Ausstellungsbesprechungen

Sparkling Silence. Junge Fotokunst aus Korea, Kunsthalle Erfurt, bis 27. November 2011

Tradition und Moderne, fernöstliche Kultur im Wandlungsprozess der Globalisierung - Themen, die junge Fotokünstler aus Korea auf eindrucksvolle Art und Weise ansprechen. Die Fotografien zeugen von einer Lebendigkeit, einem Selbstbewusstsein und Selbstverständnis, die mit künstlerischen und kulturellen Konventionen brechen. Yi-Ji Lu hat die Ausstellung für PKG besucht.

Wie bei jeder Ausstellung, in der mehrere Künstler ihre Werke präsentieren, stellt sich die Frage, inwiefern sich die verschiedenen Ansätze in einem übergeordneten Thema fassen lassen. Das Thema der Schau, so der Kurator Walter Bergmoser, ist das Selbstverständnis des Einzelnen, dessen Weltsicht bzw. die Auseinandersetzung mit der eigenen Kunst und Kultur, zwischen Tradition und globalisierter Moderne. Zehn Künstler zwischen 24 und 32 Jahren von der Universität Chung Ang University in Seoul, einer der besten Hochschulen für Fotografie in Korea, hat er für diese Ausstellung ausgewählt.

Ein häufiges Thema ist die Verstädterung und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandlungsprozesse. Die Fotoreihe »Dormitory« der Künstlerin Kwon Ji-Hyuns zeigt die Folgen dieser Verdichtung von Menschen in Megametropolen. Sie zeigen dem Betrachter immer neue Wohnkonstellationen eines Seouler Studentenwohnheims, immer neue Paarungen von Menschen, die nur für vier Monate dort wohnen und danach neuen Zimmern zugeteilt werden. In den Bildern besticht die Atmosphäre der Fremde und des Unbehagens; sie zeigen, wie zwei Menschen miteinander leben und doch wieder nicht, wie sie sich an den jeweiligen Enden des Zimmers auf ihren Betten beklommen einander gegenüber sitzen. Eine Wäscheleine trennt nicht nur den physikalischen sondern auch den emotionalen Raum – Sinnbild von menschlicher Entfremdung in Megametropolen? Zwischen Nähe und Distanz gibt Kwon Ji-Hyun eine Pathologie der modernen Gesellschaft: Der Mensch und seine Mitmenschen werden beliebig, austauschbar, deshalb bauen sie sich Mechanismen des Selbstschutzes auf.

Leistungsdruck, gesellschaftliche Erwartungen, veränderte Lebensumstände, zunehmende Technisierung des Alltags – diese Probleme sprechen die Fotografien der Künstler aus. Hongi Bongi stellt der Kontrastfolie des hektischen und rastlosen Seouls ein melancholisches Waldbild als symbolische Sehnsucht entgegen. Die konfuzianische Tradition kollidiert mit dem Selbstbild einer ständig in Umwälzung begriffenen Gesellschaft. Kim Smin vereinigt westliche Moderne, rasante Technisierung des Alltags und buddhistische Selbsteinkehr in ihrer Reihe »mind’s way«. Diese zeigt, wie mit einfachen Haushaltsgeräten (Bügeleisen, Kühlschrank oder Fön) Yoga praktiziert wird. In einer scharfzüngigen Ironie ist nicht zu übersehen, wo in diesem Konflikt das Subjekt bleibt, insbesondere dann nicht, wenn der Kopf der Praktizierenden in einer Mikrowelle verschwindet.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition stellt die Künstlerin Park Si-Yeon ins Zentrum ihrer Fotoreihe »Love – Hatred«. Sie sitzt neben ihrem Vater, verbunden mit einem roten Band, er verschlungener und involvierter als sie. Hier auch die Fremde und die Beklemmung, die vielen Fotografien der Ausstellung inhärent ist. Das rote Band findet sich in allen Fotos wieder, mal wohl geordnet als Zopfband, mal als eine Rettungsleine im Wald, und trägt ebenso viele mögliche Bedeutungen: Nabelschnur, Blutlinie, Rettungsleine, kulturelle und traditionelle Strukturen. Wie sehr die Bindung zu ihrem traditionsbehafteten und konservativem Vater sie auch einengen mag, in ihrer Ambivalenz bietet sie doch auch Sicherheit und Liebe – und legt nicht nur sinnbildlich schützenden Hände um die zerbrechliche Tochter, die zwischen emotionaler Verbundenheit im Traditionsgefüge, Abhängigkeit vom Vater und seelischer Wurzellosigkeit versucht, ein Selbst zu sein.

