Kataloge, Rezensionen

Solvej Helweg Ovesen/ Katerina Gregos (Hg.): The Eye is a Lonely Hunter: Images of Humankind, Kehrer Verlag 2011

Das 4. Fotofestival der Städte Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg ist ein besonderes Schmankerl, denn die einzige kuratierte Großveranstaltung dieser Art verbindet 3 Städte und 7 renommierte Ausstellungshäuser miteinander. Hier steht Fotografie ganz im Schnittpunkt von Dokumentation, Stimmung sowie soziokultureller und globalpolitischer Kritik. Yi-Ji Lu hat sich für PKG den kürzlich im Kehrer Verlag erschienenen Ausstellungskatalog angesehen.

Unter dem Titel »The Eye is a Lonely Hunter: Images of Humankind« stellten Katerina Gregos und Solvej Helweg Ovesen ein fotografisches Megaevent auf die Beine, das sich der Frage widmete, wie Fotografie als globale und universale Sprache in der Tradition der humanistischen Dokumentarfotografie gewohnte Denk- und Sehmuster hinterfragen kann. Ein wichtiger Aspekt, so erklärt Helweg Ovensen, war die Überlegung, wie in diesem Medium Authentizität abgebildet und Empathie erzeugt werden können.

Passend zum 10. Jahrestag des 11. Septembers versammelten sich 57 Künstler aus 32 Ländern und präsentierten vom 9. bis zum 11. September 2011 mehr als 1000 Bilder und Kunstwerke, in denen nach einem gewandelten Bewusstsein für humanistische Werte im 21. Jahrhundert gefragt wurde.

Der Ausstellungskatalog fasst dies auf 239 Seiten und 188 Abbildungen zusammen. Zwei Essays, eins der Kuratorinnen und eins des Essayisten und Künstlers T.J. Demos, geben tiefe Einblicke in die Konzeption und die dahinter stehenden medienphilosophischen Diskurse. Wie die Ausstellung zeigt der Katalog die Solopräsentationen der drei Künstler Roger Ballen (ausdrucksstarke fotografische Outsider-Art aus Südafrika in schwarz-weiß), Beat Streuli (StreetPhotography) sowie Tobias Zielony (Adoleszenz und UrbanArt) und widmet den fünf Überthemen der Ausstellung eine Bandbreite an Fotografien.

Im Komplex »Affekt und Wirkung von Politik« geht es um die Frage, wie das Subjekt im Zeitalter des „Kampfes gegen den Terror“ von der Politik berührt wird. So illustrieren Fotografien, wie die Gohar Dashtis, auf denen Menschen aus dem Iran versuchen, zwischen Panzern und Stacheldraht ein normales Leben zu führen, derartige Problematiken.

Die Verknüpfung von politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeitsstrukturen oder -mechanismen und der Einfluss auf das Leben des Einzelnen werden in ähnlicher Weise im Komplex »Ökologische Kreisläufe« fortgeführt. Die gezeigten Fotografien thematisieren die globalen Produktions- und Konsumkreisläufe, ihre Abhängigkeiten und die Folgen für die Natur. Der Betrachter erkennt die Zusammenhänge zwischen Fotografien, die schmelzende Eismassen (Olaf Otto Becker), Industrieanlagen in China (Edward Burtynsky) oder eine Textilherstellung in Indien (Ravi Agawal) zeigen. In diesem Nebeneinander fragen die Bilder auch nach dem Verhältnis des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt, problematisieren die Ausbeutung natürlicher Ressourcen und weisen auf die Konsequenzen und Aufgaben im Sinne der Nachhaltigkeit hin.

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Die Werke im Komplex »Rolle und Ritual« stellen eine künstlerische und anthropologische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Kulturen und ihren Ritualen dar. Sie eruieren letztere als wesentliche Momente in der Herausbildung eines Kollektivgefühls und fragen danach, welche Bedeutung den Ritualen innerhalb des soziokulturellen Traditionsgefüges zukommt. In dieser Auseinandersetzung machen Fotografen wie u.a. Bani Abidi, Said Atabekov, Peter Funch und Jeremy Shaw das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft sowie seiner Verortung und seinem Selbstbild zum Thema. In fotografischen und filmischen Streifzügen durch die multikulturelle Gegenwart avanciert der Künstler — mit stetigem Blick durch den Sucher der Kamera — hier gleichsam zum anthropologischen Forscher wie zum ethnologischen Jäger.

Vom Einzelnen und seinem Bewusstsein für zeitliche, gedankliche wie kulturelle Räume sprechen auch die Fotografien des Unterthemas »Lebenskreisläufe«. In allen Ausprägungen, vom laienhaften Familienalbum bis zum sorgsam inszenierten Porträt, zeigen sich die kulturellen Manifestationen des Übergangs: ein glücklicher Vater, eine harmonische Kussszene zwischen Großvater und Enkelin, ein homosexuelles Paar im Bett auf der einen Seite, trauernde und alternder Menschen auf der anderen. In Momentaufnahmen zeichnen die Fotografien eine universelle und zugleich kulturspezifische Daseinskurve zwischen Geburt und Tod. So lassen sich die einprägsamen Bildbotschaften obgleich ihres individuellen Ausdrucks auf alle Kulturen anwenden. Dabei verlassen sie den Raum existenzieller wie biografisch persönlicher Erfahrungen und sprechen die grundlegenden und existenziellen Momente menschlichen Seins an: Liebe, Sehnsucht, Freiheit, Leid und Trauer.

Im Gegensatz dazu durchleuchtet der Komplex »Das alltägliche Leben« ganz die Augenblicke und Fragen des Alltags. Zentral steht hier der Blick auf die kleinen und großen Hürden, die tagtäglich überwunden werden müssen, und die dahinter stehenden Bewältigungsstrategien. Abbildungen improvisierter Toiletten, Hütten und Küchen brasilianischer Unterschichten stehen der Darstellung einer „Laughing School“ in Teheran gegenüber. Den scheinbar unbedeutenden Handlungen kommt Beachtung zu, wenn die Künstler die Möglichkeiten und die Grenzen der individuellen Handlungsfähigkeit offenbaren und hierbei keineswegs auf einen interkulturellen Streifzug universaler Praktiken und Lebensweisen verzichten.

Der Katalog zeigt, was schon die Ausstellung tat: ein facettenreiches Bild des Menschen in seiner ganzen Vielfältigkeit. Impressionen von afrikanischen Slums, widrigen Arbeitsumständen in einer indonesischen Textilfabrik, politischen Unruhen in den arabischen Staaten und den Folgen für das normale Leben stehen hier den glückseligen und lebensfreudigen Momenten gegenüber. Das Aufnehmen der vielfältigen Eindrücke unterschiedlichster Gesellschaften, Kulturen und individuellen Lebenswelten könnte eine wahre Freude sein, würde das Durchblättern des Katalogs nicht durch die schlechte Bindung, die fragwürdige Papierqualität und die etwas ungünstige Anordnung der Bilder getrübt werden, denn die Buchbindung macht einige Fotografien nahezu unerkennbar. Ungeachtet dessen lohnt sich der Blick in den Ausstellungskatalog jedoch allemal, wohl gerade wegen seiner vielschichtigen und mitunter unfreiwilligen Ambivalenzen: Denn was wäre für die Menschheit in all ihren Schattierungen repräsentativer, als ein mangelhafter Katalog, der sich genau jener Abbildung annimmt?