Buchrezensionen

Städtische Galerie Offenburg (Hg.): Raymond E. Waydelich, modo Verlag 2017

Lydia Jacob, die Schneiderin aus Straßburg, wäre wohl ohne Raymond E. Waydelich kaum einem Menschen ein Begriff. Sie bildet den zentralen Ankerpunkt von Waydelichs Werk. Der modo Verlag widmet dem Künstler und der Schneiderin eine wunderbare Publikation. Stefanie Handke hat sie sich angesehen.

Als Raymond E. Waydelich 1973 auf einem Straburger Flohmarkt unterwegs war, war Lydia wahrscheinlich schon nicht mehr am Leben. 1876 geboren, arbeitete als Zuschneiderin – und führte Tagebuch. Statt aber irgendwann entsorgt zu werden, landete das schließlich auf eben jenem Flohmarkt und fiel dem Künstler in die Hände – die Geburt eines Alter Ego. Ihr Traum, eine große Modedesignerin zu werden, faszinierte den Künstler und er beschloss ihr sein Werk zu widmen. So entstanden zahlreiche Collagen, die mit ihrem Namen versehen sind, und ihre zum großen Teil fiktive Geschichte erzählen. Unter anderem entwarf Waydelich auch einen Stammbaum mit Vorfahren und Verwandten der Modeschöpferin in spe. Davon sind zahlreiche im Katalog zu sehe – sowohl zu Lydia Jacobs Geschichte, als auch zu den Personen aus ihrem »Stammbaum«, denen er besonderes Gewicht beimaß – vier Männern, alle natürlich mit Berufen, die Waydelich selbst gern ausüben würde. So ziert den Titel etwa Tunnes Georges Mory, der Archäologe mit einem Objektkasten aus Fotografen, Besteck und altem Zeitungspapier. Aber er entwarf auch Terrinen für ein Lydia Jacob gewidmetes Hotel – weiß-goldene Kompositionen mit reizenden Tierchen – und ebenso Collagen, die Lydias Traum zu verwirklichen scheinen, etwa »Voyage Lydia Jacob« (2009). Darin kombiniert er Gepäckstücke von Louis Vuitton mit anderen grafischen Elementen und stellt die Zuschneiderin in die Traditionslinie der Designlinie.

Diese Kästen entstehen aus Waydelichs Leidenschaft für das Sammeln heraus und präsentieren zugleich den zweiten wichtigen Aspekt seiner Arbeit: die Beschäftigung mit der »Archäologie der Zukunft«. Der Künstler fragt sich nämlich, was passiert, wenn zukünftige Generationen unsere Hinterlassenschaften entdecken und diese interpretieren müssen. So entstanden im Laufe seines Schaffens Werke wie »Homme de Frédehof« (1978) oder seine »Grüfte der Zukunft« in Straßburg und Kassel. Darin versenkte er Alltagsgegenstände der Gegenwart in Betonkammern, die erst im Jahr 3790 n.Chr. geöffnet werden sollten. Er konservierte sie sorgfältig in Fässern und Kisten – Fußballschals ebenso wie Bücher, elsässische Gerichte, Geschirr, Wein, Prothesen und ähnliches, scheinbar zufällig gewähltes »Zeug«. Denkt man darüber nach, so kann man sich kaum entscheiden – verwirrt das nun die Archäologen der Zukunft oder gibt es ihnen ein ehrliches und umfassendes Bild unserer Zeit? Die Antwort würde wohl nur eine Zeitreise in die Zukunft geben. Und wird Waydelich mit diesem Gedanken nicht auch zu einer Art Zeitreisendem, wenn er sich in die Ausgräber des kommenden Jahrtausends hineinversetzt? Genau das macht er auch, wenn er Keramikkopien von Autoreifen fertigt – der Gummi wird schwerlich ewig halten und wie sonst sollten zukünftige Generationen erfahren wie sich unsere Automobile bewegt haben?

