Meldungen zum Kunstgeschehen

Skandal um den Kunsthistoriker Werner Spies

Der „Fall Jägers“ ist mittlerweile zum größten Kunstfälscherskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte geworden. Jetzt stellte sich heraus, dass auch der Kunsthistoriker Werner Spies darin verstrickt ist.

Mitte der 1990er Jahre verkauften der Maler Wolfgang Fischer Beltracchi, dessen Frau Helene und deren Schwester Jeanette Spurzen gefälschte Werke von André Derain, Fernand Léger, Max Pechstein, André Lhote, Moise Kisling und Kees van Dongen an verschiedene Galerien und Auktionshäuser.

Dazu erfand die Fälscherbande eine relativ glaubhafte Geschichte, nach der der Unternehmer Jägers und der Schneidermeister Wilhelm Knops die Bilder vor dem Zweiten Weltkrieg bei dem Galeristen Alfred Flechtheim erworben, über den Krieg in der Eifel gerettet und anschließend an die Beltracchi-Schwestern vererbt hätten. Als Beweis dienten unscharfe Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen die angebliche Großmutter Jägers’ vor den vermeintlichen Bildern von Léger, van Dongen und Pechstein zu sehen ist.

Allerdings besaß Werner Jägers, der 1992 auf dem Kölner Friedhof Maleaten beigesetzt wurde, laut der ZEIT, nachweislich nie eine Kunstsammlung. Tatsächlich waren die Werktitel der angebotenen Bilder in alten Ausstellungskatalogen mit dem Zusatz „verschollen“ zu finden, so dass ihr Auftauchen in der Sammlung Jägers/Knops durchaus logisch erscheinen konnte.

Materialtechnische Untersuchungen an einer Reihe von Bildern führten zur Überführung der Fälschungen. So wurde ermittelt, dass der Klebstoff, mit dem angeblich zwischen 1910 und 1920 Etiketten namhafter Galerien auf den Keilrahmen der Bilder aufgebracht worden sein sollten, eine Chemikalie enthält, die erst 1958 verwendet wurde. Mehrere Rahmen stammten zudem merkwürdigerweise allesamt vom Holz desselben Baumes. Schließlich tauchen auf Jäger/Kops-Gemälden immer wieder Farbpigmente in tieferen Malschichten auf, die zum Zeitpunkt der angeblichen Entstehung noch nicht zu Verfügung standen wie Titanweiß und Phthalocyaninblau.

Dies gilt auch für einige der insgesamt sieben Gemälde von Max Ernst, die der Kunsthistoriker und Ernst-Experte Werner Spies begutachtete und für echt erklärte. Dieser habe laut der FAZ »in keinem Moment Zweifel über die Echtheit der Werke« gehabt.

In der Folge kaufte der ehemalige Chef des Auktionshauses Sotheby’s in Frankreich, Blondeau, die angeblichen Ernst-Werke »La Horde« und »La Mer«, die von Spies als echt gekennzeichnet worden waren. Dergestalt brachte Blondeau sechs Gemälde aus der „Sammlung Jägers“ auf den Kunstmarkt und zahlte Spies pro verkauftem Bild eine Provision. Zusätzlich erhielt dieser eine weitere Provision für jedes vermittelte Bild von den Beltracchis in Höhe von sieben bis acht Prozent des Verkaufserlöses. Summa summarum 400.000 Euro zuzüglich der unbekannten Zahlung von Blondeau. — Selbst für einen Spitzengutachter unüblich viel Geld.

Im Zusammenhang mit dem Prozess gegen die Fälscherbande Beltracchi wurde Spies in Berlin bisher nur als Zeuge vernommen. Gegen Spies läuft — anders als im Fall des Kunsthändlers Hanstein — zudem ein zivilrechtliches Verfahren in Frankreich, wo der Käufer einer Fälschung gegen Spies und den Verkäufer auf Schadenersatz klagt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Werner Spies durch seine Expertisen juristische Probleme bekam. 2002 erhielt Spies laut dem Magazin Artnews für die Expertise einer Picasso-Bronze 100.000 Dollar. Die Skulptur stellte sich später als Surmontage (Kopie einer Kopie) heraus. Das Geld floss damals über einen Galeristen in New York, der sich zur Sache nicht weiter äußern wollte.

Was der Fall Spies deutlich macht, ist ein grundlegendes Strukturproblem des Kunsthandels, das Fälschern in die Hände spielt: An positiven Zuschreibungen verdienen alle. Ein Lichtblick im Fälschungsdschungel ist eine Initiative von Markus Eisenbeis. Dieser baute vor einigen Jahren ein Verzeichnis kritischer, also zweifelhafter Werke auf, eine Datenbank, die mittlerweile über 1000 Werke nennt, an deren Echtheit Händler begründete Zweifel angemeldet haben.