Buchrezensionen, Rezensionen

Spiegel geheimer Wünsche. Stillleben aus fünf Jahrhunderten, Ausst.kat., hrsg. v. Hubertus Gaßner u. Martina Sitt, Hirmer Verlag 2008

Im Hubertus-Wald-Forum der Hamburger Kunsthalle lief bis Oktober 2008 die überraschend frische und amüsante Ausstellung »Spiegel geheimer Wünsche« mit über 150 Stillleben aus fünf Jahrhunderten, der ein völlig neuer Blick auf eine alte Gattung gelungen ist. Fortgesetzt wurde dies bis zum 12. Juli 2009 in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen. Da diese Ausstellungen bereits vergangen sind, bleibt nur der Katalog als origineller Zugang zu den Werken bestehen.

Den Schwerpunkt der Ausstellung in Hamburg (und später auch Bietigheim- Bissingen) bildeten 50 opulente Gemälde aus dem Barock, etwa von Willem Claesz Heda und Abraham van Beyeren, die zusammen mit Stillleben des Impressionismus von Gustave Courbet, Auguste Renoir und Claude Monet bis hin zu Max Beckmann, Juan Gris, Pablo Picasso und Georges Braque in einen Dialog mit zeitgenössischen Arbeiten von Mona Hatoum, Thomas Schütte, Jeff Wall, Jörg Sasse, Thomas Demand, Wolfgang Tillmans oder Bernhard Prinz traten. Die meisten Werke kamen aus dem eigenen Sammlungsbestand, der um 25 Leihgaben erweitert wurde. Der gleichnamige, von der Kuratorin Martina Sitt konzipierte, sehr schön gestaltete Katalog vertieft nun diesen Dialog und führt dem Leser in drei großen Kapiteln mit umfangreichem Material die Vielfalt der Gattung vor Augen.
Erklärtes Ziel ist, die chronologische Entwicklung der präsentierten Stillleben-Typen zu verfolgen und der Frage nachzugehen, was dieses oft rätselhafte Genre für die Künstler über Jahrhunderte so attraktiv gemacht hat, aber auch welche Verfahren der Malerei sie anwandten, um alltägliche, stille Gegenstände auf verführerische Weise abzubilden, und wie die Bilder tatsächlich wirken. Martina Sitt erläutert in ihrem Essay »Spiegel geheimer Wünsche«, um welche Motive und Motivationen des Malens und Sammelns es sich dabei konkret handelte – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass es noch viel Forschungsarbeit zu leisten gibt: ebenso wie der Briefwechsel zwischen Malern und Sammlern müssten die Archive nach Belegen für Ankaufsvorgänge systematisch durchsucht werden. Auch die betreffenden Konvolute der Hamburger Kunsthalle sind erst in Ansätzen dokumentiert.
Konkret zeugen die verschiedenen Sujets – das sorgfältige Arrangement von Kuriositäten, Raritäten und Kostbarkeiten wie prunkvoll gedeckte Tische, wertvolle Tücher und Porzellan, Bücher, Blumen- und Früchteensembles, Musikinstrumente, aber auch Jagdtrophäen – von den unterschiedlichen Interessen der Maler, Käufer und Sammler vom 17. bis 21. Jahrhundert. So kann der Reiz zum Beispiel in der minutiösen Wiedergabe verschiedenster Oberflächen liegen, in der Nobilitierung des Alltäglichen oder in der Versinnbildlichung religiöser, moralischer Inhalte, die oft – als gängigste memento-mori-Objekte etwa Totenkopf und Sanduhr – auf die unwiederbringlich verrinnende Zeit verweisen, wie Peter Wegmann u.a. darlegt (»Sublimste Vanitas in jeder Zitrone. Zu Pieter Claesz’ monochrome banketijes – Ephemere Präsenz der Dinge im Wechsel des Lichts«). Aber ein besonderer Reiz der Stilllebenmalerei liegt bis heute vor allem im Trompe-l’oeil: in der perfekten Illusion, der täuschend echten Darstellung, die die Künstler mit Farbe, Pinselduktus und kunstvoller Lichtführung erschaffen.
Diesem raffinierten Spiel mit Wahrnehmung und Illusionseffekten widmet sich ein Schwerpunkt des Kataloges: Der Beitrag »Augenwischerei: einst und jetzt« von Philip Ursprung sowie acht Essays zum Thema »Malerische Herausforderungen und Phänomene. Stille Spiele mit dem Betrachter« von Martina Sitt, Dorothee Gerkens, Christiane de Vos und Silke Reuther decken auf, welche Strategien die Künstler anwandten, um den Betrachter in die Irre zu führen. Hier geht es um Raumkonzeption, Flächen und Entfernungen, Lichtregie, Innenraum und Außenwelt, um verschachtelte Realitätsebenen und Spiegelungen – und dabei immer wieder um die Rolle des Betrachters.
Die zeitgenössischen Stillleben treten mit den älteren Gemälden in einen Dialog und inszenieren spannende, aktuelle Versionen. Auch wenn sie durch die veränderten Wahrnehmungsbedingungen immer stärker zu einem Experimentierfeld für neue Stilrichtungen, Materialien und Medien werden, tauchen wiederholt die klassischen Stilllebenmotive wie gedeckte Tische, tote Jagdtiere oder die traditionelle Symbolik auf, etwa in den Fallen-Arbeiten von Andreas Slominski (1986–95) oder in James Hopkins Assemblage »Dekadenz und Untergang« (2006): ein Werk, das unmittelbar die Themen früherer Stillleben-Generationen aufgreift. Mit den typischen Utensilien eines Jugendzimmerregals, das als Gesamtensemble und mit Abstand betrachtet deutlich die Silhouette eines riesigen Totenkopfes ergibt, spielt es auf das Kunstkammerregal mit seinen sinnlichen, wissenschaftlichen Objekten ebenso wie auf das Vanitas-Motiv an.
 

