Buchrezensionen, Rezensionen

Skulpturales Handeln. Hatje Cantz Verlag 2011.

Der Band richtet sein Augenmerk auf die heterogene zeitgenössische Skulptur. Zudem werden deren Entwicklungslinien seit den sechziger Jahren nachgezeichnet, um die Positionen skulpturaler Arbeiten unserer Tage besser verstehen zu können. Dabei findet eine Annäherung an einen theoretisch sowie formal komplexen Bereich statt, in dem, wie Okwui Enwezor in seinem Vorwort erklärt, »der Akt skulpturaler Produktion selbst […] neu thematisiert wird.« Verena Paul hat sich das Buch angeschaut.

»Heutzutage verstehen Künstler Handlungen nicht mehr als Ziel an sich, sondern wählen sie im Hinblick auf deren soziale und kulturelle Konnotationen«, heißt es in Patrizia Danders und Julienne Lorz’ Beitrag »Skulpturales Handeln«, der dem Leser einen fundierten Einstieg in das Thema bietet. Künstler reflektieren die Prozesse der Produktion, »halten sich jedoch nicht mit abgrenzenden Definitionen und konzeptuellen Festschreibungen ihres Tuns auf. Die Skepsis gegenüber dem Objekt wird innerhalb des eigenen Mediums in einer explorativen Auseinandersetzung mit der Handhabung von Materialien und Formen konfrontiert.« Das bedeutet jedoch keineswegs, dass diese Werke autonomieästhetisch genannt werden dürfen, da sie sich »in aller Offenheit und Angreifbarkeit« dem Skulpturalen selbst widmen.

Indem sich die beiden Autorinnen über die Begriffe »Prozesskunst« und »Post-Minimalismus« an das im Zentrum stehende Thema herantasten, auf bedeutende Künstlerschriften aus den sechziger Jahren und die sich daran anfügende Institutionskritik und Kontextkunst verweisen, können sie schließlich die Verbindungslinien zwischen den Arbeiten von Phyllida Barlow, Michael Beutler, Alexandra Bircken, Vincent Fecteau, Anita Leisz und Kimberly Sexton nachzeichnen. Das Einende dieser Werke bestehe vor allem darin, dass sie – im Gegensatz zur Minimal Art – manuell und mit günstigen Materialien gefertigt sind, von denen sich die Künstler inspirieren und lenken lassen, dass sie über anthropomorphe Qualitäten verfügen, dem Anspruch auf »Langlebigkeit« kritisch gegenüberstehen und dass sie sich partiell einer Versprachlichung entziehen. Denn, so gibt Vincent Fecteau zu bedenken, »sobald sich etwas vollständig beschreiben lässt, verliert es seine Berechtigung als visuelles Objekt.«

In dem darauf folgenden Aufsatz »Das Skulpturale an sich?« nähert sich Daniela Stöppel den von Volumen, Dichte und Materialität bestimmten Werken Phyllida Barlows an. Der Künstlerin gehe es, so Stöppel, primär um »die Sichtbarmachung von Form als Form« und um das Reflektieren darüber. Hierbei spielt die Wirkung der Arbeiten im Raum und auf den Betrachter eine gleichermaßen wichtige Rolle. Ebenso wie die Arbeiten Barlows, haben auch viele von Michael Beutlers Projekten »monumentale Ausmaße und sind technisch, formal und konzeptuell hoch ambitioniert«, wie Zoë Gray in ihrem Beitrag »Schneiden und kleben« erklärt. Dabei sei für den Künstler der Prozess das Ausschlaggebende. In seiner Unterteilung in »System« und »Installation« wird die Unterscheidung zwischen Herstellung und Ausstellung aufgehoben, womit eine Verabschiedung, so die Autorin weiter, »von der Aura des Künstlerateliers« stattfindet. Beutler habe – und das begründet den ungemeinen Reiz seiner Arbeiten – »ein Talent dafür, etablierte Produktionsmethoden zu sezieren, sie von Grund auf neu zu denken und dabei eine Parallelwelt zu schaffen, in der eine gewöhnliche Aufgabe zu etwas Wunderbarem wird.«

