Ausstellungsbesprechungen

Sophie Calle. 'M’as-tu vue ?'

Nach der Flucht aus ihrer brennenden Wohnung auf der Île Saint-Louis in Paris wurde die junge Bénédicte Vincens nie wieder gesehen. Die Geschichte ihres Verschwindens spielt auch in jenen Räumen des Centre Pompidou in Paris, wo Bénédicte als Aufseherin gearbeitet hatte. Sophie Calle recherchiert in ihrer Arbeit “Une jeune femme disparaît“ („Eine Frau verschwindet“) das Leben der jungen Frau, die es geliebt hatte, das Verhalten der Museumsbesucher zu beobachten.

Die französische Künstlerin fotografierte ihre ausgebrannte Wohnung und stellte eine im Brand zerschmolzene Box mit Dias von Bénédicte aus. Doch diese Arbeit ist nur ein kleiner Teil der vielseitigen Ausstellung „M’as-tu vue?“ („Hast Du mich gesehen?“), die eben jener Bénédicte gewidmet ist, und bis März 2004 im Centre Pompidou gezeigt wurde.

 

Sowohl in den von Text begleiteten Fotos, als auch in Videos und Objekten spielt vor allem das „Abwesende“ eine zentrale Rolle. In „Les Aveugles“ („Die Blinden“, 1986) lässt Calle Menschen, denen das Augenlicht fehlt, von Ihrer Idee der Schönheit berichten. In der Arbeit „last seen“ (1991) beschreiben Kuratoren und Museumswächter aus der Erinnerung die zahlreichen Meisterwerke, die 1990 aus dem Isabella Stewart Gardner Museum in Boston gestohlen wurden und deren nun leere Plätze die Künstlerin fotografierte.

 

Ein wichtiges Werk zum Begriff des „Absenten“ ist das bislang noch nicht gezeigte  Triptychon „Douleur exquise“ („Stechender Schmerz“, 1984 – 2003). Schmerz über die Trennung von einem Partner dokumentierte die Konzeptkünstlerin in einer Fotoserie, in der sie Bekannte über den Moment befragt, an dem sie am meisten gelitten haben.

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Parallel erzählt Calle ihre eigene Geschichte von dem Mann, auf dessen Wiedersehen sie so lange gewartet hatte und der sie in eben diesem lang ersehnten Moment verlässt. Der begleitende Text ist nicht wie üblich gedruckt, sondern mit schwarzem Faden auf weißes Leinen gestickt, als wolle die Künstlerin die Dauer und die Mühe der Verarbeitung des Schmerzes über den Verlust ihres Geliebten symbolisieren. In unzähliger Wiederholung ihrer Geschichte verschwindet der Farbunterschied letztendlich und die Schrift nimmt den Ton des Hintergrundes an. Der Schmerz ist überwunden.

Der von Sophie Calle selbst gestaltete Ausstellungskatalog umfasst thematisch geordnet das Gesamtwerk der Künstlerin und dokumentiert die vielseitigen Bereiche ihres Schaffens. Neben ihren Arbeiten zum Thema der „absence“ sind die Arbeiten zu Themengruppen wie „hotel rooms, sleepless nights and other true stories“, „games and ceremonies“ oder „journeys“ zusammengefasst. Im Kapitel „shadows, investigations, vanishings“ lässt die Künstlerin den Leser an der Leidenschaft teilhaben, mit der sie Menschen durch Beschreibung, Beobachtung, Verfolgung oder Untersuchungen ihres Umfeldes näher zu kommen sucht. Eines ihrer ersten Projekte war die Arbeit „suite vénitienne“ (1980), bei der sie einen Unbekannten beobachtet und ihm von Paris bis Venedig folgt. Im Katalog ist die systematische Dokumentation dieser Reise festgehalten, begleitet von Fotografien des observierten Unbekannten und einer minutiösen Beschreibung von dessen Tagesablauf. In einem biografischen Interview mit Christine Macel, Kuratorin der Ausstellung, schildert Calle, wie ihre Projekte entstanden: Indem sie anderen Menschen folgte, fanden ihre Schritte eine Richtung, ohne dass sie selber einen Weg einschlug.

Das Kapitel „hotel rooms, sleepless nights and other true stories“ gibt dem Leser einen Eindruck von dem oftmals stark autobiografischen Werk Sophie Calles, die den Betrachter mit ihrer exhibitionistischen Ader in den Bann zieht. Es enthält Fotos und Texte, die als „true stories“ sentimentale Details oder Anekdoten von zwischenmenschlichen Beziehungen der Künstlerin preisgeben. Es ist ein sehr persönlicher Katalog, in dem Sophie Calle, wie in ihrer Kunst, ihre eigene Persönlichkeit, ihre Wünsche und Enttäuschungen offen legt und es erreicht, mit dokumentarischen Szenen des realen Lebens den Betrachter zu bannen.

Weitere Informationen

Weitere Ausstellungsorte:
Irish Museum of Modern Art in Dublin: 08.06. – 15.08.2004
Martin-Gropius-Bau in Berlin: 10.09. – 13.12.2004
Ludwig-Forum Aachen: 28.01.  –   24.04.2005