Kataloge

Simone Twiehaus: Hessisches Landesmuseum Darmstadt. Zeichnungen Bolognas und der Emilia 16. bis 18. Jahrhundert in der Graphischen Sammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt, Bestandskat., Kehrer Verlag, Heidelberg 2005.

Die Kunstgeschichte teilt den überwältigenden Reichtum der italienischen Kunst, der auf uns gekommen ist, traditionell in Kunstlandschaften ein und spricht von „Schulen“, wenn es um regionale Einteilungen geht.

Es macht nachdenklich, dass solche territorialen Bezugsgrößen im Zeitalter einer enthemmten Globalisierung womöglich in Frage gestellt werden könnten. Jeder, der sich mit der Geschichte Italiens zu beschäftigen beginnt, weiß sehr bald, dass dieses Land wie kein zweites von jeher dadurch ausgezeichnet ist, dass es kontinuierlich von einer Vielzahl an parallelen urbanen Kulturen geprägt war. Städtelandschaften und die regionalen Kunststile machen den Reiz und den Reichtum der Kunst ebenso aus wie auf anderem Gebiet etwa die Lebendigkeit des Brauchtums und der Festkultur oder die charakteristische Note von Weinen jeder Region oder die Signatur einer bestimmten Küche. Was die Gegend um Bologna, nimmt man sie mit Parma, Piacenza und Rimini als Emilia zusammen, im Bereich des Kulinarischen zu bieten hat, steht außer Frage und auf einem anderen Blatt; im Reich der Zeichnungen, zumindest der des 16. bis 18. Jahrhunderts, hat dieser Regionalstil eine ähnliche Spitzenposition.

Der ungewöhnlich reichhaltige Bestand an italienischen Zeichnungen, den das Hessische Landesmuseum in Darmstadt besitzt, hat es mit sich gebracht, dass nun der dritte Bestandskatalog an italienischen Handzeichnungen sorgsam aufgearbeitet wurde. Zuvor war das Konvolut der Genueser Schule und zuletzt, allerdings schon 1994, das der Neapolitaner wissenschaftlich publiziert worden. Die mustergültige Edition, die nun Simone Twiehaus im Kehrer-Verlag besorgt hat, bildet zugleich den Anlass für die Ausstellung Wirklichkeit und Himmelsblick“, auf die bereits an anderer Stelle des „Portal Kunstgeschichte“ hingewiesen wurde (siehe Rubrik „Tagesnachrichten“ vom 10.6.05). Die Autorin war durch ihre hervorragende Promotion über den Bologneser Manieristen Dionisio Calvaert für dieses Thema prädestiniert und fand bei der dreijährigen Bearbeitung des nun vorliegenden Buches die Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgesellschaft. Der Aufbau des Buches erfolgt in der bewährten Dreiteilung: zunächst ein einleitender Basisartikel mit gedrängten Informationen zur Provenienz dieser Sammlung und ihrem Stellenwert neben vergleichbaren Sammlungen mit ähnlichen Blättern; dann folgt ein historischer Abriss zur Herausbildung dieser Regionalschule bis ins 18. Jahrhundert. Danach werden die bedeutendsten Blätter (nun alphabetisch geordnet) als ganzseitige Farbabbildungen wiedergegeben, und schließlich gibt es als wichtigsten wissenschaftlichen Block den zweihundertseitigen Katalogteil. Jede Zeichnung wird, in der Größe je nach Qualität abgestuft, abgebildet, und auch auf die Farbtafeln wird dankenswerterweise nochmals durch eine kleine Schwarz-Weiß-Abbildung verwiesen.

Zeichnungen sind nach wie vor oder vielleicht mehr denn je etwas für Kenner, nicht nur, weil sie durch ihr Format und die Nähe zum Betrachter zu einer intimen Zwiesprache einladen. Vieles lässt beim Anblick dieser Bilder immer wieder das Herz höher schlagen: der Entwurfscharakter, das Tastende einer Studie; das Flüchtige, Augenblickhafte und Fragmentarische, welches eingefangen wird und nach Ergänzung durch die eigene Imaginationskraft verlangt; aber auch die Suche nach neuen Ausdrucksformen oder die Entstehung eines späteren Werkes in nuce und jener imaginative Funke, welcher im Stadium der Opusphantasie sich unnachahmlich auf dem Blatt niedergeschlagen hat; nicht zuletzt die Gründlichkeit, mit der der Künstler die Zeichnung als eigenständiges Kunstwerk ausgearbeitet hat.

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Die Darmstädter Sammlung des HLM ragt unter den Kabinetten im deutschen Sprachraum hervor und geht vor allem auf die Sammlertätigkeit des Herzogs Emmerich Joseph von Dalberg zurück. Nachdem ein beträchtlicher Teil über die Estherhazy nach Budapest abgewandert, ist sie in ihrem heutigen Umfang ziemlich genau 200 Jahre alt. Dabei stützte sich der damalige Reichsritter Dalberg nicht etwa auf die Beziehungen seiner Frau, einer gebürtigen Genueserin, sondern auf seine Kontakte als badischer Gesandter in Paris. Fast alle Blätter kommen nämlich aus französischen Quellen und fielen 1812 dem Großherzog von Hessen-Darmstadt, Ludewig I. zu.

