Ausstellungsbesprechungen

Space Affaires | Raumaffären | Affaires d'espace, MUSA - Museum Startgalerie Artothek Wien, bis 6. Oktober 2012

Umfassend und abwechslungsreich sind die Affären des Raums: ob gefährlich himmelhoch strebend oder quasi in sich implodierend, multimedial-virtuell, imaginär in den Flächen des in Farbe geschichteten Bildraums oder einfach nur durch die Magie der zum Einsatz gebrachten Materialien. In der Wiener Ausstellung zeigen sich Bekanntes und Unbekanntes in erfrischenden und überraschenden Blickwinkeln, findet Ulrike Schuster.

An der Schau unter den Arkaden nächst dem Wiener Rathaus ist zunächst einmal das zugrunde liegende Konzept des Hauses höchst bemerkenswert: hier residiert seit fünf Jahren erfolgreich das MUSA, ein kreatives Depot für zeitgenössische Kunst, das sich der Förderankäufe der Stadt Wien annimmt. Mit 30.000 Objekten sämtlicher Kunstsparten ist diese Sammlung eine der größten ihrer Art in Österreich.

Doch es kommt noch besser: wo anderorts die öffentlichen Kunstankäufe auf ewig in den Magazinen verschwinden, setzt das MUSA auf Vermittlung und beauftragt regelmäßig externe Kuratoren mit Ausstellungen zu thematischen Schwerpunkten. In diesem Falle, rechtzeitig zum fünften Geburtstag, ist es die Schau »Space Affairs | Raumaffären | Affaires d’Espace«, die Marc Mer zusammengestellt hat.

Er zelebriert die hohe Kunst der Auswahl auf seinem ureigensten Fachgebiet, der Erkundung des Raums, wie gewohnt mit viel Sprachwitz und treffsicherem Gespür für prekäre Grenzgänge. Und dies gelingt, obwohl sich der Ort als solcher keineswegs ideal in den Anspruch der Ausstellung fügt. Zwar präsentiert er sich tadellos in der Gestalt eines white cubes, aber er vermag den Flair einer leerstehenden Lagerhalle nicht gänzlich abzuschütteln. Doch ideale Kunst-Räume sind in Zeiten wie diesen schwer zu finden. Die hochkarätigen Kunstwerke sprechen ohnehin für sich selbst und kommen dagegen an.

Mühelos kombiniert die Schau drei Generationen von circa 50 Künstlerinnen und Künstlern. Mit Friedrich Kiesler und Heinz Gappmeyer finden zwei Urväter der experimentellen und künstlerischen Raumerkundung ihre Würdigung. Die Nachkommenden stellen mit Namen wie Erwin Wurm, Ernst Caramelle, Peter Dressler, Valie Export oder Robert Adrian X schon fast ein who is who der zeitgenössischen Kunst. Die jüngeren, vertreten beispielsweise durch Julien Diehn, Annja Krautgasser oder Peter Köllerer, beweisen wiederum, dass sie um nichts nachstehen.

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»Raum selbst hat keine Form«, schreibt einleitend Marc Mer. »Doch hat jede seine Affären eine. Diese sind so zahlreich wie umfassend. Denn alles, was zu tun (à faire) ist und überhaupt getan werden kann, muss im und mit dem Raum getan werden.« Damit ist ein weites Spektrum der Ding-Welt abgesteckt, denn »Affären des Raumes sind allesamt Affären mit Dingen.« Doch seine dezidierte Vorliebe gilt nicht zuletzt den kühnen, instabil anmutenden Turmgebilden, die quasi das optische Leitmotiv der Ausstellung bilden und viel an Spannung in den Raum tragen.

»Windstapel« nennt Richard Künz sein abenteuerliches Gebilde aus hochaufgeschichteten Ziegeln in einer Schubkarre. Lotte Lyon arbeitet mit handelsüblichen Spanplatten und Holzbeizen, Gregor Eldarb schafft ein filigranes Gebilde aus Verpackungskartons und Judith Sauper baut einen allerliebsten Miniatur-Wolkenkratzer für absurde Wohnsituationen aller Art.

Eva Chytilek beraubte vier Stühle diverser Bestandteile, um daraus einen fünften herzustellen. Götz Bury erschuf einen »Mund« in Gestalt eines offenen, dickbauchigen Gefäßes. Clemens Stecher hingegen zeigt abgrundtiefe Doppelbödigkeit in einem äußerlich völlig harmlos anmutenden Bild eines ins Leere springenden Automobils.

Und auch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Kunst-Medien funktioniert problemlos: Die Gegenüberstellung von Malerei und Fotografie (angeblich ein absolutes No-Go) besitzt ebenso ihren Reiz wie diejenige von Video und Objektkunst, von Bildern, die ob ihres Inhalts gelesen werden wollen und Gebilden, die ihre Botschaft in der stofflichen Beschaffenheit in sich tragen. Alles ist möglich und ein jedes Objekt geht seine eigene Affäre mit dem Räumlichen ein. Ganz nebenbei absolviert man dabei einen vergnüglichen Spaziergang durch die Geschichte der Gegenwartskunst, die mittlerweile auch schon wieder eine ganz respektable Vergangenheit besitzt.