daran liegen, dass die Protagonisten von hinten zu sehen sind und ihrerseits auf einen schwarzen Vorhang blicken. Der Effekt erinnert an eine Art Bühnenstück, nur in die verkehrte Richtung. Die urbane Welt hinter den Vorhängen ist reduziert und düster, kleine Häuser aus Stein mit wenigen Fenstern und Bäume sind erkennbar, das wenige Gras ist in vielen Fällen abgestorben. Der Hintergrund lässt das Sujet noch weiter entrücken und auch bedrücken, ebenso wie das touristische Bild vom fröhlichen und bunten Afrika, das hier negiert wird.

Auch Thabiso Sekgala (*1981) veranschaulicht in seinen Fotografien ein desillusioniertes Afrika, genauer: Südafrika nach der Apartheid. Menschen mit ernsten Gesichtern, die in die Kamera oder vorbei blicken finden ihr visuelles Echo in einer kargen Landschaften mit Industrie und Gleisen. So dystopisch die Bilder anmuten, so spiegeln sie doch die Realität wider – ungestellt, echt, zufällig. Sekgala, der mit nur 33 Jahren in Johannesburg Selbstmord beging hat eindrucksvolle Arbeiten hinterlassen, die sich mit Heimat und Identität auseinandersetzen. Ungefilterten lassen sich die Gefühle auf den Gesichtern seiner Protagonisten ablesen: Trauer und Ernüchterung überall, Hoffnung sucht man vergebens.

© Thandiwe Msebenzi: Kwawze kube nini, 2015
© Thandiwe Msebenzi: Kwawze kube nini, 2015

Alle Abbildungen von »The Journey« erzählen von der Gegenwart, zeichnen ein Bild des heutigen Afrika und vom Leben auf diesem noch verlorenen Kontinent. So bleiben sie auch in der Zukunft relevant. Das Buch ist demnach nicht nur als zeitgeschichtliche Dokumentation ein wichtiger Aspekt der Arbeit der Masterclass, denn neben Hintergrundwissen zur afrikanischen Fotografie vermittelt es Gefühlswelten von Afrikaner*innen vor und hinter der Kamera. Es zeigt uns den Blick der Afrikaner auf ihr Afrika, heimisch, intim, hoffnungsvoll aber zugleich auch kritisch und nachdenklich. Dabei entwickelte jeder der gezeigten Fotograf*innen eine eigene persönliche Bildsprache, die es wagt sich inhaltlich, kompositorisch und in den Farben mutig von einer europäischen Tradition zu unterscheiden. »Der Erfolg der Photographers’s Masterclass zeigt sich in diesem Buch, das hoffentlich einen Beitrag dazu leisten kann, wie Afrika sich selbst sieht und wie Afrika von anderen gesehen werden könnte«, betont Klaus Krischok vom Goethe–Institut Südafrika im Vorwort. So ist »The Journey« vielleicht der Beginn einer Reise, von einem Afrika der Gegenwart in ein Afrika der Zukunft.


Simon Njami/Sean O’Toole (Hg.)
The Journey – New Positions in African Photography
Kerber Verlag
ISBN 978–3–7356–0682–2
21,5 × 28 cm
342 Seiten
145 farbige und 56 s/w Abbildungen
Sprache: Englisch

Texte von: Akinbode Akinbiyi, Lucienne Bestall, Nicola Brandt, Frédérique Chapuis, John Fleetwood, Emmanuel Iduma, Simon Njami, Sean O’Toole, Katrin Peters–Klaphake, Cara Snyman 

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