Wie sehr neben den kunstimmanenten Prozessen auch politisch-ökonomische Momente in den Handzeichnungen ihre Spuren hinterlassen haben, davon weiß die Herausgeberin in ihrer Einleitung zu berichten, wenn Sie daran erinnert, dass nach dem Fall im Jahre 1506 unter Julius II.  bis hin zu ihrer Einnahme durch Napoleon 1796 Bologna die zweitwichtigste Stadt des Kirchenstaates war. Mit den Familien der Farnese, die bis 1731 Parma und Piacenza dominierten, und den Este in Ferrara entstand zunächst in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine Strömung der Hochrenaissance, die bleibend mit Namen wie Correggio, Barocci und Parmigianino oder Nicolò dell’ Abate verknüpft ist. Schon von hier aus gibt es über Renaissance und Manierismus hinausweisende frühbarocke Impulse. Aber von einer eigentlichen scuola bolognese kann man erst sprechen, nachdem der Florentiner Giorgio Vasari  als entscheidender Vermittler in der Hauptstadt der Emilia tätig war und mit Papst Gregor XIII. ein Bologneser auf den Stuhl Petri gewählt worden war.

Ihre eigentliche Ausprägung und ihre eigentliche Blüte erfuhr die  Bologneser Zeichenkunst unter der Malerfamilie der Carracci, namentlich ihren drei Vertretern Agostino, seinem jüngeren Bruder Annibale und dem stets in Bologna verbleibenden Ludovico.

Was macht nun die Eigentümlichkeit ihrer Kunst aus? Warum wirken manche der Blätter so unerhört zeitlos und unmittelbar?

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Es ist die Abkehr vom allzu ausgeklügelten, intellektualistischen, eben später als „manieriert“ gebranntmarkten Stil, die sich mit den Carraccis und der von ihnen gegründeten „Accademia dei Desiderosi“ verbindet, später umbenannt in „Accademia degli Incamminati“ (frei übersetzt vielleicht :die „Akademie der Lernbegierigen“ bzw. „Anzuleitenden“). Drei Maximen schälen sich für diese neue Sicht heraus: 1. die genaue Beobachtung der Wirklichkeit, 2. die menschliche Figur als zentrales Thema, geschult durch das Studium am Modell und 3. die strikte Ausrichtung an der Antike, weshalb mit den Carraccis auch der römische Barock eine klassizistische Ausrichtung erhält. Freilich scheint dabei immer wieder das große Vorbild der ausgereiften Renaissancekünstler durch: "Zeichne Antonio, zeichne Antonio, zeichne und verlier' keine Zeit!", spornte schon Michelangelo seinen Schüler an, der lieber zu Hammer und Meißel gegriffen hätte.

Als Annibale nach Rom berufen wird, um dort den Palast des Odoardo Farnese zu freskieren, dessen Erbauung ab 1534 von da Sangallo d. J. in Angriff genommen und 1546 von Michelangelo fortgeführt wurde, war mit den mythologischen Szenen ein Fixpunkt geschaffen, an dem sich viele Schüler ausrichteten. „Freilich zuviel für Monate, geschweige für einen Tag“, notiert Goethe lapidar in seinem Tagebuch, als er die Besichtigung in Rom absolviert hatte.

Ob die Landschaft oder die menschliche Figur, immer war es diese Rückkehr zur unmittelbaren Anschauung der Natur, das „da vero“, was die Carracci und ihre Bologneser Schule auszeichnete. Immer wieder wurde gerühmt, wie modern und „naturalistisch“ auch die Wahl der nicht selten genrehaften Sujets anmutet: der gierige Bohnenesser, der Fleischer, welcher seine Ware wiegt, der Maurer, fliegende Händler oder der Bauer mit seinem Esel auf dem Weg zur Arbeit. Vor allem sind es die Qualität der Portraits, ihr direkter, unprätentiöser und so lebensnaher Ausdruck und Blick auf den Betrachter und die sorgfältig modellierenden Schraffuren, das erwachte Interesse an der plastischen Herausarbeitung von Licht und Schatten, welche den Betrachter bestechen. Handzeichnung, das sieht man auch an dieser beschränkten Auswahl von nur etwa 200 Exponaten, entwickelte sich hier zu einer Gattung sui generis; sie etablierte sich endgültig unabhängig von ihrer Funktion als Vorbereiter des eigentlichen Werks. Erstaunlich, von welch hoher Qualität die Schülerschaft (Alessandro Tiarini, Giacomo Cavedone, Francesco Brizio, aber auch der spätere große Barockbildhauer Alessandro Algardi oder der berühmte Guido Reni sind hier zu nennen) die Kunst des Zeichnens weiter betreibt. Deshalb ist es auch nur ein kleiner Wermutstropfen, wenn nach neueren Forschungen manches Blatt, das bislang den Carraccis selbst, heute eher dem Umkreis zugesprochen wird (etwa das männliche Rötel-Bildnis Kat.Nr. 60 oder 62).

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Die Auswirkungen sind lang zu spüren, durchziehen das Seicento wie auch das 18. Jahrhundert, in welchem nach dem Vorbild der Accademia die S.Luca in Rom 1710 auch in Bologna noch einmal eine „nuova accademia del disegno“ gegründet wird, nach dem päpstlichen Gönner auch „Clementina“ genannt. Was trotz aller ästhetischen Veränderung durch die Jahrhunderte bleibt, ist die genaue Beobachtung der sichtbaren Realität und die Sorgfalt, mit der mit der Feder, mit Rötel, Bleistift oder lavierend gezeichnet wurde.

Bibliographische Angaben

Zeichnungen Bolognas und der Emilia 16. bis 18. Jahrhundert in der Graphischen Sammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt
Bestandskatalog; bearbeitet von Simone Twiehaus, KEHRER Verlag,  Heidelberg 2005
mit 330 Abbildungen, (mit 33 ganzseitig farbigen Abb.), Bibliographie, Index, Konkordanz, Kurzbiographien  264 S., Einband: LEINEN Gebunden, ISBN 3936636508, Preis: 46,00 €