Buchrezensionen

Skulptur!. Piepenbrock Skulpturenpreise 1988 bis 2006. Hrsg.: Kulturstiftung Hartwig Piepenbrock, Staatliche Museen zu Berlin. Berlin 2008

Skulptur, Plastik und Objektkunst braucht seit jeher besondere Formen der Förderung. Während die zweidimensionalen Schwester-Künste „kompakter“, transportabler und „erzählerischer“ daherkommen, verlangt die dreidimensionale Kunst oftmals aufwendigere Auftrags- und Standortbedingungen und dem Betrachter ein größeres Maß an Abstraktionsvermögen ab.

Dieser »vielerorts schwer zu vermittelnde[n] Gattung«, »zu mehr Anerkennung zu verhelfen« sei, so der Stifter Hartwig Piepenbrock, eine seiner Motivationen für seine private Stiftertätigkeit. (13)

Der »Piepenbrock Förderpreis für Skulptur« vergibt seit 1988 im Zweijahres-Rhythmus einen Hauptpreisträger-Preis und einen Nachwuchspreis mit angeschlossener Gastprofessur an der Universität der Künste Berlin. Seit 1998 erhält ausschließlich der Nachwuchspreisträger eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin. Von Max Bill, über Ernst Hermanns, Alf Lechner, Franz Erhard Walther, Erwin Heerich, Ulrich Rückriem, Eduardo Chillida, Anthony Cragg, Dani Karavan bis Rebecca Horn reicht die Liste von Hauptpreisträgern des Förderpreises, die im Sinne von „Altvorderen“ den jüngeren Plastikern zur Seite gestellt werden.

Zwei Beiträge des Katalogs bieten einen Überblick über die Entwicklung der Skulptur vom 20. bis zum 21. Jahrhundert an. Für Christa Lichtenstern und Friedrich Meschede erhielt die zeitgenössische plastische Arbeit (sprich »Objektkunst«) aus ihrem besonderen Verhältnis zum Material den entscheidenden Impetus.

Der »erstaunliche Pluralismus« (23), den Lichtenstern der Plastik nach 1945 bescheinigt, äußert sich durch eine »neue Aufmerksamkeit auf die Kunst im öffentlichen Raum«, die »plastischen Signale der Popkunst«, die »Minimalkunst«, die »reale Kinetik«, die »Bodenplastik«, die »Auffassung der Skulptur als Handlungsform«, die »Mitbeteiligung des Betrachters als Mitgestalter«, die »Land Art« und die »anthropologische Durchdringung der Plastik im Beuys‘schen Sinne«. (23)  Wie zwei formale Antipoden liegen die Stilströmungen von »Konstruktivismus und Surrealismus« den genannten Positionen zugrunde, um sich sowohl voneinander abzugrenzen als auch einander ergänzend aufzutreten. (24)

Friedrich Meschede sieht in der »Zeit um 1987« eine »hohe Zeit der Skulptur«, die sich vor allem durch eine große Dichte an Ausstellungen zum Thema Skulptur als solche ausmachen lässt. (59) Neben Münster mit den »Skulptur Projekten« (u.a. 1987), Basel (1980 und 1984), Sonsbeek/Arnheim (1986), Hamburg (1986) und Kassel (1987), ist es die Ausstellung »The New Sculpture 1965-75, between Geometry and Gesture« des Whitney-Museum of American Art im Jahr 1990, in denen der Autor eine Art Bilanzierung der plastischen Positionen erkennt. Mit einer Ausweitung der von der Skulptur „verwerteten“ Werkstoffe »um jedes verfügbare Material« (61) geht zugleich eine Abkehr der Skulptur von ihrer Funktion als Monument hin zu mehr narrativer Offenheit einher. (62) Dass dann zwei Ausstellungen des 21. Jahrhunderts (Washington 2006, New York 2007) den Begriff »Skulptur« nicht mehr verwenden und statt dessen den des »Objekts«, reflektiere schließlich auch die Haltung einer »un-monumentalen« künstlerischen Position. (64) Meschedes These, dass »diejenigen Künstler, die sich heute mit dreidimensionalen Formen beschäftigen«, »die Idee des Monuments und damit einen wichtigen Teil der Skulpturgeschichte gar nicht mehr« mitdenken, (64) steht im Raum und bleibt zu überdenken, wenn nicht anzuzweifeln.

Zehn Nachwuchs-Preisträgern des Piepenbrock Förderpreises für Skulptur widmet der Band eigens verfasste Artikel: Marianne Geiger (1988), Otto Boll (1990), Dieter Kunz (1992), Michael Dörner (1994), Werner Haypeter (1996), Vincent Tavenne (1998), Manfred Pernice (2000), Thomas Rentmeister (2002), Björn Dahlem (2004) und Felix Schramm (2006). Der von Lichtenstern konstatierte »erstaunliche Pluralismus« findet beim Durchblättern der abgebildeten Werke ebenso seine Bestätigung wie die nahezu uneingeschränkte Ausweitung des Materialeinsatzes und die Freude an größerer »narrativer Offenheit«, die Meschede der Objektkunst des 20./21. Jahrhunderts bescheinigt.

Ein informativer Band zum Thema zeitgenössischer Plastik, der den privaten Stiftungsgedanken preist für eine Kunstgattung, die es (offenbar) nötig hat. Bleibt noch anzumerken, dass er dem Leser eine Zusammenschau des übergreifenden Generationenanspruches innerhalb der Plastiker/Innen des 20. und 21. Jahrhunderts schuldig bleibt. Wie sich die stilistischen und thematischen Werkthemen zum Beispiel bei Max Bill und Marianne Geiger,  bei Ulrich Rückriem und Vincent Tavenne oder Rebecca Horn und Felix Schramm treffen und austauschen, beherbergt thematisch einige Brisanz, die der Band nicht entdeckt.