Die Ausstellung erforscht die gesellschaftlichen Anforderung an ein leistungsbereites und unterkühltes Subjekt. Die geforderte Annäherung an Ideal und Perfektion macht Park Serry zum Thema. Sie hat in mehrmonatiger Arbeit ihren Raum zur Gänze in weißen Stoff eingehüllt. Möbel, Bücher, ja sogar Blumen, alle Gegenstände wurden ihrer Farbe entzogen und zu Umrissen, zu Nuancen von Weiß in Weiß stilisiert. Sohn Woosung zeigt den Entfremdungsprozess beim Fotografieren. Es geht ihm, wie er selbst sagt, in seiner Reihe »intimate strangers« nicht so sehr um den Versuch, die Gefühle von Freunden einzufangen, sondern darum, das Gefühl der Fremde und der Distanz zu fassen, das sich beim Akt des Fotografierens einstellt. Wie durch eine Glasscheibe fotografiert, zeigen die mitunter leicht unscharfen Bilder Isolation im Park oder daheim. Sie zeigen Melancholie und eruieren starre menschliche Konstruktionen wie Liebe und Freundschaft.

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Blickt man hinter die gläserne Fassade, so offenbaren sich verletzliche und verletzte Individuen. „Anxiety“ – Angst ist das Leitthema der Fotoreihe »Condensed Memory« der Künstlerin Kang Da-Young, einer nach Eigenaussage ängstlichen und unsicheren Frau. Sie zeigt Menschen, die sich verstecken, Risse in der Wand, eine verwelkte Blume, deren Topf halb über die Tischkante ragt. Die Fotografin zeigt Ängste, Repressionen und Furcht, die nicht zwangsläufig die ihrigen sein müssen. Sie stehen für das Gefühl des Ausgeliefertseins in der Moderne, für die individuellen Schicksale, die allerorts zu finden sind und die man nur exemplarisch abbilden kann. Die Darstellung von Krisen und Verzweiflung erfolgt in einer derartigen Intensität und Schonungslosigkeit, dass das bloße Gefühl zum alleinigen Fixpunkt des Fotos wird, hinter dem Modell und Fotografin gleichsam zurücktreten.

Die Ausstellung ist zudem ein Medium der Selbsterforschung. Noriko Ishihara versucht beispielsweise, die verschiedenen Nuancen von Wasser zu ergründen. Wasser ist die universale Grundlage für Leben, doch was bedeutet es für den Einzelnen? Warum drückt sich im Wasser Schmerz, Freude und Sehnsucht aus? Die Kunstwerke sind sodann auch ein Versuch, die eigene Persönlichkeit zu erkennen, mitsamt ihrer Schwächen, Kanten, aber auch Stärken. Im Min-Yung macht dies zu ihrem Thema. In ihrer Reihe »immimyung« – der Name ist bereits Programm – zeigt sie kleine Veränderungen an ihrem Körper und ihrer Umgebung. Narben, wachsende Zehennägel, ein ausgefranstes Tuch, Hautschuppen auf einem Sofa – alles in diesem Mikrokosmos ihres Selbst steht im beständigen und unscheinbaren Wandel, der sich nur in Retrospektive offenbart. Um eine Präsentation des Selbst geht es auch bei Lee Soo-Yeons Skulpturen. Sorgsam gefertigte Schätze sind in Bücher eingelassen worden. Öffnet man die Buchdeckel und begutachtet die Skulpturen und koreanischen Textfragmente, die nicht entziffert werden sollen, hat man sogleich das Gefühl, man blicke in die Seele der Künstlerin. Es ist der Versuch, etwas zu vermitteln, was nicht in Sprache zu fassen ist.

In ihrer Divergenz haben die zehn jungen Künstler aus Korea doch eines gemein: Hinter dem Leistungsdruck und der gefühlsglatten Fassade der modernen Gesellschaft zeigen sie sich als Individuen mit ihren Ecken und Kanten, in ihrer Gebrochenheit. Hier liegt der Grundtenor ihrer unterschiedlichen Ansätze, das übergeordnete Thema: Ein junges koreanisches Bewusstsein steht hier als Ausdruck eines neuen Subjektzentrismus und einer neuen Individualisierung in Auseinandersetzung mit einer durch den Konfuzianismus geprägten Gesellschaft.

Die Fotografien offenbaren Fremde und Nähe zugleich, sie führen in eine Welt der Melancholie ein und schauen auf das Subjekt. Der Betrachter wird mit einem Gefühl der Beklemmung über die Intimität der Fotos zurückgelassen, über die persönlichen Offenbarungen der Künstler. Der Betrachter ist überrascht, obgleich des fernöstlichen Ausdrucks, sprechen die Fotografien doch Probleme und Themenstellungen an, die von den unseren nicht sonderlich abweichen. In dieser Spannung halten die jungen Fotografen Koreas der westlichen Welt den Spiegel vor, sie zeigen uns in dieser kulturellen Kluft die Abgründe unserer eigenen modernen, globalen und homogenen Gesellschaft auf, die wir nicht als solche für uns annehmen und nur in der kulturellen Distanz als solche wahrnehmen.