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Sehr gelungen und lehrreich ist auch der dritte Katalogteil, der nach den 26 Buchstaben des Alphabets geordnet eine »Enzyklopädie der Begehrlichkeiten« inklusive der sie hervorrufenden Sujets zusammenstellt und auf diese Weise Abhängigkeiten und Vernetzungen verdeutlicht.
Anhand der hervorragenden Abbildungen, darunter viele prächtige Detailaufnahmen, werden alle Beobachtungen besser nachvollziehbar und die optischen Verführungen ein Sehgenuss. Ein ausführlicher Anhang mit kurzen, zum Teil bebilderten Biografien der 109 vertretenen Künstler und einem Literatur-, Begriffs- und Personenverzeichnis ermöglicht das Auffinden der angesprochenen Begriffe und Werke und damit ein gezieltes Nachforschen.
Der Katalogband greift denselben originellen Zugang zur Stilllebenmalerei auf wie schon die Ausstellung und beleuchtet in den übergreifenden Aufsätzen auch immer wieder ihre Aktualität in den modernen und zeitgenössischen Gemälden, Fotografien und Installationen – Kompositionen voller verborgener Symbolik und Doppelbödigkeit, Sinnestäuschung und feiner Ironie. Statt Abbildern der Wirklichkeit sind es stets zugleich Manipulationen derselben. Allen Stillleben gemeinsam sind die geheimen Wünsche, die sie beim Betrachter wecken. Wertvolle Silbergefäße rufen Sammelleidenschaft hervor, saftige Früchte suggerieren Genuss, erlegte Tiere spielen mit Macht und gebändigter Wildnis. Der Wunsch nach Ewigkeit wird im Bild erfüllt, wenn Blumen nie verblühen, die Zeit nicht verrinnt oder der schöne Augenblick für immer bleibt.