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Anschließend setzt sich Patrizia Dander in ihrem spannend zu lesenden Beitrag »Aus der Mitte« mit den Werken Alexandra Birckens auseinander, die um die Themen Inszenierung von Körpern sowie Rollenbilder zirkulieren und die intuitive Wahl von Materialien demonstrieren. »Birckens Arbeiten«, erläutert die Autorin, »entstehen aus einem immanenten Formgebungswillen, der sich auf üblicherweise wenig Beachtetes«, wie Stoffe aus der Natur, Entsorgtes oder Flohmarktartikel, bezieht. Indem diese Elemente »in ihrer ästhetischen Qualität präsentiert« werden, erfahren sie eine Aufwertung, ermöglicht durch den vorangegangenen Abwertungsprozess. Mittels dieser ästhetischen Qualität können jene Werke schließlich »Aussagen über die Verfasstheit unserer Gesellschaft« machen, so dass die daraus resultierende Grundspannung die nicht zu unterschätzende Anziehungskraft ausmacht.

Der künstlerischen Position Vincent Fecteaus geht Michael Lobel mit seinem Aufsatz »Skulptur und Umstand« auf den Grund. Den Schlüssel zum Wesen dieser Arbeiten sieht der Autor in der Offenlegung des normal im Verborgenen verbleibenden Aspekts einer Skulptur. »Es ist,« so das Fazit Lobels, »als ob Fecteaus Schaffensprozess durch das Bedürfnis motiviert ist, etwas offenzulegen, das letztendlich unerreichbar ist: Ein Inneres, eine Rückseite, eine Unterseite. Neugier nach dem Übersehenen, Frustration angesichts des nicht ganz Erfassbaren, der Entschluss, Dinge ungesehen zu lassen: Dies sind vielversprechende Ausgangspunkte, um Kunst zu machen.«

»Viel liegt im Feinstofflichen«, so der Titel des Beitrags von Anette Freudenberger, der sich mit den skulpturalen Arbeiten Anita Leisz beschäftigt. Dieser Künstlerin sei weniger an den Formen als vielmehr an den Formaten gelegen sowie der Frage wie »Volumen, Fläche und Raum, Innen und Außen, Abstraktion und Repräsentation, Wahrnehmung und Wahrgenommenes aufeinander bezogen werden können.« Hierbei beziehen die Arbeiten, die über ihre reine Faktizität hinausgehen, »ihre Spannung gerade aus der Diskrepanz zwischen dem Faktischen und dem Möglichen«, wie die Autorin erklärt.

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Abschließend setzt sich Deborah Bürgel in ihrem Aufsatz »Jenseits der verlorenen Form« mit den fragilen Gipsskulpturen Kimberly Sextons auseinander und zeigt zudem spannende Verbindungen zu Skulpturen Gian Lorenzo Berninis, Alberto Giacomettis oder Richard Serras auf. Das skulpturale Handeln konzentriere sich bei Sexton, so das Urteil der Autorin, »auf die Hervorbringung des Werks, ihre Gesten und die Manipulation des Materials. Ihr Erlebnis des Raums steht in wechselseitigem Verhältnis zur Erfahrung des eigenen Körpers, er ist ihr Instrument und Sensorium zugleich«. Indem die Künstlerin ihre zerbrechlichen Gipsmodelle bewahrt, die in der Kunst traditionell beim Guss zerschlagen werden, erzielt sie eine Erweiterung der Bedeutung der sogenannten »verlorenen Form«. Dahingehend haben jene Arbeiten ihre Herstellung zum Thema.

Resümee: Eine Publikation, die ein an zeitgenössischer Skulptur und den damit verbundenen Fragestellungen interessiertes Publikum durch wunderbar zu lesende, informative Texte in deutscher und englischer Sprache ebenso überzeugen wird, wie durch die 54 farblichen Werkabbildungen. Die Leser erhalten Einblick in die spannenden Positionen sechs zeitgenössischer Künstler, deren Werke durch einen prozessorientierten Ansatz sowie die Neuauslotung der Form mittels unterschiedlichster Materialien und Handlungen verbunden sind. Dem Hatje Cantz Verlag ist insofern ein lehrreiches, horizonterweiterndes und Diskussionen anstoßendes Buch gelungen, das ich mit Begeisterung gelesen habe und Ihnen uneingeschränkt empfehlen kann!