Rezensionen

Sophia Mott: Dem Paradies so fern - Martha Liebermann. Roman; ebersbach & simon 2019

Es ist ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit: Im Berlin des Jahres 1941 kämpft Martha Liebermann, Witwe des berühmten Impressionisten Max Liebermann, um ihre Ausreise aus Nazi-Deutschland. Von ihrem Haus am Wannsee, dem »Paradies«, hat sie sich schon lange verabschieden müssen, ebenso von ihrer Tochter Käthe, die mit Mann und Kind in die USA emigriert ist. Nun droht der 84-Jährigen die Deportation ... Ein Roman von Sophia Mott, gelesen von Gabriele Beßler.

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 »Sophia Mott hat sich auf Spurensuche begeben und verleiht Martha Liebermann (1857-1943) eine eindringliche Stimme«. Nun ja ― näher kommt man der Ehefrau des Malerfürsten vielleicht am ihr gewidmeten Stolperstein an der Leerstelle ihres im Krieg zerstörten, letzten Berliner Wohnhauses in Tiergarten. Im Buch stehen über weite Strecken eher die Befindlichkeiten ihres Mannes Max und das historische Setting im Focus. Eine der wenigen Verlautbarungen scheint ihr Geständnis, wonach es ihr eine Ehre, aber kein Vergnügen gewesen sei, ihn geehelicht zu haben. Liebermann war direkt, nahm weder vor Berufskollegen noch in einer Runde völlig Fremder ein Blatt vor den Mund ― bekanntermaßen ein grantelnder, hellsichtiger Menschenfreund. Die wenigen, dann wohl 'imaginierten' Gedankengänge Marthas, etwa wenn der Gatte sich »selbst vergessend und zugleich seines Wertes bewußt« ihren Stolz begründe, also doch »die richtige Entscheidung getroffen« zu haben (S. 90), ließe sich ähnlich auch auf andere, im Schatten stehende Ehefrauen übertragen. Die Phantasie der Autorin scheint indessen da zu versagen, Marthas Mentalität etwa in kleinen Dialogen zu entwerfen, denn Liebermanns Domizile am prominenten Pariser Platz und am Wannsee waren gastfreie, hochherrschaftliche Häuser; man empfing tout Berlin und weit darüber hinaus ― von den verzweigten jüdischen Familienbanden einmal ganz abgesehen. Sehr gelungen dagegen sind so manche Szenen, in denen sich die Veränderungen Berlins von der Jahrhundertwende bis zum '3. Reich' wie in einem Brennglas spiegeln.

Jenseits der Bilder, die Liebermann von seiner Frau schuf (fast ausschließlich im Familienidyll), beispielsweise still―versunken lesend oder mit Tochter Käthe spielend, begegnet man Martha als selbstbewußte Frau im weiblichen Pendent des Ehepaar-Doppelportraits von Anders Zorn (1896). Diese beiden Leinwände sind es denn auch, die in Marthas später Lebensphase (sie überlebte Max um acht Jahre) eine bedeutende Rolle spielen sollen, und es ist jene Zeit, derentwegen dieses Buch überhaupt geschrieben wurde.
Der zum Freundeskreis der Familie gehörende Edgar Baron Uexküll (ein bis heute klangvoller Name) machte es sich, unter Einsatz seines Lebens, zur Aufgabe, diese Gemälde nach Schweden zu schmuggeln, um sie dort (nachdem diese und andere Versuche in der Schweiz gescheitert waren) zu verkaufen. Eine ausreichende Summe (der inzwischen eingerichteten Anders―Stiftung) sollte gewährleisten, dass Martha ins europäische Ausland oder nach Amerika zu ihrer Tochter ausreisen konnte. Zwischenzeitlich waren die Repressalien der Nazischergen immer drängender geworden: vom Einzug des Vermögens, Konfiszierung der Gemäldesammlung bis zur radikalen Beschneidung ihres Lebensraums. Doch auch auch dieses Unterfangen war fruchtlos. Jetzt da das Paradies ― und sei es 'nur' der Garten der Wannsee-Villa ― schon längst in ungreifbare Ferne gerückt und Martha weitgehend auf sich selbst gestellt ist, charakterisiert Mott einfühlsam eine Frau von unerschütterlicher Gelassenheit und dankbarer Rückschau auf ihr Leben, die nun aber unter ihrer erzwungenen Passivität leidet. Als dann die Deportation nach Theresienstadt unumgänglich wird, zeigt Martha Liebermann große Entschlossenheit. Es ist der wahre Fixpunkt am Ende des Romans.