Als ob das nicht schon reichen würde, die Faszination für Raymond E. Waydelichs Schaffen zu wecken, sucht der Künstler stets nach neuen Anregungen. Seine »Memory Paintings« verarbeiten die Werke großer Meister ganz in der Tradition Duchamps zu eigenen Werken. Dafür vergrößert er sie am Computer, übermalt und verfremdet Teile und schafft so einen neuen Blick auf die Alten Meister. So finden sich » Gabrielle d’Estrées und eine ihrer Schwestern« in einer Umgebung aus zahlreichen Zuschauern, einem Herd und Waydelichs eigentümlichen Figuren wieder, während der Stich der Promenade des Anglais mit einem Affen, einer orientalischen Dame und Wesen des Künstlers bevölkert wird. Die historischen Werke bekommen so eine neue Dimension, ein regelrechtes Update. Sieht man dieses Interesse des Künstlers an historischen Vorbildern, so verwundert es kaum, dass er sich auch mit zeitgenössischen Phänomenen beschäftigt: So verarbeitet er auch mal einen Brockhaus zu einem Objekt, zündet in der Tradition Jerry Lee Lewis‘ ein Klavier auf einem Scheiterhaufen an oder verarbeitet Schallplatten in seinen Collagen. Den Rat seiner Mutter, stets Siemens-Haushaltsgeräte zu benutzen, befolgt er beflissentlich – auch in zahlreichen Werken. Auch seiner Faszination für zahlreiche Stars verleiht er in ihnen Ausdruck: »Hommage à John Wayne« (2008) rekurriert mit der Waffe auf dessen Rollen als Westernheld. Und seit 2014 arbeitet er darüber hinaus an Bühnenbildern für eine Opernversion des Romans »Heidi« von Johanna Spyri. Hier tummeln sich Figürchen vor naiven Landschaften, bevölkern Boote den Himmel ebenso wie Dinosaurier die Alm.

Als Archäologe der Gegenwart bezieht Waydelich zudem Erfahrungen aus seinen Reisen mit ein. Er besucht gern Ausgrabungsstätten rund um den Globus und lernt dabei zugleich die Kulturen der bereisten Länder kennen. So verarbeitete er seine Erlebnisse auf marokanische Märkten, bemalte namibische Stoffe und entwarf archaisch anmutende Masken aus Thonet-Stühlen. Und selbst in seiner Heimat findet er erkundenswerte Phänomene, etwa wenn er die Faszination des Menschen für Waffen und ihren Gebrauch in Zeichnungen, Objekten und Aktionen zur Todesstrafe verarbeitet. Nicht vergessen werden darf in einem retrospektiv angelegten Katalog Raymond E. Waydelichs Beziehung zu seiner Heimat, dem Elsass. Hier ist er verankert, lädt Freunde und Bekannte in seinen Garten ein und ließ 1987 auch schonmal einige Kubikmeter elsässischer Erde samt Bewuchs nach Hamburg verpflanzen.

Mit dem Katalog begegnet dem Betrachter das faszinierende Werk eines Archäologen der Zukunft, eines Zeitreisenden und eines Künstlers, der den Spagat zwischen fantastischen und realistischen Elementen schafft. Die Zeitlichkeit in Waydelichs Werk ist dabei wohl am beeindruckendsten. Sowohl seinen Spektakulären Großprojekten als auch seinen zahlreichen Assemblagen und Collagen zollt das Buch dabei Tribut und ermöglich einen umfassenden Einblick in sein Schaffen. Flankiert werden die Abbildungen von Texten zu seiner Herkunft und künstlerischen Entwicklung. Aber auch ein historisches Spiel darf der Leser spielen: ein sogenanntes »questionnaire«, das sich in den Pariser Salons um 1900 großer Beliebtheit erfreute, stellt dem Künstler fragen nach Lieblingstugenden und anderen wichtigen Dingen seines Lebens – ob die Antworten darauf ernst zu nehmen sind, sei dahingestellt.